10.09.2021 - 00:01 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Schaufeln und schwitzen

Wo heute der Bagger in kürzester Zeit die Baugrube bereit macht, da arbeiteten früher Bauarbeiter oft wochenlang mit Pickel, Schaufel und Holzschubkarren. Anton Steininger sen. kennt das. Er hat in den 50er Jahren den Maurerberuf erlernt.

Anton Steininger als junger Firmenchef ca. 1981 beim Bau einer neuen Lagerhalle auf dem Firmengelände in Neunburg v. Wald.
von Michaela Süß Kontakt Profil

Eine Bauwirtschaft im modernen Sinne, so erinnert sich der Seniorchef des mittelständischen Bauunternehmens, gab es Anfang und Mitte des vorigen Jahrhunderts nicht in Ostbayern. „Da hat einfach die Nachfrage gefehlt“, sagt er. „In einem ländlichem Gebiet wie unserem waren vor allem landwirtschaftliche Aufträge die tragende Säule eines Betriebs."

Erst die Kühe, dann die Baustelle

Die damaligen Baufirmen, soweit man sie als solche bezeichnen konnte, entwickelten sich meist aus dem landwirtschaftlichen Bereich, "weil dort bereits Wägen und Zugtiere zum Transport zum Beispiel des Gerüstmaterials vorhanden waren", so der Seniorchef des Bauunternehmens.

"Diese Vermischung von Betriebsformen ging natürlich auch an den Lehrlingen nicht vorbei. Nicht selten war es so, dass diese vor Arbeitsbeginn die Landwirtschaft des angegliederten Betriebes bedienen mussten", erinnert er sich. "Sie mussten füttern, entmisten und im Sommer fiel der Baubetrieb flach – das Einbringen der Ernte hatte Priorität. Erst in den 1960er Jahren kam langsam die steigende Nachfrage im Wohnungsbau dazu“, erzählt Anton Steininger senior.

Das Bauen hat in Steinigers Familie schon eine längere Tradition. Bei Anlage der Handwerksrolle im Jahr 1929 führte Großvater Wolfgang bereits ein Bauunternehmen als Drei-Mann-Betrieb. Ihm folgte Sohn Josef – und bei selbigem startete dann auch Anton Steininger senior im Jahre 1956 seine Ausbildung zum Maurer. „Das war ein Beruf, den hat’s ja immer wieder gebraucht“, blickt er heute augenzwinkernd zurück.

Gut vorbereitet: Wasserwaage, Kelle und Maurerhammer musste früher ein angehender Azubi auf dem Bau selbst besitzen, bevor er mit der Arbeit beginnen konnte.

An Helme war noch nicht zu denken

Ein Zuckerschlecken war die Arbeit auf dem Bau damals allerdings nicht – und von irgendwelchen größeren technischen Hilfsmitteln konnten die Azubis und ihre Lehrherren nur träumen. „Wir hatten keinerlei Ausrüstung. Und eigentlich nur drei Werkzeuge – eine Kelle, einen Maurerhammer und eine Wasserwaage. Und das musste sich jeder Lehrling selber kaufen, bevor er auf dem Bau anfangen konnte“, erinnert sich Steininger. Auch an die heute übliche Schutzkleidung – von Sicherheitsschuhen über Helme bis hin zu wasserundurchlässigen Jacken – war vor einigen Jahrzehnten noch überhaupt nicht zu denken.

Bevor wir nun aber einen Blick auf die Baustellen-Praxis werfen, sei kurz auch noch das (oft leidige) Thema Berufsschule gestreift. Dort ging es in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg beileibe noch nicht so geregelt zu wie heute. „Wir waren auf der Berufsschule in Neunburg vorm Wald und in Bodenwöhr. Da gab es einen Diplomingenieur der versucht hat, uns jungen Leuten etwas von dem Wissen beizubringen, das er über den Bau hatte“, blickt Anton Steinigner senior heute zurück.

Einen Lehrplan im modernen Sinn gab es nicht wirklich. Natürlich mussten die Lehrlinge damals in der Berufsschule auch beispielsweise Volumen- oder Flächenberechnungen anstellen können – „aber ansonsten haben wir halt das gelernt, was seit Generationen überliefert worden ist“, erzählt der ehemalige Firmenchef. Er selbst hat später übrigens sein Berufsschul- und Praxiswissen noch mit einem Studium weiter ausgebaut.

Der Maurerberuf heute

Aus den Archiven des Bauunternehmens: Georg Beer aus Reis bei Neunburg vorm Wald begann im April 1933 seine Lehre bei Wolfgang Steininger, den Großvater des heutigen Seniorchefs.

