12.09.2019 - 10:49 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Aus Räubersage entsteht Oper

Viele Geschichten ranken sich um Maria Kulm im Egerland. Die Gründungslegende der Kirche bietet Stoff für jede Menge Theater. Sogar der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch schreibt darüber. Seit der Grenzöffnung ziehen auch wieder Wallfahrer nach Maria Kulm.

Pilger aus der gesamten Oberpfalz machten sich 2018 auf den über 70 Kilometer langen Weg zur Gnadenstätte Maria Kulm in Tschechien.
von Rainer ChristophProfil

Für die Wallfahrtskirche der römisch-katholischen Pfarrei Maria Kulm und den Orden der Kreuzherren mit dem roten Stern aus Prag war der 7. Mai 2011 ein besonderer Tag: Erstmals seit 1945 erstrahlte die barocke Kirche "Mariä Himmelfahrt und St. Maria Magdalena" innen und außen im neuen Glanz. Egerländer, Bayern und Tschechen zogen unter schwersten Bedingungen an einem Strick und vollendeten das Werk.

Eine erste Erwähnung von Chlum Svaté Marí (Maria Kulm) stammt aus dem Jahre 1341. Die Holzkapelle aus dem 13. Jahrhundert mit einer Statue der Jungfrau Maria wurde 1400 durch die Steinkirche "Himmelfahrt der Jungfrau Maria und Maria Magdalena" ersetzt. Der Orden der Kreuzherren mit dem roten Stern übernahm die Betreuung der Pilger. Ihre heutige Gestalt erhielt die Anlage am Ende des 17. Jahrhunderts unter dem Barockbaumeister Christoph Dientzenhofer. Die Fresken stammen von Elias Dollhopf. Den Gnadenaltar gestaltete 1730 Karl Stilp. Die Kirche zählt zu bedeutendsten Wallfahrtsorten des Egerlandes. Pilger kamen aus dem Erzgebirge, aus Oberfranken und der Oberpfalz. Vor 1939 zogen jährlich bis zu 50 000 Pilger nach Maria Kulm.

Viele Sagen ranken sich um die Kulmer Madonna, die Kirchenglocken und das Geschehen der Wallfahrt. Berühmt ist die Räuber-Sage, erstmals veröffentlicht 1495 durch den Humanisten Paulus Niavis aus Eger im Werk "Historia occisorum" in Kulm. Diese dramatische Sage übernahm der Kulmer Pfarrer Friedrich Dörfel (1651), weitere Autoren beflügelte diese Geschichte. So entstand 1816 das Schauspiel "Die Räuber auf Maria Kulm" durch Heinrich Cuno, Buchhändler in Karlsbad.

Die Sage beginnt mit der Auffindung der wundersamen Marienstatue durch einen Metzger in Falkenau (Sokolov) bei einer Rast am Grünenberg in einem Haselnussstrauch. Er nahm sie mit, am Morgen war sie verschwunden. Nach langem Suchen fand er sie am Ursprungsort wieder. Zeichen dafür, dass die Madonna sich hier eine Kapelle wünschte.

Diese wurde später durch die Wallfahrtskirche ersetzt. Viele Pilger kamen von Anfang an zum Gnadenort. Diese Situation nutzte eine Räuberbande aus den umliegenden Wäldern gnadenlos aus. Zunächst unternahm die Obrigkeit auf Burg Kacerov (Katzengrün) nichts gegen deren Treiben. Dies änderte sich erst, als der Burgherr bei einer Andacht ein wertvolles Schachbrett in der Kapelle vergaß und es erst daheim bemerkte. Jemand sollte ihm das Brett gegen eine hohe Belohnung holen. Niemand wagte es aus Angst vor den Räubern. Nur Bibiana, die Tochter des Burgvogts, zeigte Mut, ritt zur Kapelle, fand das Schachbrett und wurde dabei Zeugin eines Überfalls. Forsch ritt sie auf den Räuber zu. Dieser flüchtete und sie konnte das Opfer des Raubes retten. Anlass für ihren Vater, massiv gegen die Bande vorzugehen. Bibiana spielte dabei den Lockvogel und es gelang, den Räuberhauptmann zu fassen. Von den Schätzen, die in den Verstecken gefunden wurden, ließ der Burgherr die Wallfahrtskirche bauen.

Theaterschreiber, Dichter und sogar Musiker wurden vom Inhalt der Sage beflügelt. Auch der berühmte Prager Journalist Egon Kisch veröffentlichte die Geschichte. Das Theaterstück "Die Räuber auf Maria Kulm; oder Die Kraft des Glaubens" scheint sehr beliebt gewesen zu sein. So wurde es 1868 vom Amateurtheater der Kolpingsfamilie Bad Waldsee ebenso aufgeführt, wie in den Jahren 1864, 1877 und 1902 von der Theatergesellschaft Endorf oder 1951 von der Kolpingfamilie Eichstätt und dem Theaterverein Haslach. Auch in Südtirol (im Samnauntal, der Pfarrei Zierl in Tirol und der Steiermark) stand es um jene Zeit auf dem Spielplan. In Sachsen und im heutigen Baden-Württemberg begeisterten sich Laienschauspieler für das Stück. So an den Fasnachtstagen bei der Musikgesellschaft Döttingen, der Freiwilligen Feuerwehr Kollnburg oder an Weihnachten 1926 bei der Theatergruppe des SG Ersingen (1978).

