24.07.2020 - 15:43 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Gärtner setzt auf Insekten statt Pflanzenschutzmittel

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Florian Sturm aus Neunburg vorm Wald ist Gärtner mit Leib und Seele. Sein Gemüse soll nicht in Berührung mit Pflanzenschutzmitteln kommen. Er geht einen unkonventionellen Weg und setzt ausschließlich Insekten zur Schädlingsbekämpfung ein.

Die Insekten zum Aus-der-Dose-Schütteln setzt Gärtner Florian Sturm ein, um Schädlinge von seinen Pflanzen fernzuhalten. Pflanzenschutzmittel kommen bei ihm nicht in die Tüte.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Frisches, knackiges Gemüse aus der Region ist voll im Trend. Florian Sturm aus Neunburg vorm Wald produziert solches, und zwar Tomaten, Gurken und Paprika. Soweit so unspektakulär. Doch was er sich über die vergangenen Jahre erarbeitet hat, ist mehr als ungewöhnlich. Um seine Pflanzen vor Schädlingen zu schützen, hat er in der Region einen einzigartigen Weg beschritten. Er schützt seine Produkte mit Insekten, die die Schädlinge wie Läuse fressen oder töten. Seine Gewächshäuser sind wahre Biotope. Einfach war es nicht, billig ist es schon gar nicht, doch das ist es Sturm wert. Denn dank seiner kleinen Helfer kann er auf seinem gesamten Gelände vollkommen auf Pflanzenschutzmittel verzichten. Hummelvölker bestäuben die Tomaten, Schlupfwespen, Raubmilben und andere Insekten machen den Schädlingen den Garaus. Der Arbeitsaufwand dabei ist extrem hoch, doch es ist die Leidenschaft, die Sturm sein Ziel verfolgen lässt.

"Vor 10 oder 15 Jahren hat alleine der Preis gezählt", sagt Sturm. Doch mittlerweile habe es einen Umbruch gegeben, Verbraucher legten mehr Wert auf hochwertige Produkte. Als er noch in der Ausbildung war, hatten sein Vater und sein Onkel schon damit angefangen, mit den Insekten als Pflanzenschützer zu experimentieren. Sturm: "Ich habe in einem Betrieb gelernt, in dem sehr viel gespritzt wurde. Die haben drauf geklatscht, was nur ging. Das war mir immer unsympathisch." Als er zurück in den Familienbetrieb kam, habe ihn die Idee des natürlichen Pflanzenschutzes sofort gepackt. Er habe "Blut geleckt". Die Insekten, der er einsetzt, nennt man im Gegensatz zu den Schädlingen Nützlinge. Ihr Einsatz kommt ihm rund dreimal so teuer wie der Einsatz konventioneller Pflanzenschutzmittel. Sturm: "Das ist das, woran ich glaube. Anders könnte ich meine Produkte aber nicht guten Gewissens an den Mann bringen."

Harter Weg ans Ziel

Damit Sturm zu dem Ertrag kommen konnte, den er jetzt hat, musste der gerade mal 30-Jährige einen mehrjährigen, sehr steinigen Weg gehen. "Es ist ein harter Kampf", erklärt er. Er kann sich vorstellen, dass das einer der Gründe sein könnte, warum nicht jeder Gärtner so arbeitet. "Du brauchst viel Knowhow und Wissen, das du dir über Jahre aneignen musst", sagt Sturm. Einfach selber beibringen geht nicht. Sturm ist dafür auf unzählige Vorträge gefahren, wo er mit Experten reden konnte. "Du hast Nützlinge, die in verschiedenen Temperaturspektren arbeiten, die an bestimmten Pflanzen auch nur auf einen bestimmten Schädling gehen." Es gibt über 100 Lausarten, für jede gibt es einen anderen Nützling. Die Gurken haben Sturm anfangs besonders Kopfzerbrechen bereitet. "Das es da mit Spinnmilben als Schädling zu tun, der ist extrem aggressiv und macht die Pflanze in kürzester Zeit kaputt", sagt er. Die Spinnmilben hätten besonders in seiner Anfangszeit die gesamte Gurkenkultur zerstört. Den Frust darüber, dass er schon im August oft keine Gurken mehr hatte, schluckte der Gärtner einfach. "Das was ein riesen Problem. Aber da darf man nicht aufgeben", sagt er. Aber probieren geht über studieren. "Man hat da vielleicht am Anfang auf die falschen Nützlinge gesetzt, oder es waren zu wenig. Da hätten viele vielleicht schon aufgegeben, aber das wollte ich nicht."

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Nabburg

Und was lange währt, wird endlich gut. Mittlerweile ist Sturm bei einem Niveau angekommen, das sich in Sachen Pflanzengesundheit und Ertrag nicht von anderen konventionellen Gärtnereien unterscheidet. Allerdings: "Wenn du spritzt, dann ist die Pflanze belastet und gibt das ans Gemüse weiter. Das Problem ist halt beim Verbraucher oft, dass du einer Tomate oder Gurke nicht ansiehst, dass sie gespritzt ist."

