25.09.2020 - 13:53 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

In Neunburg allein und doch in einer Gemeinschaft wohnen

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Das für den ländlichen Raum ausgefallene Senioren-Wohnprojekt füllt die Lücke zwischen Eigen- und Pflegeheim. Für die 19 Wohnungen gibt es zwölf feste Vorverträge. Im nächsten März soll in Neunburg Baubeginn sein.

Kurios: Neunburg gilt nicht gerade als Schneeloch, aber als von einer Agentur Fotos für die Visualisierung der geplanten Wohnanlage gemacht wurden, war die grüne Wiese weiß.
von Irma Held Kontakt Profil

"Das Projekt wird was", freuen sich Marianne Deml und Alois Wild beim Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Beide gehören dem Vorstand der Genossenschaft "9Bürger" an. Was hier "Am Ufertal" geplant ist, ist eine Wohnform, die man eigentlich in Großstädten erwartet. Hinter dieser Idee steckt die ehemalige Landtagsabgeordnete, Staatssekretärin a. D. Marianne Deml. Sie ist die treibende Kraft - aus gutem Grund.

Irgendwann wird alles zu viel

Die Vorstellung des Entwurfs

Neunburg vorm Wald

Die 71-jährige bewohnt mit ihrem Mann in Neunburg ein geräumiges Haus mit Garten. Die drei Kinder leben mit ihren Familien in München und Sankt Petersburg. Irgendwann wird mal alles zu viel. Für ein Seniorenheim fühlt sich das Ehepaar trotzdem noch zu fit. Die Demls sind kein Einzelfall. Marianne Deml findet Mitstreiter für ihr Vorhaben, die die Genossenschaft "9Bürger" gründen. Sie stößt auch bei Bürgermeister Martin Birner, Stadtrat und -verwaltung auf die Bereitschaft, neue Wege zu beschreiten. Der Bürgermeister ist Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft. "Ich bin Mitglied in der Genossenschaft, mit der Option, später das Haus aufzugeben und einzuziehen", sagt die 71-Jährige.

Die Genossenschaft und ihr Projekt

Gästezimmer für Familienbesuch

Die Stadt überlässt auf Erbpacht das Grundstück in Friedhofs- und Seniorenheimnähe den "9 Bürgern". Den Architektenwettbewerb gewinnt das Büro "BeL" aus Köln. Für dessen Entwurf spricht schlussendlich "die große Flexibilität in den einzelnen Wohnungen. Fest ist überall das Rollstuhl gerechte Bad", sagt Alois Wild. Darüber hinaus kann Trockenmauerwerk in den Holzbau eingezogen werden, wie es sich der Bewohner wünscht. Alle Wohnungen in der Größe von 40 bis 80 Quadratmetern sind seniorengerecht. In dem dreigeschossigen, wegen einer leichten Hanglage nach hinten aufsteigenden Gebäude werden die Wohnungen, die alle über Außenzugang zu erreichen sind, immer größer. Kommen Kinder oder Enkel zu Besuch steht dafür ein Gästezimmer zur Verfügung.

"9Bürger" informieren

Neunburg vorm Wald

Die Gemeinschaft wird in einer Art Gesellschaftsraum, aber auch im Innenhof gelebt. Das Reizvolle an diesem Projekt ist für Marianne Deml "selbst bestimmt und selbstständig zu leben", ohne die Gemeinschaft zu missen. Bewohner können sich gegenseitig unterstützen, zusammensitzen, aber ebenso für sich sein. Als Slogan über das Wohnen "Am Ufertal" stellt sie die drei Worte "Gemeinsam statt einsam". Raum für Kontakte bietet zum Beispiel eine Art Remise mit Abstellabteilen, die einen Keller ersetzen, einer überdachten Freifläche für Feiern und handwerkliche Beschäftigung, Wäschetrocken- und Autoabstellplatz. Apropos Auto: Auch hier will Marianne Deml eine Vorreiterrolle einnehmen. Sie denkt an Carsharing. Weil auf das Dach der Remise eine Photovoltaikanlage kommt, könnte es durchaus ein E-Auto sein. "Wenn's gut läuft, können wir uns mit Energie autark versorgen." Das ist der eine Aspekt der Nachhaltigkeit, der andere: Nicht jeder brauche im Alter unbedingt ein eigenes Auto vor der Tür.