Der Komponist und Pianist Johann Peter Pixis (geboren 10. Februar 1788 in Mannheim, gestorben am 22. Dezember 1874 in Baden-Baden), Lehrer des (späteren) Bayernkönigs Ludwig I., schrieb sogar eine romantische Oper "Bibiana oder die Kapelle im Walde" nach der Novelle von Heinrich Cuno in drei Akten mit Soli, Chor und Orchester. Uraufführung war am 8. Oktober 1829 in Aachen, 1830 in Paris im "Théâtre Italienne" und im gleichen Jahr in Prag.

Nicht zu vergessen Harald Schwarz (1921 bis 1995) und sein Puppentheater "Andraschek, Juraschek, die Räuber von Maria Kulm" von 1969. Im deutschböhmischen Teplitz-Schönau geboren, ging er bei Altmeister Max Jacob im Kasperhaus Hohnstein in der sächsischen Schweiz in die Lehre. Er wurde Puppenspieler von Beruf, "aber auch aus Berufung". Früh schon streckte er seine Fühler "nach drüben" aus, in die böhmische Heimat. Noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, der so eisern für ihn nicht war, gelang es ihm, mit tschechischen Kollegen in Verbindung zu treten.

Er hat vor deutschen und tschechischen Kindern gespielt - mal auf Deutsch, mal auf Tschechisch - manchmal auch, sozusagen auf böhmisch alternierend, in beiden Sprachen. So versuchte er auf seine Weise unermüdlich, um Verständnis zwischen Deutschen und Tschechen zu werben. Dazu passten natürlich die Räuber von Maria Kulm.

Der Vorsitzende der Maria-Kulm-Initiative, Herbert Baumann, konnte zunächst nicht sagen, ob das Stück auch in unserer Region aufgeführt wurde. Diese Frage wurde durch einen Zufall geklärt. Bei der Entkernung des alten Schulhauses am Altenstädter Pfarrplatz kam neben vielen alten Dokumenten ein schon recht mitgenommenes Plakat des Katholischen Arbeitervereins Neustadt aus dem Jahre 1901 zum Vorschein. Angekündigt wurde das Theaterstück "Die Räuber auf Maria Kulm" mit dem Untertitel "Die Kraft des Glaubens" von Heinrich E. Cuno. Die Aufführung erfolgte "am 4. März im neuerbauten Saale der Mühlhoferischen Brauerei". 15 Hauptdarsteller und viele Komparsen waren eingebunden. Die Hauptrolle des Herrn der Veste, Katzenberg, spielte Felix Uebl. In die Rolle der Heldin des Stücks, Bibiana, schlüpfte Marie Lindner. Den Anführer der Räuberbande mimte Georg Pruischütz.

Die Fußwallfahrten, die während der NS-Zeit und im Krieg zum Erliegen gekommen waren, wurden nach der Wende 1990 belebt. Von Weiden und Neustadt/WN brachen erstmals wieder Fußwallfahrer von St. Quirin (Ilsenbach bei Püchersreuth) aus mit dem "Kulmer Wallfahrtskreuz" auf. Eine der letzten Wallfahrergruppen aus Böhmen hatte das Kreuz mit Weitsicht zurückgelassen.

Dem Weidener Religionslehrer Herbert Baumann und vielen Weggefährten gelang es, den alten Pilgerweg mit seinen Stationen neu zu beleben. So entstanden nicht nur eine neue Glaubensverbindung, sondern auch Freundschaften zu den Einwohnern des heutigen Maria Kulm. Die Weidener "Initiative Maria Kulm", so Baumann, handele nach dem alten Motto: "Wer amal in Kulm ba da Muttergottes gwen is, der dout allweil wiederkumma, des is gwis!" Und die Räuber sind auch längst verschwunden.

Jubiläum:

30 Jahre Fußwallfahrt mit Bischof Voderholzer

Püchersreuth. (dt) Die Wallfahrer wollen Gott Dank sagen, für all die Dinge für die wir dankbar sein können. „Mit dem Dank kommt Freude in unsere Herzen und unsere Sorgen treten ein bisschen in den Hintergrund.“ Am 26. und 27. September findet die 30. oberpfälzische-böhmische Fußwallfahrt von St. Quirin nach Maria Kulm statt. Zum Jubiläum begleitet Diözesanbischof Rudolf Voderholzer die Gruppe ab Maria Loreto. Er feiert zusammen mit Bischof Tomas Holub aus Pilsen das Wallfahrtsamt in Maria Kulm. Treffpunkt ist am Donnerstag, 26. September, um 5.30 Uhr bei der Wallfahrtskirche St. Quirin in Ilsenbach. Um 5.40 Uhr ist Andacht mit Wallfahrtssegen. Die Wallfahrer-Gruppe startet um 6 Uhr. Die erste Tagesetappe geht 36 Kilometer nach Wernersreuth. Die zweite Tagesetappe nach Maria Kulm beträgt 35 Kilometer. Ankunft ist um 15.15 Uhr. Nach dem Wallfahrtsamt mit anschließender Verpflegung durch die Pfarrei Maria Kulm fahren um 17.30 Uhr die Busse wieder zurück nach Hause.

Weitere Informationen und Anmeldung auf www.fusswallfahrt.mariakulm.de und E-Mail wallfahrtsleitung[at]fusswallfahrt.mariakulm[dot]de.

Seit Januar 2018 ist die Wallfahrtskirche Maria Kulm, offiziell Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt und St. Maria Magdalena, nationales Kulturdenkmal.
Das Plakat wurde bei der Sanierung des alten Schulhauses in Altenstadt/WN gefunden. Der Nachweis, dass das Schauspiel „Die Räuber auf Maria Kulm“ auch in unserer Gegend aufgeführt wurde.
Das jahrhundertealte „Egerer Wallfahrtskreuz“ wurde von dem Luher Künstler Wendelin Sperl liebevoll restauriert.

Aktuell und Wissenswert

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