10.05.2021 - 15:32 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Landkreis Neustadt: Zu wenig Holz für die Hütten

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Bauholz ist Mangelware. Waldbesitzer, Sägewerke und Holzbaubetriebe müssen mit der kritischen Situation - jeder für sich - klarkommen. Die Zeche zahlt am Ende der Verbraucher.

Auf dem Markt fehlt derzeit vor allem frisches Fichtenholz. Das seit 23. April geltende Forstschäden-Ausgleichsgesetz macht die Situation nicht einfacher.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Ein Haus aus Holz ist für viele Bauherren eine umweltfreundliche Alternative. Doch Bauholz ist auch in der nördlichen Oberpfalz mittlerweile Mangelware: Nach der Holzschwemme vergangener Jahre führt das internationale Marktgeschehen aktuell zu einer Verknappung vor Ort, die Preisanstiege und lange Lieferzeiten nach sich zieht. Große Sägewerke exportieren vor allem nach Nordamerika, wo Holz extrem nachgefragt ist und entsprechend gut bezahlt wird. Die Folgen im Inland- auch in unserer Region: horrende Verteuerung beim Material, Baustopps drohen. Handwerker fordern, die Politik solle endlich eingreifen. Der Streit zwischen Waldbesitzern und Sägeindustrie droht zu eskalieren. Viel bayerisches Holz geht in den Export nach Amerika und China, gleichzeitig haben die Waldbesitzer diesen Winter weniger eingeschlagen. Zimmerer und Schreiner schlagen Alarm, sie klagen über Lieferengpässe und Wartezeiten.

"Situation extrem kritisch"

Adrian Blödt aus Kohlberg, Obermeister der Bauinnung Nordoberpfalz, Fachgruppe Zimmerer, führt täglich mehrere Gespräche mit Betrieben und Abgeordneten der Region, um für die holzverarbeitenden Unternehmen eine Lösung zu finden. "Die Situation ist extrem kritisch." Und damit meint er hauptsächlich die Bauherren als Endverbraucher. Blödt hat es für ein Musterhaus in Holzbauweise mit einer Wohnfläche von 160 Quadratmetern einmal durchgerechnet: Von August 2020 bis Februar 2021 betrug die Preissteigerung brutto für alle Holzbauteile 12,9 Prozent. Die Lieferzeit lag gleichbleibend bei zwei Wochen. In den vergangenen Monaten steigerte sich der Preis (zum Vergleichsmonat August 2020) um 31,5 Prozent, was brutto bei dem Beispielhaus etwa 15.000 Euro mehr ausmachte. Und was besonders ins Gewicht falle: Die Lieferzeiten betragen vier bis zehn Wochen. "Und hier kommt der Innenausbau dann erst noch dazu", sagt der Obermeister.

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Tirschenreuth

Die Sägewerke würden den Holzbaubetrieben sogar die Lieferverträge kündigen. Eine Lösung sei schwierig: "Ich bin ein Gegner von Regulierungen. Das wird auch nicht funktionieren. Wir müssen mit Politik, Sägewerksbetrieben und Holzbaubetrieben versuchen, diese extremen Sprünge in den Griff zu bekommen. Die inländische Versorgung muss sichergestellt sein." Verhandlungen seien angesichts des Machtverhältnisses zwischen wenigen, großen Sägewerksbetrieben und vielen kleinen Holzbaubetrieben sehr schwierig. Er könne seinen Kunden nur mehr Angebote mit Preis-Gleit-Klausel machen. "Ich kann weder exakt kalkulieren, noch eine Lieferfrist versprechen." Blödt hofft bis Ende des Jahres zumindest auf eine Preisstabilisierung.

