23.12.2020 - 16:17 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Neunburger Weihnachtserinnerungen: Als das Christkindl noch mit dem Schlitten kam

Nur selten liegen Spielsachen unterm Baum, zur Christmette rufen die Glocken um Mitternacht, und zu Hause wird vom Spuk der Rauhnächte erzählt. Wie einst Weihnachten in Neunburg gefeiert wurde, steht in Büchern und alten Manuskripten.

An einem Heiligen Abend gegen Ende der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist diese Aufnahme einer Oberpfälzer Familie entstanden. Für das Foto haben sich alle um den Esstisch versammelt, ein prächtiger Baum schmückt die Stube und dem kleinen Mädchen vorne rechts hat das Christkind offenbar eine neue Puppe gebracht.
von Philipp Mardanow Kontakt Profil

Den Nostalgie-Trip in die Neunburger Weihnachtsgepflogenheiten von anno dazumal, ermöglichen die Schriften zweier örtlicher Chronisten. Der Ehrenbürger Josef Meier (1893 bis 1976) und der Autor und Journalist Teodoro Caremoli (1917 bis 2006) haben in ihren Erzählungen und Erinnerungen ganz unterschiedliche Aspekte des Christfestes früherer Tage beleuchtet. In Meiers "Lebens-Erinnerungen" (verfasst 1945) und in Caremolis zweitem Buch der "Neunburger Leit' von gestern und heit'" (1975) offenbart sich dem Leser ein Bild von Weihnachten, das sich mitunter deutlich von den heutigen Gewohnheiten unterscheidet.

Die Atmosphäre

"In der damaligen Zeit is' das Christkindl noch mit dem Rössl und dem Schlitt'n g'fahrn und net wie heut mit dem Sechszylinder", leitet Teodoro Caremoli ein weihnachtliches Kapitel ein. Großer Anziehungspunkt damals war das Schaufenster der Schreinerei Ettl mit ausgestellten Spielsachen und einer fahrenden Eisenbahn. "So mancher heute alte Neunburger hat damals sei' Nos'n vor lauter Begeisterung und kindlicher Freude an die Scheib'n hindrückt (...) und die vielen Sachen bestaunt, die für die meisten nur ein unerfüllbarer Traum blieben", so Caremoli. Josef Meier schildert, dass der Heilige Abend der einzige Tag im Jahr war, an dem die Kinder bis 1 oder 2 Uhr aufbleiben durften – "um nachts 12 Uhr die Christmette zu besuchen".

Die Chancen auf ein verschneites Weihnachten sind eher gering

Deutschland und die Welt

Der Christbaum

Den Christbaum holte sich Josef Meier selbst aus dem Wald, meist am "Pfifferlberg" auf dem Weg nach Penting. "Das war zwar verboten und wurde als Diebstahl geahndet, aber wir Buben kümmerten uns darum wenig", schreibt er. Es sei gar nicht so leicht gewesen, einen schönen Baum zu finden. "In der Natur sahen sie alle schön aus, waren sie aber abgeschnitten und wurden von ihrem Standplatz weg betrachtet, hatten sie immer wieder Fehler." Deswegen hätten oft auch mehrere Bäume "dran glauben müssen", bis der richtige gefunden war. "Unser Christbaum war immer rund eineinhalb Meter hoch und mit Zuckerstückchen, Äpfeln, Gold- und Silberlametta und mit vergoldeten und versilberten Nüssen behangen und mit (...) Kerzenlichtchen bestückt", erinnert er sich.

Die Geschenke

"Als Weihnachtsgeschenke gab es für uns Buben in der Regel Schuhe und Kleidungsstücke, selten Spielsachen, wie Zinnsoldaten, Baukästen und andere Dinge", überliefert Josef Meier den damaligen Gabentisch. "Eine Paar Strümpf' und eine warme Haub'n, recht viel mehr war nicht drin", heißt es bei Caremoli, der feststellt: "Trotzdem war die Freud' vielleicht größer wie heut'." Und wenn auch manchmal ein Schaukelpferd oder eine "Dogga" (Puppe) unterm Baum lag – laut Caremoli wurden nach dem Dreikönigstag diese Sachen wieder von den Eltern weggeräumt, und im Jahr darauf erneut verschenkt. In Sachen Christkind war aber Josef Meier offenbar ein Skeptiker: "Schon als kleiner Bub hab' ich schon nicht recht glauben können, dass diese Sachen mit himmlischen Dingen etwas zu tun haben sollten."

