09.06.2021 - 14:49 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Bürgermeister schwänzt Fronleichnam: Hitzige Debatte im Stadtrat

Hat Bürgermeister Sebastian Dippold die Katholiken von Neustadt/WN brüskiert oder steht er zu Unrecht in der Kritik? Seine Nicht-Teilnahme an Fronleichnam landete nun öffentlich in der Stadtratssitzung. Streckenweise wurde es giftig.

Bunte Blumenteppiche, wie hier in Waidhaus, bieten allerorten in katholischen Gegenden ein farbenfrohes Bild an Fronleichnam. Der Feiertag soll die Gegenwart Jesu in der Welt unterstreichen. Neustadts Bürgermeister war dagegen nicht da. Sehr zum Missfallen etlicher Bürger.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Seit der umstrittenen Wahl von Tanja Kippes zur Zweiten Bürgermeisterin von Neustadt vor mehr als einem Jahr hat der Stadtrat wohl keine so leidenschaftliche Debatte erlebt, wie am Dienstagabend zum Tagesordnungspunkt "Sonstiges".

Josef Arnold (CSU) sprach eine interne E-Mail von Bürgermeister Sebastian Dippold an seine Stadtratskollegen im Vorfeld der Fronleichnamsprozession an. Er, Dippold, werde daran nicht teilnehmen, tat das Stadtoberhaupt darin kund. Erstens weil das urkatholische Hochfest ihm als Lutheraner wenig gebe, zweitens weil er so die Trennung von Kirche und Staat vorlebe. Dieses Argument versuchte ihm Arnold aus den Händen zu winden: "Es geht nicht um die Trennung von Kirche und Staat, sondern um die Harmonie im Zusammenleben von Stadt und Pfarrgemeinde."

CSU: Hunderte ignoriert

Die katholische Kirche wirke weit in das Stadtleben hinein und leiste hervorragende Dienste, die allen Menschen offen stünden. Arnold zählte weit über ein halbes Dutzend Beispiele auf, vom Seniorenheim über das Betreute Wohnen, die Kindergärten, die Ambulante Krankenpflege bis zur DJK und der Kolpingsfamilie. "Dahinter stehen Hunderte Menschen, und jetzt sagt der Bürgermeister, eure Prozession ist es nicht wert, dass ich mich daran beteilige." Dippold stehe diese Haltung natürlich frei, aber der richtige Weg wäre gewesen, die Stadträte zu informieren und Stellvertreterin Tanja Kippes offiziell als Repräsentantin der Stadt um die Teilnahme zu bitten. Das sei keine Frage der Theologie.

Hermann Schmid hieb bissig in dieselbe Kerbe: "Herr Bürgermeister, ich habe das Gefühl, dass Sie immer noch nicht verstanden haben, dass Sie der Bürgermeister aller Neustädter sind."

SPD: Skandal ganz woanders

Der Gescholtene wollte sich dazu nicht mehr äußern. Dafür sprangen ihm die Parteifreunde der SPD bei. "Der wahre Skandal ist, dass knapp zwei Stunden nach dieser nichtöffentlichen Mitteilung die Presse informiert war, um einen Skandal heraufzubeschwören. So etwas ist scheinheilig," sagte Fraktionssprecher Rainer Hetz, der sich an Fronleichnam öfter als Vorsänger einbringt. Im Übrigen gingen auch längst nicht alle Stadträte bei der Prozession mit. "Jeder sollte die Entscheidung des Bürgermeisters respektieren."

"Von uns kam das nicht an die Presse", warf CSU-Sprecher Thomas Hauer ein. Gleiches wiederholte Tanja Kippes tags darauf gegenüber Oberpfalz-Medien.

Die Zeitung hätte gut daran getan, eher über eine Morddrohung an den Bürgermeister in diesem Zusammenhang zu schreiben, statt groß über seine Nicht-Teilnahme an Fronleichnam zu berichten", kritisierte Annette Karl. Sie nahm sich ferner Hermann Schmid zur Brust: "Es ist unverschämt, dem Bürgermeister Eigennutz zu unterstellen. So etwas ist ein persönlicher Angriff, der im Stadtrat nichts zu suchen hat."

Auch die Freien Wähler nehmen den Rathauschef in Schutz. "Glaubensfragen sind sensible Angelegenheiten", erklärte Gerhard Steiner. Dippold sei der Ökumene nicht abgeneigt. "Ich weiß, dass der Bürgermeister auch schon das Friedenslicht von der evangelischen in die katholische Kirche gebracht hat. Mir ist ein aufrechter Protestant mindestens genauso viel wert wie ein scheinheiliger Katholik."

Mehr Reaktionen zum Fernbleiben Sebastian Dippolds an Fonleichnam

Neustadt an der Waldnaab
Kommentar:

Gottes Werk und Dippolds Beitrag

Die Diskussion lässt sich endlos fortführen, wie Reaktionen in Leserbriefen und sozialen Medien zeigen: Die einen finden, der evangelische Bürgermeister habe die Katholiken seiner Stadt durch bewusste Abwesenheit an Fronleichnam brüskiert, die anderen klatschen Beifall, dass hier einer sich nicht zu etwas verbiegt, was ihm nicht behagt.

Sebastian Dippold selbst schweigt inzwischen dazu. Das ist souverän. Im Vorfeld war er das nicht. Als Bürgermeister einer Kleinstadt in der ländlichen Oberpfalz muss er wissen, dass seine Haltung in Teilen der Bevölkerung als der Affront aufgefasst wird, den Josef Arnold ihm vorwirft. In der Tat wäre es schlauer gewesen, die Zweite Bürgermeisterin zu bitten, mitzugehen und selbst nichts zu sagen.

Die CSU sieht sich nun im Verdacht, eine interne Mail an die Medien weitergegeben zu haben. Das hat sie nicht. Mehr wird aus Gründen des Quellenschutzes hierzu nicht verraten. Allerdings: Sebastian Dippold ist Radiomann und Medienprofi. Er weiß, wie welche Informationen an die Öffentlichkeit kommen und nutzt das bisweilen gerne mal aus. Stichwörter hierzu: Anti-Rassismus-Klopapier, Bartrasur, Stoffhund "Schnuffel".

Dass ihm nun das Fronleichnam-Affärchen anhaftet, hat er also selbst mit zu verantworten. Das sollte auch Annette Karl nicht vergessen, bevor sie "der Presse" vorwirft, in der Berichterstattung die Akzente falsch zu setzen.

Nicht fair ist es aber auch, Dippold einen Schlag ins Gesicht katholischer Einrichtungen und Vereine zu unterstellen. Er ist nicht verpflichtet, bei der Prozession mitzugehen. Es gilt, seine Meinung als Privatmann zu respektieren, auch wenn sie als Bürgermeister reichlich ungeschickt wirkt. Im Übrigen hat Rainer Hetz recht, wenn er sagt, dass viele mit Steinen werfen, obwohl sie im Glashaus sitzen. Denn nicht nur etliche Stadträte, auch zunehmend andere Bürger glänzen beim Fronleichnamszug seit Jahren mit Abwesenheit.

Von Friedrich Peterhans

 

 

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