29.05.2020 - 11:21 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Corona verdirbt Nachfrage nach Wildfleisch

Jäger sollen Abschusspläne erfüllen, damit Rehe nicht zu viele Bäumchen fressen, damit Wildschweine sich nicht zu stark vermehren. Was aber, wenn die Jäger auf vollen Kühltruhen sitzen bleiben, weil Gastwirte wochenlang keinen Bedarf haben?

Wildschweine: Es gibt zu vielen von ihnen.
von Gabi EichlProfil

Die Corona-Pandemie wirkt sich auf die Jagd aus, auch wenn Wild und Corona zunächst nichts miteinander zu tun haben. Wildschweine haben schlimmstenfalls die Afrikanische Schweinepest (ASP) oder sind knapp 35 Jahre nach der Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl immer noch radioaktiv belastet. Das eine tut dem Verbraucher nichts, mit dem anderen kommt er nicht in Berührung.

Im Fall der Schweinepest könne der Verbraucher beruhigt sein, sagt der Veterinär-Direktor Dr. Norbert Sandner, Leiter der Abteilung Veterinärwesen und Verbraucherschutz beim Landratsamt Neustadt/WN, denn die Schweinepest sei für Menschen nicht ansteckend, sie befalle ausschließlich Schweine. Auch andere Tiere, etwa die Hunde des Spaziergängers oder des Jägers, könnten sich nicht anstecken.

Strenge Kontrolle der Tiere auf Radiocäsium

Und für den Fall der radioaktiven Belastung werde Wildbret nach wie vor von Jägern in speziell dafür eingerichteten Messstellen untersucht. Zu hoch belastetes Fleisch gelange gar nicht in den Handel. Für die Höhe der Kontamination seien die lokale Bodenbelastung, die Bioverfügbarkeit des Radiocäsiums, die Fressgewohnheiten der Tiere, die Tierart selbst sowie der Schusszeitpunkt ausschlaggebend. Werde ein Grenzwert von maximal 600 Becquerel (Bq) Radiocäsium pro Kilogramm überschritten, müsse das erlegte Stück in der Tierkörperverwertung beseitigt werden, sagt Sandner.

Wegen Schweinepest ganzjähriger Abschuss von Wildschweinen

Seit Anfang Mai darf und soll nach der Winter-Schonzeit Rehwild, landläufig der „Hirsch des kleinen Mannes“, bejagt werden. Die Jäger und Revierinhaber sitzen seither wieder so oft und lang wie möglich in ihren Kanzeln auf Rehböcke und Schmalrehe an. Wildschweine dürften mit Ausnahme von Muttertieren ohnehin das ganze Jahr über bejagt werden, um die Ausbreitung der Schweinepest zu verhindern, erläutert der Jagdberater beim Landkreis Neustadt/WN, Alfons Ermer. Die Anzahl der zu erlegenden Schmalrehe und Böcke sei in einem vorgegebenen Abschussplan festgelegt. Diese Abschusspläne dienten der Eindämmung des Verbisses und anderer Schäden an den Wäldern.

Für die Jäger sei das keineswegs der Startschuss für ein „martialisches Hobby“, wie Jürgen Biller vom Landratsamt sagt, der dort unter anderem für Jagd- und Fischereirecht zuständig ist. Denn bei der Erlegung von Wildtieren gelte grundsätzlich: „So viel wie – aber niemals mehr als – notwendig!“

Nachfrage aus Gastronomie eingebrochen

Rehwild sei hierzulande für viele Jäger das „Brot-Wild“, sagt der Jagdberater Ermer. Durch die Corona-Pandemie sei jedoch die Nachfrage von Seiten der Gastronomie erheblich eingebrochen. Dazu muss man wissen, dass Jäger das von ihnen erlegte Fleisch selbst vermarkten dürfen – an Privatleute wie auch an Gastronomie und Handel. Wie Veterinärdirektor Sandner betont, gälten für die Vermarktung von erlegtem Wild abhängig vom Verarbeitungszustand und Vertriebsweg rechtliche Anforderungen, die die Jäger aber strengstens einhielten („Hygiene wird groß geschrieben“).

Maximal die Strecke, also die Zahl der erlegten Tiere eines einzigen Jagdtages, dürfe unmittelbar an den Verbraucher oder an örtliche Betriebe des Einzelhandels oder der Gastronomie abgegeben werden. Stelle der Jäger „bedenkliche Merkmale“ vor oder nach dem Schuss am Wild fest, sei eine amtliche Fleischuntersuchung erforderlich. Es gälten die Anforderungen der Lebensmittelhygiene-Verordnung und der Tierischen Lebensmittel-Hygieneverordnung. Zum Beispiel müssten ein oder mehrere Räume mit Kühleinrichtungen zu Verfügung stehen, ebenso leicht zu reinigende und zu desinfizierende Wände, Fußböden, Decken und Ausrüstungsgegenstände sowie entsprechende Wascheinrichtungen.

Außerdem seien die Jäger im Sinne der Tierischen Lebensmittelhygiene-Verordnung geschult und besäßen die Qualifikation als „kundige Person“ nach den einschlägigen EG-Vorschriften.

Die Lockerung der Pandemie-bedingten Einschränkungen bei der Gastronomie wird vorerst noch nicht dazu führen, dass den Jägern ihr Wildfleisch aus den Händen gerissen wird. Dabei müsste Wild jeden Fleischesser glücklich machen, der nicht länger in Massen gehaltenes Rind, Schwein oder Huhn auf dem Teller mag. Ein mittels Blattschuss aus dem vollen Tierleben gerissener Rehbock hatte vor dem Verzehr zumindest ein vollkommen artgerechtes Leben. Bezugsquellen für Fleisch dieser Art hat fast jedermann in der Nachbarschaft: Jäger und Forstleute.

Rezept für einen Wildschweinbraten

Oberpfalz
Hier sind zwei Bachen mit Frischlingen zu sehen. Erfasst hat sie die Wildkamera eines Jägers.
Dr. Norbert Sandner, Leiter der Abteilung Veterinärwesen und Verbraucherschutz beim Landratsamt Neustadt/WN.
Alfons Ermer, Jagdberater beim Landratsamt Neustadt/WN.
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