Die Christmette

"An Heiligabend war nachts um 12 die Christmette", erinnert sich Josef Meier. Diese sei "recht feierlich" und stets gegen 1 Uhr zu Ende gewesen. Besondere Andacht habe bei ihm immer "Stille Nacht, heilige Nacht" ausgelöst, das der Kirchenchor "besonders stimmungsvoll zum Vortrag brachte". Auch Teodoro Caremoli schreibt von der Christmette um Mitternacht. Dazu habe der damalige Neunburger Musikmeister Dürr "Stille Nacht" mit der Trompete vom Schloss herunter geblasen. Und zum Gottesdienst habe die 36 Zentner schwere Georgsglocke gerufen, die "eine ganz andere Aussprach' g'habt hat, als dös G'läut von heut". Laut Josef Meier gab die große Glocke bereits um 23.15 Uhr das erste Zeichen zur Mette.

Kulinarisches

Der heilige Abend sei ein Fasttag gewesen, an dem keine Fleischspeisen gegessen werden sollten, überliefert Josef Meier. Aber: "Ich sage sollten, weil dieses kirchliche Gebot in den meisten Häusern nicht beachtet wurde." Wo es aber gehalten wurde, habe es nach der Christmette die sogenannten "Mettenwürste" (Blut- und Leberwürste) mit Kraut und Kartoffeln gegeben. Und der damalige Pfarrer Heinrich Hellberg (1898 bis 1905 in Neunburg) habe die Ministranten am ersten Feiertag zu sich eingeladen und beschenkte sie mit Nüssen, Äpfel und Zuckerstückchen.

Spuk in den Rauhnächten

Der Abend des 24. Dezember sei auch dazu genutzt worden, um von allerlei Spuk in den Rauhnächten zu berichten – "von denen ja jene der Christnacht die wichtigste war", heißt es bei Josef Meier. Der Aberglaube besagte, dass man "sogar den Teufel in leibhaftiger Gestalt" sehen sollte, wenn man sich während der Christmette auf eine Kreuzstraße stellte. Und wer im Gottesdienst während der Wandlung auf einem "aus neunerlei Holz gefertigten Betschemel" kniete, sollte gar seine Zukunft voraussehen können – "wenn er nicht vom Teufel erfasst und weggeholt wurde", so der Chronist.

Ein Sammlerstück ist diese Postkarte mit Weihnachtsgrüßen aus Neunburg. Gedruckt wurde sie in den 1930er Jahren.
Hintergrund:

Die Verfasser

  • Josef Meier: Geboren 1893 in Neunburg, verstorben 1976 in Eichstätt. Von 1906 bis '11 Mitarbeiter in der Stadtverwaltung Neunburg, von 1911 bis '58 Mitarbeiter der Stadtverwaltung Eichstätt. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Band wurde am 10. Juni 1967 zum Ehrenbürger der Stadt Neunburg ernannt. Er ist Verfasser zahlreicher Beiträge zur Heimatgeschichte, beispielsweise "Aus Neunburgs Vergangenheit" (1937). Sein Privatarchiv hat er dem Stadtarchiv vermacht.
  • Teodoro Caremoli: Geboren 1917 in London, verstorben 2006 in Nittenau (begraben in Neunburg). Ab 1924 Bürger der Stadt, nach einer Ausbildung zum Buchdrucker Angestellter der örtlichen Druckerei Flierl. Er war selbstständiger Druckereibesitzer (bis 1973), Herausgeber des "Neunburger Anzeiger", Journalist und Buchautor. In drei Bänden "Neunburger Leit' von gestern und heit'" hat er humorvolle und satirische Anekdoten und Erzählungen aus Neunburg und dem Umland niedergeschrieben.

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