25.06.2021 - 11:22 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Nach dem Verblühen der Glasindustrie: Neustadt/WN bewirbt sich um Landesgartenschau

Herbert Holzer ist das Gesicht der Neustädter Zukunftspläne. Der Metzger ist mit der Glastradition aufgewachsen. Um dieses Herzstück der örtlichen Geschichte soll sich viel drehen – bei einer Landesgartenschau in der Kreisstadt.

Wildes Grün hat sich auf den Altlastenflächen bei den Tritschlerruinen breit gemacht. Ranken sich hier bald Blumen und Pflanzen einer Landesgartenschau in Neustadt/WN? Sie sollen aber die Glastradition hier nicht vergessen lassen.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Neustadt bewirbt sich um eine Landesgartenschau in einem der Jahre 2028 bis 2032. Der erste große Schritt dafür ist die Interessensbekundung bei der bayerischen Landesgartenschau GmbH. "Wir sind im Soll", sagt Bürgermeister Sebastian Dippold zu den Vorbereitungen dafür. Viel Zeit bleibt nicht mehr, denn Abgabeschluss ist zum Monatsende. "Ziel des Projektes ist es, die Altlasten zu sanieren und den Naherholungsgürtel zwischen Bockl und Floß erlebbar zu machen."

Video für die Bewerbung

Sahnehäubchen der Interessensbekundung soll das Video sein, in dem Herbert Holzer eine zentrale Rolle zukommt. Der 69-Jährige ist gegenüber der Glasfabrik Tritschler aufgewachsen, die Tante betrieb die Kantine in dem Werk. Im Film erzählt der Metzger Anekdoten aus der Zeit, als die Fabriken noch voller Leben waren.

Video zur Bewerbung zur Landesgartenschau

Die Glasindustrie auf deren Brachen, die Landesgartenschau angesiedelt werden soll, wird nach Dippolds Vorstellung Leitmotiv für das Projekt. "Holzer war als Kind nah dran, hat aber eine Perspektive, die von außen auf die Glastradition schaut." Diese Sichtweise stellt sich der Bürgermeister auch für das künftige Gelände vor.

"Wir wollen nichts platt machen"

"Mein Traum hängt an der Bausubstanz der Fabrikruinen", meint der Bürgermeister. "Wenn sie es hergibt, möchte ich etwas von Tritschler stehen und für eine neue Nutzung übrig lassen." Es gelte, auf rund 145.000 Quadratmetern Neustädter Geschichte wieder erlebbar zu machen und langfristig beispielsweise durch ein Startup-Unternehmen in den alten Gemäuern zu beleben. Dippold sieht es als Herausforderung, diesen Teil der Neustädter Geschichte und Identität zu erhalten. "Jeder in Neustadt, der über 50 ist, hat einen Bezug zur Glasindustrie, auch wenn der Dreck noch im Boden ist." Das Konzept werde sich stark an der Bausubstanz orientieren. "Wir können, werden und wollen dort nichts plattwalzen." Auch das dort wuchernde Grün solle so weit möglich mit ins Konzept integriert werden.

"Das ist wie Tschernobyl hier. Auf der einen Seite ist die Straße und daneben steht das Schild Betretungsverbot." Mit diesen drastischen Worten zeigte Dippold dem Geschäftsführer der Bayerischen Landesgartenschau GmbH, Martin Richter-Liebald, das Gelände. "Da hat er Augen bekommen." Im Video ist eines der Schilder zu sehen und auch der Hinweis auf die hohen Kosten der Altlastensanierung enthalten.

Von einer riesen städtebaulichen Aufgabe sprach Richter-Liebald. Das Gesamtvolumen von Neustadt sei sehr, sehr umfangreich und eine große Nummer für eine Stadt dieser Größenordnung, meinte er angesichts der Altlastenflächen. "Eine Gartenschau ist immer ein gutes Instrument für so eine Aufgabe", machte er Hoffnung, auf eine erfolgreiche Bewerbung. 5 Millionen Euro vom Umweltministerium bei einer Förderung von 50 Prozent könne ein Zugpferd für viele weitere Mittel sein. Mit einer eventuellen Beteiligung der EU seien bis zu 80 Prozent Zuschuss möglich.

Vieles denkbar, aber erst ab 2029

Bei dieser Mammutaufgabe schätzt der LGS-Chef eine Verwirklichung der Landesgartenschaupläne für die Jahre 2028 oder 2029 als zu sportlich ein. Aber 2029, 2030, 2031 oder 2032 sei sie denkbar. Ursächliche Aufgabe sei für die Stadt, die Problematik anzugehen, damit das nicht die nächsten 60, 70 Jahre liegenbleibe. Richter-Liebald: "Von daher ist das eine richtige und wichtige Sache." Als Beispiel für ein ähnliches erfolgreiches Altlastenprojekt verwies er auf die Landesgartenschau 2006 in Marktredwitz, die dem Gelände und Gebäuden einer alten Lackfabrik zu neuem Leben verhalf. "Städte in dieser Größe mit diesen Aufgaben können einem leidtun."

Auf die Interessensbekundung folgt dann die eigentliche Bewerbungsphase. Deren Unterlagen müssen bis 8. April 2022 vorliegen. Dafür ist eine detaillierte Planung mit Fachleuten und unter Einbeziehung der Bevölkerung nötig. Eine Entscheidung fällt eine Kommission mit Vertretern der beteiligten Ministerien bis zum Sommer. "Wenn Deggendorf es schafft, mit Hilfe der Landesgartenschau eine Fußgängerbrücke über die Donau zu bauen, warum sollen wir in Neustadt nicht auch erfolgreich sein?", gibt sich Rathauschef Dippold optimistisch.

Info:

Alles rund um eine Landesgartenschau

  • Ziele: landesentwicklungspolitische und ökologische Effekte
  • Beispiel: Ökologische Aufwertung innerstädtischer Flächen und in der Folge Erschließung zur Nutzung für Freizeit und Erholung
  • Mittel: Koordinierte Aktivitäten von Staat, Kommunen, Fachverbänden und Betrieben
  • Realisierung: Durch die Kommunen gemeinsam mit der Gesellschaft zur Förderung der Bayerischen Landesgartenschauen
  • Zuschlag: Das Umweltministerium und das Ministerium für Landwirtschaft und Forsten entscheiden

 

 

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