23.01.2020 - 13:55 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Ganz entspannt trotz fünf Schulaufgaben an einem Tag

Die Realschulabsolventin Anja Brysch holt sich das Sprachenzertifikat DELF B1 Französisch persönlich bei Lehrerin Elke Völkl-Käs ab. Das wäre nicht ungewöhnlich, wäre die 17-Jährige dafür nicht mit dem Flugzeug aus Bressuire angereist.

Anja Brysch (vorne, Mitte) im Kreis ihrer französischen Gastfamilie Delion, zu der die Schwestern Chloé (hinten, von links) und Charline zählen sowie die Gasteltern Peggy (vorne, links) und Hervé (vorne, rechts).
von Iris Eckert Kontakt Profil

Dabei ist das Zertifikat nun eine Bescheinigung, die für die junge Frau eigentlich längst passè ist, denn Anja spricht mittlerweile fließend Französisch. Die gebürtige Tirschenreutherin verbringt seit September ein Auslandsjahr am Gymnasium (Lycée) Saint-Joseph. Die Verbindung zu der französischen Stadt kam durch den Schüleraustausch zustande, denn die Lobkowitz-Realschule mit Bressuire pflegt. Mit ihrer Gastfamilie unternimmt Anja viele Ausflüge, treibt Sport und lässt sich von der französischen Lebensweise inspirieren. "Die Franzosen genießen das Leben und vor allem das gute Essen", erzählt die Jugendliche ihrer ehemaligen Französischlehrerin Elke Völkl-Käs.

ONETZ: Was ist für dich der größte Unterschied zwischen der Lobkowitz Realschule und dem französischen Gymnasium?

Anja: Die Noten in Frankreich sind zwischen 1 und 20 und die Unterrichtsstunde dauert 55 Minuten. In Frankreich ist Ganztagsschule und das schon im Kindergarten. Schulaufgaben werden mit nach Hause gegeben und nicht mehr eingesammelt. Oft streichen oder markieren die Schüler mit dem Stift in der Schulaufgabe nachträglich was an, weil sie die Schulaufgaben behalten können. Stegreifgaben werden fast nicht geschrieben und es gibt auch keine Regelung, wie viele Schulaufgaben pro Woche geschrieben werden dürfen. An einem Tag habe ich mit meiner Klasse fünf Schulaufgaben geschrieben und die Schüler sind dabei entspannt geblieben. Das wäre in Deutschland nicht vorstellbar. Da merkt man, dass die Franzosen gelassener sind. Der Fremdsprachenunterricht läuft ziemlich locker ab wohingegen in den Naturwissenschaften viel verlangt wird.

ONETZ: Wie ging es dir sprachlich? Hattest du große Probleme?

Anja: Am Anfang war es schon eine Umstellung. Aber nach einen Monat hab' ich gemerkt, dass ich plötzlich meine Gastfamilie in normalen Sprechtempo verstehen konnte und mich mühelos verständigen kann. Für mich ist Französisch mittlerweile keine Fremdsprache mehr. Ich denke auf Französisch denke und wende viele Vokabeln an, von denen ich nicht einmal die deutsche Bedeutung kenne.

ONETZ: Was machst du zusätzlich zum normalen Unterricht?

Anja: In meiner Klasse wird auch Spanisch angeboten. Obwohl meine Mitschüler schon im vierten Lernjahr sind, bin ich innerhalb von vier Monaten Klassenbeste geworden.

ONETZ: Warst du von den Streiks auf der Straße betroffen?

Anja: Ich habe schon einiges davon mitbekommen. Im Unterricht konnten wir uns einmal nicht gut konzentrieren, weil die Gelbwesten mit den Trillerpfeiffen auf der Straße so laut waren. In der Zeit war auch die Krippe in Bressuire wegen Personalmangels geschlossen.

ONETZ: Wie geht es dir in deiner Gastfamilie?

Anja: Wir sind viel unterwegs. Meine beiden Gastschwestern sind in einer Basketballmannschaft und haben ein bis zwei Spiele pro Woche. Da ist dann immer die ganze Familie zum Anfeuern dabei. Ich selber mache gerne Body Taekwondo. In den Ferien und am Wochenende machen wir immer Ausflüge ans Meer oder in Freizeitparks. Es ist immer die ganze Familie zusammen unterwegs.

ONETZ: Wie sieht es mit der französischen Küche aus? Sind die Franzosen wirklich Feinschmecker?

Anja: Ja, das stimmt. Die Franzosen essen zwei bis dreimal täglich warm. Beim Abendessen sitzt man mehrere Stunden zusammen und ein Gang folgt dem nächsten, und das von Montag bis Sonntag. Oft essen wir erst um 21 Uhr, auch unter der Woche. Die Franzosen denken, dass man erst abends richtig Zeit hat, das Essen zu genießen.

Konrektorin Martin Fels (links) freut sich mit Anja Brysch (Mitte), die sich ihr Sprachenzertifikat persönlich bei Elke Völkl-Käs (rechts) abholt. Die Französichlehrerin an der Lobkowitz-Realschule nützt den Besuch ihrer ehemaligen Schülerin, um zu erfahren, wie so ein Auslandsjahr in Frankreich abläuft.

ONETZ: Die Franzosen haben also eine andere Einstellung, das Leben zu genießen?

Anja: Ja, unbedingt. Sie sind im Allgemeinen viel entspannter und genießen das Leben. Sie erledigen ihre Alltagspflichten genauso wie wir, machen aber einfach weniger Stress. Sie fahren oft in den Urlaub, machen viele Ausflüge und treffen sich häufig mit Familie und Freunden.

ONETZ: Dein Auslandsjahr endet im Juli 2020. Wie geht's weiter?

Anja: Ich habe bereits eine Zusage für die Schule für Hotel- und Tourismusmanagement in Wiesau. Nach der dreijährigen Ausbildung bin ich dann Assistentin für Hotel- und Tourismusmanagement. Im Anschluss könnte ich ein duales Studium zum Bachelor in Tourismuswirtschaft machen. Da sind ein bis zwei Semester im Ausland vorgesehen. Da freu ich mich schon wirklich sehr drauf.

ONETZ: Was würdest du den Schülern an der Realschule gerne sagen?

Anja: Ich stand damals vor der Entscheidung, Französisch zu wählen, war aber unsicher. Meine Lehrerinnen haben mich ermutigt, mir eine zweite Fremdsprache zuzutrauen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Eine zweite Fremdsprache ist an der FOS und im Beruf von Vorteil. Ich bin so froh, dass ich diese Erfahrung in Frankreich jetzt machen kann. Ich habe so viele neue Freunde gewonnen und so viel Neues für mich entdeckt.

Anja (Mitte) mit ihren Gastschwestern Charline (links) und Chloé Delion (rechts) vor ihrer Schule in Bressuire.

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