Butterbrot und Bier

Doch nun zurück zu Steiningers Lehrjahren. Gegen 7 Uhr morgens war Arbeitsbeginn auf der Baustelle, die man üblicherweise per Fahrrad erreichte – und dann auch vor 17 Uhr kaum Schluss. Zum Verschnaufen angesichts der harten körperlichen Arbeit gab’s mittags eine kleine Brotzeit. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Butterbrot war leicht zu transportieren – und in den nicht gerade von Reichtum gekennzeichneten Zeiten nach dem Krieg war oft auch nichts anderes daheim. Mit etwas Glück kam auch der Bierfahrer auf der Baustelle vorbei – „da konnte man sich etwas kaufen, wenn man wollte“, so der Senior.

Schutz gegen Sonne und Regen – für die Lehrlinge auf dem Bau und ihre Kollegen fiel der früher eher dürftig aus. „Wir hatten eine kleine, provisorische Bretterbude, die vor allem der trockenen Lagerung von Kalk und Zement diente. Die wurde auch für die Brotzeit genutzt – da war es im Sommer heiß und im Winter kalt“, erzählt Steininger. Nun, zumindest gegen die Kälte war körperlich herausfordernde Arbeit ein probates Mittel.

Georg Beers Lehrzeugnis hat Anton Steininger seniors Großvater 1936 ausgestellt.

Und kräftig zugelangt werden musste auf der Baustelle schon immer – das galt auch für die Lehrlinge. „Wir hatten kaum Hilfsgeräte, keinen Minibagger wie heute“, sagt Steiniger. Mit Pickel und Schaufel wurde die Baugrube – oft über Wochen – ausgehoben, die anfallende Erde per Schubkarre abtransportiert.

Wenn es dann zum Mauern kam, wurde der Mörtel im 100-Liter-„Lescha-Mischer“ hergestellt. Auch die Hohlblocksteine aus Beton – jeder einzelne ungefähr 35 Kilogramm schwer – mussten per Hand verladen, mit der Schubkarre an Ort und Stelle gebracht und dort vermauert werden. Da kamen im Lauf eines Arbeitstages jede Menge an Hebe-Kilos zusammen. Welche Erleichterung, als dann die Firma des Vaters als erste größere Maschine einen Schrägaufzug anschaffte, um die Materialien in die oberen Stockwerke der Bauten transportieren zu können. Angetrieben wurde er vom Motor der kleinen Mischmaschine.

Wir haben damals noch Stangengerüste verwendet – ein Kunstwerk, das so zu machen, dass alles hält.

Anton Steininger senior.

Anton Steininger senior.

Stangengerüste waren die Regel

Apropos Zement: Den gab es zu Steiningers Lehrzeit nur in großen 50-Kilo-Säcken. Der für den Bau nötige Sand wurde regelmäßig per Bulldog-Anhänger von den Sandgruben aus Bodenwöhr und Bruck geholt.

Auch über das Thema Sicherheit auf der Baustelle in den 1950er Jahren sei an dieser Stelle noch ein Wort verloren. Denn dieser Bereich war lange Zeit – vorsichtig formuliert – noch reichlich ausbaufähig. „Wir haben damals noch Stangengerüste verwendet“, erzählt Anton Steiniger senior. Angesichts der einfachen Holzstangen, die mit Stricken zusammengebunden waren, war es für die Arbeiter schon „ein Kunstwerk, das so zu machen, dass alles hält“. Erst 1966, als er selbst das Bauunternehmen von seinem Vater übernahm, schaffte er das erste Metallgerüst für die Firma an.

Anton Steininger als junger Firmenchef 1967 beim Neubau des Feuerwehrhauses Neunburg v. Wald. Die Gesamtkosten für das Projekt betrugen damals 270000 Mark.

Der Chef bringt das Geld

Viel harte und mitunter auch gefährliche Arbeit also vor einigen Jahrzehnten für den angehenden Mauerer – und wurde die dann wenigstens gut bezahlt? „Auf dem Bau hat man noch nicht so gut verdient wie heute, so zehn Mark die Woche vielleicht“, erinnert sich Anton Steininger senior. Und überwiesen wurden die auch nicht einfach aufs Girokonto. „Für die Zahlungen ist jede Woche der Chef zu den Baustellen rumgefahren und hat jedem das Geld persönlich gegeben. An Heiligabend gab es dann auch noch 20 oder 30 Mark Weihnachtsgeld dazu“.

Heute kann man sich solche Arbeits- und Organisationsabläufe angesichts von Technisierung und Digitalisierung nur noch schwer vorstellen. Aber Anton Steininger senior sagt: „Ich habe das in meiner ersten Zeit als Chef selbst auch noch so gemacht. Heute ginge das natürlich nicht mehr – aber es hat schon eine ganz spezielle, besondere Verbindung zu den Mitarbeitern geschaffen.“

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