22.08.2018 - 12:41 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

"Sind nicht mehr zu leugnen"

Flüchtlingskrise, Gender, Kuschelpädagogik. Nicht unbedingt die typischen landespolitischen Themen, mit denen die AfD-Landtagskandidaten in Neustadt punkten wollen. Die meisten der rund 110 Zuhörer stört das nicht.

Vier Streiter gegen die „Altparteien“: (von links) die Landtagskandidaten Benjamin Nolte, Roland Magerl, Stefan Löw und Gastredner Steffen Königer vor dem Auftritt in der Neustädter Stadthalle.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Der Saal in der Stadthalle füllt sich gegen 19 Uhr nur zögerlich. Die Unzufriedenheit, die viele der Besucher schon mitgebracht haben, paart sich nun zunehmend mit Ungeduld. Der erste große öffentliche Auftritt der AfD in Weiden und Umgebung beginnt mit 20 Minuten Verspätung, weil man auf einen warten muss, der gar nicht auf den Plakaten steht: Benjamin Nolte, Direktkandidat aus Regensburg. Kenner beschreiben ihn als "äußerst rechts". Zudem treten ans Rednerpult die hiesigen Kandidaten Roland Magerl (Weiden), Stefan Löw (Tirschenreuth) und, als Gast-Star, Bundesvorstandsmitglied und Landtagsabgeordneter Steffen Königer aus Brandenburg.

Um Landespolitik geht es den Bewerbern fürs Maximilianeum allerdings nur peripher. Meist wettern die Kandidaten über vermeintliche Verfehlungen in Brüssel und Berlin - wie natürlich die Zuwanderung und ihre Folgen. Ins Visier nehmen sie immer wieder "Altparteilinge", "Gutmenschen" und die "Medien-Mafia". Im einzelnen stellen sich vor:

Roland Magerl: 45 Jahre, verheiratet, zwei Töchter, deretwegen der Spitzenkandidat nach eigener Aussage 2013 aus der SPD austrat und den AfD-Kreisverband Weiden gründete: Er wolle ihnen einmal "das Land nicht so überlassen, wie es im Moment aussieht". Magerl, beruflich Betriebsratsvorsitzender, ist Vorsitzender des Kreisverbands, der auch Tirschenreuth umfasst. Er geißelt zunächst die milliardenschweren, aber vermeintlich wirkungslosen Griechenlandhilfen, schwenkt dann um auf abgelehnte und untergetauchte Asylbewerber. Wegen der "dauerhaften Masseneinwanderung" wähnt Magerl das deutsche Sozialsystem vor dem Kollaps. Zwischendurch zitiert er seine Kritiker: "Ich bin der Hetzer, Nazi, Populist. Man lernt, damit umzugehen." In Wirklichkeit sei er einer, "der das anspricht, was sich andere da draußen nicht trauen". Konkret spricht er in aller Kürze noch Themen wie Pflegenotstand und Lohndumping in der Wirtschaft durch Leiharbeit an. Probleme ohne Lösungsansatz. Dennoch macht er als AfDler einen "Umschwung" aus: "Uns wird mittlerweile positiver gegenübergestanden." Vor der Halle freilich ist davon nichts zu merken. Die Demonstranten bezeichnet Magerl als "Toleranzbesoffene" und "Anti-Demokraten".

Stefan Löw: 27 Jahre, Bundespolizist, Direktkandidat Tirschenreuth. Seit 2016 engagiert er sich bei der AfD, weil er die Flüchtlingskrise an der Grenze zu Österreich selbst erlebt habe - eine "Herrschaft des Unrechts", wie er Seehofer zitiert. Der sei jetzt Bundesinnenminister, "aber er macht nichts", außer "faule Kompromisse mit der Kanzlerin". Aber zurück zu den Grenz-Erfahrungen mit Flüchtlingen: "Mein Kollege und ich waren schon froh, wenn die lesen und schreiben konnten und nicht mit ,x' unterschrieben haben. Und die sollen mal unsere Renten sichern?" Stattdessen hätten sie Krankheiten wie "TBC, Hepatitis, alle möglichen Geschlechtskrankheiten" eingeschleppt - "ich hab' alles g'sehn!" Auch das: "Damals an der Grenze mussten wir sogar Terrorverdächtige reinlassen. Und wir durften nicht einmal einen Bericht anfertigen."