Josef Kraus, Chef des Holzwerks Kraus in Altenstadt/WN, benötigt keine große Mengen und hat schon immer höhere Preise für entsprechende Qualität von frischem Fichtenholz bezahlt. "Wir verarbeite Handelsware", erklärt er. Aber die Preise würden steigen und Rundholz werde knapp. Das Holz der vergangenen Jahre sei minderwertig gewesen und habe den Markt überschwemmt. Jetzt würden die entsprechenden Mengen fehlen. An der Entwicklung seien jedoch die Zimmerer "auch nicht ganz unschuldig", weil sie kleinere Sägewerke gemieden und immer dort gekauft hätten, "wo es noch etwas billiger war". Mittlerweile würden sogar Zimmerer dies bestätigen, ergänzt Andreas Wolfram von der Holz-Wolfram GmbH in Pressath. Die Handwerker würden sich jetzt wieder an die kleineren Sägewerke wenden, was die Situation aber zusätzlich verschärfe, weil es im Landkreis Neustadt kaum mehr kleine Sägewerke gebe. "Früher war fast in jedem Ort eins. Und wenn die Sägen voriges Jahre das Holz nicht genommen hätten, dann wäre es wohl zerhäckselt worden", gibt Wolfram noch zu bedenken. Aber über den Preis werde allerdings nach wie vor geschimpft, ärgert sich Wolfram. Bereits zu D-Mark-Zeiten habe ein Kubikmeter Brettschichtholz 1500 DM gekostet, nennt der Pressather ein Beispiel. "Und jetzt regen sich die Leute auf, wenn es 900 Euro kostet."

Wochenlange Lieferzeiten

Michael Karl von der K+G Holzbau GmbH in Vohenstrauß bestätigt Blödts Aussagen: "Die Situation ist verheerend. Nicht nur die Preissteigerung ist problematisch, das größte Problem wird es sein, dieses Jahr überhaupt an Material zu kommen. An gewöhnliche Lieferzeiten von meist ein bis zwei Wochen ist gar nicht mehr zu denken. Aktuell haben wir auf den Großteil Lieferzeiten von mehreren Wochen und Monaten. Teilweise ist nicht mal gewiss ob, wann und falls überhaupt, wie viel Material dieses Jahr noch lieferbar ist." Die Preiserhöhung an sich sei laut dem Zimmerermeister kaum in Worte zu fassen: "Ein einfaches Beispiel sind zertifizierte Dachlatten, welche im Zimmererhandwerk alltäglich verwendet werden. Hierbei liegt eine Preissteigerung im Vergleich zu Beginn des Jahres von mittlerweile über 100 Prozent vor. Wenn sich die Preise verdoppeln, kann es nicht mehr lange gut gehen. Und das auf ein ganzes Haus oder auch nur einen Anbau umgewälzt, ergibt gewaltige Summen."

Die Lage auf dem Holzmarkt 2019

Altenstadt bei Vohenstrauß

Er versuche bereits jetzt, die Materialien für Baustellen Ende dieses Jahres mit Weitblick zu ordern. "Natürlich kann dann auch nur auf Verdacht bestellt werden, was zu weiteren Problemen führt. Lagerkapazitäten werden knapp. Durch die immensen Preiserhöhungen können wir Firmen dies natürlich nicht alleine schlucken, denn dann können wir alle in naher Zukunft zusperren. Eine normale Preiserhöhung von zwei bis vier Prozent seitens der Industrie kann man als Firma schon mal verkraften, aber durch alle Bauvorhaben durchgezogenen Erhöhungen von 50 Prozent oder im Schnittholz sogar 60 Prozent und mehr, können wir Firmen nicht alleine tragen. Es muss nach Lösungen gesucht werden, die wir aktuell aber selbst noch nicht haben. Wenn sich das nicht schnell ändert, wird das sowohl für den Kunden als auch die Firmen noch ein großes, aber auch rechtliches Problem", mahnt Karl.

