29.08.2019 - 21:34 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Hilferuf der Neustädter Notärzte

"Der Notarztmangel ist in Neustadt angekommen." Gudrun Graf wählt im Gespräch bewusst deutliche Worte. Ereignisse der letzten Monate stimmen nachdenklich. Die Ärztliche Leiterin beim Rettungsdienst-Zweckverband Nordoberpfalz schlägt Alarm.

Dr. Gudrun Graf (rechts) demonstriert ihre Arbeit als Notfallmedizinerin. Dem Mangel an Notärzten wollen der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung, die Integrierte Leitstelle und die Kliniken Nordoberpfalz künftig mit einem Konzept begegnen.
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

"Es muss noch keiner Angst haben, dass er einen Notarzt ruft, und dieser nicht kommt", beruhigt Gudrun Graf. Die Dienstpläne am Standort mit dem Einzugsbereich um Neustadt/WN abzudecken, werde aber immer schwieriger, erläutert die Ärztliche Leiterin (ÄLRD) im Zweckverband für die Kreise Neustadt/WN und Tirschenreuth sowie Weiden und bei der Integrierten Leitstelle Nordoberpfalz (ILS).

Dabei registriert die Neustädterin eine bedenkliche Entwicklung: "Bis vor einigen Jahren gab es vielleicht während der Urlaubszeit seltene Engpässe. Seit ein, zwei Monaten haben wir aber Zeiten, in denen wir stundenweise das Gebiet nicht abdecken konnten." Zuletzt geschehen am vergangenen Mittwoch. Zwischen 13 und 16 Uhr war der Notarztdienst nicht besetzt. Da war Graf selbst bei einem Termin in der neuen Rettungswache in der Kreisstadt. "Bei einem Einsatz direkt in Neustadt hätte man mich aber trotzdem anrufen können", sagt die Internistin, die zuletzt öfter einsprang und einen der Bereitschaftsdienste übernahm.

Notfallrettung gesichert

Die flächendeckende notfallmedizinische Versorgung sei laut Graf in solchen Fällen trotzdem gegeben, der "nächstgelegene geeignete Notarzt" aus anderen Standorten wie Weiden, Vohenstrauß und Eschenbach oder der Rettungshubschrauber übernehmen dann etwaige Einsätze. Letzterer würde entgegen weitläufiger Meinung nicht nur bei besonders schweren Fällen eingesetzt. Die Hilfsfrist von zwölf Minuten werde eingehalten. Die Patienten würden davon nichts merken. Denn: "Der Notarzt kommt ja."

Die Rettungsärzte spüren die Belastung dagegen schon. "Wir werden alle älter, etliche von uns sind über 50 Jahre alt. Für uns ist es aber eine Leidenschaft, wir lieben den Rettungsdienst", betont Graf, die seit 20 Jahren Leitende Notärztin ist, und geschätzt 200 Einsätze im Jahr fährt. Am Standort Neustadt gäbe es im Schnitt drei Einsätze pro Tag, mehr als 1000 im Jahr, die 10 bis 15 Notärzte - größtenteils niedergelassene Mediziner - abdecken würden. Ohne dieses von Herzen kommende Engagement und den Zusammenhalt der Rettungskräfte wäre dies so nicht möglich. Finanziell attraktiv sei es ohnehin nicht, decke die Vergütung ja nicht einmal die Fixkosten der weiterlaufenden eigenen Praxis ab. Aber selbst dieser Einsatz und die effektivste Planung durch regelmäßige Gutachten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) könne den allerorts merklichen Nachwuchsmangel nicht auf Dauer kompensieren. Auch eine Entlastung der Notärzte durch den neu aufgesetzten ärztlichen Bereitschaftsdienst spürt Graf noch nicht.

Nachwuchs statt Externe

Engpässe deuten sich auch in Bereichen an, in denen es keine Krankenhäuser mehr gebe. Lücken mit Honorarärzten aufzufüllen, wie es vielerorts Praxis ist, hält Graf prinzipiell für den falschen Weg. Zwei-, dreimal seien jene Kollegen bisher an der Peripherie im Landkreis Neustadt/WN eingesprungen. "Es gibt in unseren Kliniken genügend junge Ärzte, aber für die ist das Arbeiten als Notarzt bislang nicht lukrativ genug, sie scheuen die Verantwortung oder es passt nicht in ihre Work-Life-Balance", erläutert die Ärztin.

Dem wollen der Zweckverband und die ILS in Zusammenarbeit mit den Kliniken Nordoberpfalz mit einem in Kürze vorgestellten Konzept, unter anderem mit offenen Fortbildungen, entgegensteuern. "Wir haben überlegt, wie wir jungen Ärzten Anreize geben können, ihre Freizeit zu opfern und sich zu engagieren", erzählt Graf, die für das medizinische Qualitätsmanagement der Verbände zuständig ist. Dazu gehöre unter anderem, ihnen zu vermitteln, dass sie bei ihrer interessanten Arbeit nicht zuletzt durch einen Hintergrund-Dienst abgesichert sind.

Oder schlicht die Begeisterung Grafs und ihrer Kollegen für die erfüllende Tätigkeit an den Nachwuchs weiterzugeben. Denn auf die Frage "Macht es noch Spaß?" antwortet die Neustädterin begeistert und ohne zu Zögern: "Ja, und wie!"

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