Benjamin Nolte: 36 Jahre, Ingenieur. Der Regensburger Direktkandidat ist Mitglied der völkisch-nationalistischen "Patriotischen Plattform" der AfD. "Konservativ - Patriotisch - Unbeugsam - Aufrecht" steht auf seinen Wahlflyern. Er ist angetreten, "um den Willen der Bürger wieder in die Parlamente zu tragen" und die Herrschaft der "Linksversifften, Ökofaschisten und EU-Bonzen" zu beenden, wie er sagt. In Bayern regiere die "schwarze Mafia", unterstützt von der "Medien-Mafia". Letztere sei auch verantwortlich dafür, dass Straftaten von Migranten als Einzelfälle dargestellt würden. Nolte: "Wir haben ein Problem mit ganzen Gruppen psychisch kranker Einzeltäter." Die fänden sich in der Bundesregierung und unter deren "Helfershelfern in den Medien".

Steffen Königer: 47 Jahre, "Mister Brandenburg" 1995, seit 2013 in der AfD, mittlerweile Bundesvorstandsmitglied und Landtagsabgeordneter. Wenn ihm jemand vor fünf Jahren den heutigen Status der Partei prophezeit hätte, "den hätte ich für bekloppt erklärt", meint der Zopfträger. Im locker-ironischen Plauderton geißelt der Gastredner den "Gender-Wahnsinn" (sein Paradethema) und die Bildungspolitiker der Nation, die einen "Krieg gegen das Volk der Dichter und Denker angezettelt" hätten. Inklusion bis zur Hochschulreife? "Dann haben wir am Ende ein Abitur auf dem Niveau von Teletubbies."

Noch Fragen? Eine ebenso kurze wie zähe Diskussion schließt sich an. Ein Senior berichtet von einem Klassentreffen in seiner ehemaligen Schule, die jetzt Jugendliche aus 37 Nationen besuchen. Sein Eindruck: "Es ist einfach zu spät, das Ruder herumzureißen." Er solle mal den Optimismus nicht verlieren, ermutigt Königer: "Die Wende kann sehr schnell gehen und nachhaltig sein."

Ein Zuhörer findet die Beschränkung auf "ein, zwei Themen" im Wahlkampf "etwas wenig". Ein anderer merkt an, dass er an diesem Abend ja viel Interessantes gehört habe, es die Partei aber offenbar nicht schaffe, ihre Standpunkte in die Öffentlichkeit zu bringen. Gelegenheit für Königer, nochmals die "Benachteiligung unserer Partei" in den Medien zu beklagen. Er lächelt. "Aber der Bürger merkt das. Wir sind nicht mehr zu leugnen. Wer weiter leugnet, dessen Job ist bei einer AfD-Bundesregierung gefährdet."

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Ali Zant

Die Faschisten sind zurück! Wer dies leugnet, imitiert oder verharmlost macht sich am Zusammenhalt unserer Gesellschaft schuldig. Verleugnen kann man diese fatale Entwicklung tatsächlich nicht mehr. 100 afd ler in Neustadt sind eine stattliche Zahl. Die Frage ist: Was tun? Aufklärung und inhaltliche Debatten mit Rechtsextremen sind oft kompliziert aber dennoch der einzige Weg um der Bevölkerung zu zeigen wohin deren Ideologie führt. Der nationale Sozialismus z.B. eines Hr. Höcke dem auch seine regionale Marionette Hr. Magerl anhängt, hat mit sozialer Gerechtigkeit nichts zu tun. Unser Land braucht keine nsdap 2.0! Ich persönlich kandidiere aktuell für den Landtag auch um den Extremisten nicht das Feld zu überlassen. Sollte ich es nicht in den Landtag schaffen wird es mein Ziel sein der afD im Stadtrat von Weiden kontra zu geben. Kampflos werde ich nicht zu sehen wie die afD mit der rhetorischen Unterstützung der aktuellen csU Führung , zum Leidwesen der csU Kommunalpolitiker und zum Leidwesen des Bayerischen „Leben und Leben lassen“ unser buntes Bayern in dunkelbraun umfärbt!

23.08.2018