21.03.2019 - 12:39 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Hochwasserschutz schlägt hohe Wellen

Hochwasserschutz ist teuer. Ist er auch notwendig? Darüber diskutieren Vertreter von Stadt und Wasserwirtschaftsamt drei Abende lang mit Anliegern. Die Experten waren vor einem Szenario, dem die Stadt vielleicht nur knapp entgangen ist.

Etwa 1,80 Meter hoch, also 20 Zentimeter niedriger als die Gartenmauer samt Zaun von Dr. Reinhard Trottmann würde die geplante Hochwasserschutzmauer an der Waldnaab. Sie würde auf 700 Metern Länge direkt entlang der bebauten Grundstücke verlaufen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Die Bilder vom überfluteten Deggendorfer Stadtteil Fischerdorf sind in den Köpfen noch präsent. Damals, Anfang Juni 2013, fielen dort tagelang bis zu 37 Millimeter Regen innerhalb von 24 Stunden. Die Katastrophe war perfekt. Das verantwortliche Tiefdruckgebiet stand wenige Stunden zuvor noch genau über der Nordoberpfalz. Der Wind trieb es dann Richtung Donau.

Wäre es zum 100-jährigen Hochwasser gekommen, wäre wohl in halb Neustadt "Land unter" gewesen. Das Schadenspotenzial beziffert das Wasserwirtschaftsamt Weiden mit 15 Millionen Euro. Die vom Stadtrat angestrebten Schutzmaßnahmen kosten 6 Millionen Euro. 65 Prozent davon zahlt der Freistaat.

Der Vorentwurf der Pläne war von Dienstag bis Donnerstag Thema bei Anhörungen in der Stadthalle. Dazu waren die Anlieger von Waldnaab und Floß, Vereine und Verbände sowie Träger öffentlicher Belange eingeladen. Es geht um drei Abschnitte, die bis 2023/24 realisiert sein könnten, sofern der Stadtrat sich für die Umsetzung entscheidet. Der Abschnitt 1 umfasst eine etwa 700 Meter lange Mauer entlang der Waldnaab, etwa von der Stadtmühle bis zur Bahnhofstraße.

Auf eine genaue Höhe des Baus lässt sich das Wasserwirtschaftsamt noch nicht festlegen. "Etwa 20 Zentimeter niedriger als die Oberkante des Gartenzauns von Dr. Trottmann", gibt Planer Andreas Ettl an. Das sind nach Messungen von Oberpfalz-Medien etwa 1,80 bis 1,85 Meter. Das Vorhaben kommt nicht bei allen Anliegern gut an, berichtet Stadtrat Hermann Schmid als Betroffener. Ettl und sein Kollege Christoph Hartmann berichten dagegen von "guten Gesprächen" mit den 12 bis 15 Grundeigentümern.

Weniger umstritten dürfte Abschnitt 2 sei. Er betrifft die Waldnaab-Kurve beim "Brucksaler" entlang des Rebel-Grundstücks bis zur Brücke an der Theisseiler Straße. Dort soll ein 220 Meter langer, begrünter Deich hin. Er soll als Hindernis gar nicht weiter auffallen. Abschnitt 3 betrifft die Floß. Er reicht vom Kriegerdenkmal bis zum ehemaligen Nachtmann-Gelände. Dort soll der Floßbach in weiten Teilen aus seinem gemauerten Bett befreit werden, um mehr Überschwemmungsraum, im Fachjargon Retentionsfläche, zu schaffen. Die Aufweitung betrifft vor allem den Bereich des Parkplatzes in der Fröschau. Dabei könnte weitgehend auf Mauerelemente verzichtet werden. Das hat ökologische Vorteile und soll auch in sozialer Hinsicht etwas bringen. So könnte dort der Bach mit ufernahen Sitzsteinen und ähnlichem erlebbar gemacht werden. Nahe des Kriegerdenkmals ist ein Schöpfwerk vorgesehen. Es soll Regenwasser, das hinter der Schutzmauer und dem Deich fällt, abpumpen und in den Überschwemmungsbereich beziehungsweise in den Kanal pumpen.

Interessant wird die Frage, wie die Stadt die Flächen am Nachtmann Gelände überplant und eventuell zum ökologischen Ausbau an der Floß freigibt. Dann wäre dort ein Bodenaustausch fällig - Stichwort Altlasten. Das alles kann noch ein Weilchen dauern. 2019 ist die Vergabe weiterer Planungen vorgesehen, unter anderem unter naturschützerischen Gesichtspunkten. Das kann sich mit Rücksicht auf Brut- und Vegetationszeiten durchaus über ein Jahr hinziehen.

Reaktionen:

Sorgen machen sich vor allem Anlieger südlich der Waldnaabbrücke. Darunter ist Altenstadts Bürgermeister Ernst Schicketanz. Er befürchtet, dass durch die Schutzmaßnahmen mehr Wasser ins Bett der Naab gezwängt wird als die derzeitigen 189 Kubikmeter pro Sekunde. Die Strömung drücke dann mit Macht in seine Gemeinde. Schicketanz sieht besonders die Bahnhofstraße in Altenstadt und das ehemalige Hofbauer-Areal gefährdet. Andreas Ettl betonte, dass die Fließgeschwindigkeit weitgehend unverändert bleibe. Das zeigten diverse hydraulische Berechnungen und würde im anstehenden wasserrechtlichen Verfahren erneut überprüft. Zudem würden die Aufweitungen entlang der Floß verhindern, dass mehr Wasser aus dieser Richtung in die Waldnaab fließt.

Ulrich Eckstein, der ebenfalls unterhalb der Theisseiler Straße wohnt, glaubt nicht daran. "Man wiederholt Fehler der Vergangenheit, verschandelt das Stadtbild, begeht Frevel an der Natur, und dann kostet die Mauer ein Heidengeld." Es habe noch nie solche drastischen Hochwässer in der Stadt gegeben. Durch den Liebensteinspeicher und andere Maßnahmen sei bereits dagegen angearbeitet worden. "Aber mit der Mauer knallt das Wasser dann unter der Brücke durch und schießt bei mir wieder raus." Eine Frage betraf den Zugang zum Waldnaabufer für Angler. Der sei durch mobile Schutzelemente, sogenannte Dammbalkenverschlüsse, gegeben, die nur installiert würden, wenn Gefahr im Verzug sei. Ähnliches sei für Durchfahrten, etwa Radwege im Stadtgebiet, angedacht. Die Dammbalken könnten leicht auf- und abgebaut werden.

Die Diskussion über den Hochwasserschutz in der Stadtratssitzung im September 2019

Neustadt an der Waldnaab

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