Der Grundgedanke einer Genossenschaft

Weiden in der Oberpfalz

Alois Wild, Rückkehrer aus dem Raum München, stimmt ihr zu. "Ich benutze mein Auto oft zwei Wochen nicht. In Neunburg bekomme und habe ich alles, was ich brauche." Den nach einer Trennung alleinstehenden aus Taxöldern stammenden Rentner hat es nach dem Berufsleben wieder in die alte Heimat gezogen. "Ich brauche die Großstadt nicht mehr und kann mir hier als Rentner das Leben noch leisten." Er ist Genossenschaftler und baldiger Bewohner im Ufertal. Das sei bei seinem Umzug anders geplant gewesen. Er sei mit der Absicht gekommen: "Da kaufst dir halt a Häusl." Was ihm an diesem Modell fasziniere, sei das lebenslange Wohnrecht als Genosse. Er zahle zwar eine monatliche Nutzungsgebühr, die zusätzlich zum Genossenschaftsanteil fällig werde, aber es sei eben kein Mietverhältnis. Mit der Genossenschaft "glaube ich, haben viele noch ein Problem. Viele können sich nicht vorstellen, das Eigentum aufzugeben. In der Stadt ist das ganz anders." Aber: Auch hier sind die Leute bereit umzudenken. "Die Erste, die sich gemeldet hat, als unser Projekt vorgestellt wurde, kommt aus dem Ufertal", freut sich Marianne Deml. Als Einzugstermin wird Ende 2021 anvisiert.

Marianne Deml und Alois Wild zeigen auf einem Modell den Standort des Senioren-Wohnprojektes (Wohnanlage braun) .
Wohnprojekt am Ufertal 9Bürger

Viele können sich nicht vorstellen, das Eigentum aufzugeben. In der Stadt ist das ganz anders.

Alois Wild, Vorstandsmitglied der Genossenschaft

Alois Wild, Vorstandsmitglied der Genossenschaft

Die Erste, die sich gemeldet hat, als unser Projekt vorgestellt wurde, kommt aus dem Ufertal

Marianne Deml, Vorstandsmitglied der Genossenschaft

Marianne Deml, Vorstandsmitglied der Genossenschaft

"9Bürger":

Wohnen im Alter

"9Bürger" ist ein Wortspiel. Die Wohnungsbaugenossenschaft "9Bürger eG" wird 2018 von neun Neunburger Bürgern gegründet, mit dem Ziel das Wohnprojekt "Am Ufertal" umzusetzen. "Mir war wichtig, dass die Finanzierung von den Neunburgern geleistet wird", sagt Marianne Deml. Zwölf feste Vorverträge für Wohnungen sind geschlossen. Auch für die sieben noch freien Objekte gibt es ernsthafte Interessenten. Die Baumaßnahme braucht noch einmal die Zustimmung des Stadtrates, bevor es an die Ausschreibung geht. Die Bauherrenseite, die Genossenschaft, wird fachlich vertreten von Markus Sowa-Deml. Marianne Demls Sohn ist Architekt und hat in München bereits mit der Gründung von Baugenossenschaften Erfahrungen gesammelt. Wer die Anlage mitfinanzieren will, ohne selbst dort zu wohnen, kann dies ebenfalls tun. Für die freiwilligen Anteile wird laut Marianne Deml eine Rendite von 2,5 bis 3 Prozent erwartet. Wer sich für eine Wohnung oder die Genossenschaft interessiert, nimmt Kontakt auf unter Telefon 09672 / 2370, oder schickt eine E-Mail an kontakt[at]9buerger[dot]de

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