Preis für Fichte ist explodiert

Dass Betriebe mehr bestellen, als sie vielleicht zunächst bräuchten, hat Reinhard Wiesent ebenfalls schon festgestellt. "Das ist ähnlich wie beim Klopapier", vergleicht der Vorsitzende der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Eschenbach die Situation mit Hamsterkäufen während der Corona-Pandemie. Das komme aber auch daher, dass niemand wisse, wie sich die Lage in den kommenden Wochen und Monaten entwickle. Jedenfalls habe er so eine Preisexplosion für frisches Fichtenholz wie im laufenden Quartal in den vergangenen 15 Jahren noch nie erlebt. Wegen des vielen Schadholzes kostete 2020 der Festmeter etwa 30 Euro, aktuell sind es zwischen 80 und 90. "Allerdings haben wir die Preise von 2015 noch nicht erreicht", betont Wiesent. Damals wurde für Fichtenholz pro Festmeter 101 Euro fällig. Für Kiefer seien die Preise nicht so stark gestiegen, aktuell lägen sie bei 60 bis 70 Euro (2015: rund 80 Euro). Hinzu komme das sogenannte Forstschäden-Ausgleichsgesetz, das seit Ende April in Kraft ist. Um wegen der Waldschäden zwischen 2018 und 2020 den Preisverfall zu stoppen, habe die Bundesregierung den Einschlag von Fichten im Forstwirtschaftsjahr 2021 auf 85 Prozent des Durchschnitts der Jahre 2013 bis 2017 begrenzt. Dies treffe vor allem die vielen Kleinwaldbesitzer unter den 1000 FBG-Mitgliedern, bedauert Wiesent. Daher verlagere sich die Holzernte nun in Kiefernwälder.

Aktuelle Situation im Stadtwald Schönsee

Schönsee

"Die Waldbesitzer wollen, dürfen aber nicht", bringt Michael Bock, Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Neustadt/WN-Süd und stellvertretender Vorsitzender der Forstwirtschaftlichen Vereinigung Oberpfalz, das Dilemma durch die gesetzliche Regelung auf den Punkt. Und: "Die Preise sind ganz nett, aber für die Waldbesitzer ist noch deutlich Luft nach oben." Bock räumt zwar die positiven Aspekte des Forstschäden-Ausgleichsgesetzs ein, denn für Schadholz gebe es steuerliche Vorteile. Entscheidend sei allerdings die Qualität, denn Schadholz sei nicht fürs Bauen geeignet. "Wo soll das dringend benötigte frische Fichtenholz herkommen? Das wird spannend." Im schlimmsten Fall müssten Schreinereien, Zimmereien oder Sägewerke aus dem Ausland zukaufen. Davon abgesehen sollte der Rohstoff Holz nicht madig gemacht werden, vor allem nicht im Bausektor. "Wir müssen aufpassen. In den letzten Wochen wurde zu viel polemisiert, das hilft uns allen nicht weiter." Eine Prognose zur weiteren Entwicklung auf dem Weltmarkt sei "ganz schwierig". In Deutschland sei die Nachfrage nach frischem Holz jedoch weiterhin hoch. Das Allerschlimmste wäre, dass es zu teuer wäre und nicht mehr als Bauholz verwendet werden könne, meint Bock.

"Die Situation ist verheerend. Nicht nur die Preissteigerung ist problematisch, das größte Problem wird es sein, dieses Jahr überhaupt an Material zu kommen."

Michael Karl, K+G Holzbau GmbH in Vohenstrauß

"Wo soll das dringend benötigte frische Fichtenholz herkommen? Das wird spannend."

Michael Bock, Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Neustadt/WN-Süd

Während für frisches Fichtenholz die Preise pro Festmeter regelrecht in die Höhe geschossen sind, sind sie für Kiefern (wie hier im Bild) nicht so stark gestiegen.
Hintergrund:

Forstschäden-Ausgleichsgesetz

  • Einschlag von Fichte im Forstwirtschaftsjahr 2021 auf 85 Prozent beschränkt
  • Grundlage für Berechnung des Prozentsatzes: durchschnittlicher Einschlag der Jahre 2013 bis 2017
  • steuerliche Vorteile für Waldbesitzer mit Schadholz
  • seit 23. April 2021 in Kraft
  • rückwirkend ab 1. Oktober 2020 bis 30. September 2021 wirksam
  • soll Verfall der Holzpreise nach großen Schadholzmengen zwischen 2018 und 2020 entgegenwirken

 

 

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