Kleine Helfer, große Wirkung

Wer heute durch Sturms Gewächshäuser streift, dem fallen die kleinen Papiertüten, die an den Sträuchern hängen, vermutlich nicht einmal auf. Doch die haben es in sich. Der 30-Jährige zeigt auf eine davon und erklärt: "Das sind Raubmilben. Die fressen sich aus der Tüte raus und verteilen sich auf der Pflanze." Schlupfwespen kommen auf kleinen Karten. Das Interessante: Auf die Karte sind eigentlich die Eier von Schädlingen geklebt, die zuvor Kontakt mit den Schlupfwespen hatten. Schlupfwespen sind Parasiten, die in die Eier anderer Insekten ihre eigenen legen. Die Larve ernährt sich dann von den Wirtseiern. Wenn die Wespen schlüpfen, befallen sie wiederum die Eier anderer Schädlinge im Gewächshaus. Andere Raubmilben bekommt Sturm in kleinen Röhrchen, die wie Salzstreuer funktionieren. "Du brauchst in der Branche nicht arbeiten, wenn du die Leidenschaft dafür nicht hast. Gärtner ist man nur mit Leib und Seele."Damit musst du jede einzelne Pflanzen anschütteln, damit überall ein bisschen Raubmilbe drauf hast", sagt er. Insgesamt setzt er zur Schädlingsbekämpfung Gallmücken, drei verschiedene Raubmilbenarten, Florfliegen, vier Schlupfwespenarten sowie Raubwanzen und Schwebfliegen ein. Mittendrin sind sogar Marienkäfer mit unterwegs. Alle zwei Wochen setzt er mit seinen Mitarbeitern neue Nützlinge in den Gewächshäusern aus.

Ich habe in einem Betrieb gelernt, in dem sehr viel gespritzt wurde. Die haben drauf geklatscht, was nur ging. Das war mir immer unsympathisch.

Florian Sturm über die konventionellen Gärtnereien

Florian Sturm über die konventionellen Gärtnereien

Sturm ist davon überzeugt, dass die Menschen seine Arbeit wertschätzen, auch wenn die Produkte etwas teurer als herkömmlich sind."Wenn wir ein Gewächshaus voll mit Tomaten hätten, die wir genauso herstellen, wie sie in Spanien produziert werden, könnten die Leute die Sachen auch weiter im Discounter kaufen", sagt Sturm. Er legt großen Wert darauf, dass sein Gemüse keine weiten Transportwege zurücklegen muss, bevor es die Leute kaufen. Er bringt es nur wenige hundert Meter weiter in seinen Laden in der Altstadt, manchmal kommen die Kunden auch direkt zu ihm in die Gärtnerei. Ein Supermarkt ganz in der Nähe bietet seine Produkte ebenfalls an. Neben seinen Social-Media -Kanälen setzt er vor allem auf Mundpropaganda seiner Kunden. Der Umwelt und Qualität seiner Produkte zuliebe tüftelt Sturm weiter an seinem Insekteneinsatz und hofft, dass er sein Wissen an junge Nachwuchsgärtner weitergeben kann, die eines Tages vielleicht auch auf den konventionellen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verzichten.

Kommentar:

Wir brauchen mehr solche Projekte

Das, was Florian Sturm macht sollten wir unterstützen, wo es nur geht. Im Grunde hat er die Lösung für einen umweltfreundlicheren Gemüseanbau, der obendrein noch den Vorteil mit sich bringt, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, ob vielleicht irgendwelche Stoffe in unseren Gurken, Tomaten und Paprikas drin sind, die uns schaden könnten und sich da sowieso nicht rein gehören.
Jeder kennt das doch irgendwie, dass man das Gemüse aus dem Discounter abwäscht, nicht nur, um es sauber zu machen, sondern auch, weil man hofft, die Rückstände vom Pflanzenschutzmittel runter zu bekommen. Nur nützt das eben nichts, wenn die Pflanzen von vornherein damit behandelt wurden und ihren Saft in die wachsenden Früchte pumpen.
Junge Unternehmer wie Sturm können die Zeichen der Zeit deuten. Die Chemiekeule, die auf gut Glück mal alles killt, was einem Insekt ähnlich sieht, ist kein zukunftsträchtiger Ansatz mehr. Insekten als kleine Helfer gegen Schädlinge einzusetzen, dagegen wohl.
Wir sollten uns fragen, ob es uns nicht die paar Cent wert ist, von Herstellern aus der Region wie Sturm zu kaufen, denen die eigenen Produkte und die Umwelt am Herzen liegen. Wenn das genug machen, dann würde sicherlich aus Sturms Nische bald ein neuer Trend in der Landwirtschaft.

Wolfgang Ruppert

Info:

Sturms kleine Helfer

Insgesamt setzt Florian Strum zur Schädlingsbekämpfung Gallmücken, drei verschiedene Raubmilbenarten, Florfliegen, vier Schlupfwespenarten sowie Raubwanzen und Schwebfliegen ein.

Auch Marienkäfer sind unterwegs. Alle zwei Wochen setzt er mit seinen Mitarbeitern Nützlinge in den Gewächshäusern aus. Die Nützlinge setzt er auch bei allen Zierpflanzen und Blumen ein.

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