Nürnberg
07.06.2019 - 13:50 Uhr

Nürnberger Mutmacher: "Heroes" für mehr Gleichberechtigung

Jungs mit Migrationshintergrund hinterfragen beim "Heroes"-Projekt ihr Weltbild: Die Beziehung zwischen Mann und Frau, Antisemitismus, Diskriminierung. Mitunter stoßen sie an Grenzen. Sie gehen weiter – eben echte „Helden“.

Nürnberger "Helden": Maxim (links), Diaco (Dritter von links) und Leandro (Zweiter von rechts) sind zertifizierte Hereos. Das heißt, sie dürfen Workshops im Rahmen des Projekts halten. Sie sagen, dass sie dank "Heroes" vor allem viel über sich selbst gelernt haben. Bild: spw
Nürnberger "Helden": Maxim (links), Diaco (Dritter von links) und Leandro (Zweiter von rechts) sind zertifizierte Hereos. Das heißt, sie dürfen Workshops im Rahmen des Projekts halten. Sie sagen, dass sie dank "Heroes" vor allem viel über sich selbst gelernt haben.

Es ist ein unscheinbares Haus in Nürnbergs wohl berühmtestem Stadtviertel Gostenhof. Noch bis vor zehn Jahren als „Glosschermverdel“ verschrien, entdeckten nach und nach Kreative den Reiz der kantigen und teilweise rauen Ecken sowie der bunten Mischung an Menschen, die dort leben. Genau hier treffen sich wöchentlich Jugendliche im Alter zwischen 15 und 21 Jahren. Ihre Eltern stammen aus der Türkei, Griechenland, Italien, Irak, Russland, Serbien und Kurdistan. Sie kommen, um zu reden.

An diesem späten Nachmittag ist im Vorraum auf einmal lautes Gelächter zu hören. Acht Jungs begrüßen sich, klatschen mit den Händen ein. Einer von ihnen erzählt, dass er endlich eine Zusage für eine Mietwohnung bekommen habe. Man freut sich. Bis der Gruppenleiter kommt, wird noch eine Runde am Tischkicker gezockt. Es ist Gruppenstunde für die zertifizierten „Heroes“.

"Heroes": Das ist die Auseinandersetzung mit sich selbst

Was bedeutet das? Als im Jahr 2005 Hatun Sürücü in Berlin von einem ihrer drei Brüder getötet wurde, geisterte das Wort „Ehrenmord“ bundesweit durch die Gazetten. „Männer mit Migrationshintergrund wurden unter Generalverdacht gestellt. Frauen sind das Opfer. Fertig“, erklärt die „Heroes“-Projektleiterin in Nürnberg, Ulrike Wickbold. Seit 2013 gibt es den Ableger in der fränkischen Metropole. Die Soziologin sagt aber: „Es ist viel komplizierter.“ Schließlich geschähen solche Ehrenmorde unter anderem auch mit dem Wissen von Tanten, Müttern oder Großmüttern. Vor allem sei wichtig zu wissen: „Sogenannte Ehrkulturen haben nichts mit einer Religion zu tun.“ Vielmehr geht es in einem kulturellen Kontext darum, dass jemand für die Familie etwas opfert. Die Familie zähle mehr als das Individuum. „Ein Mord geschieht, um jemandes Ehre, besonders die der eigenen Familie, wiederherzustellen“, heißt es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Das „Heroes“-Projekt hilft Jugendlichen, sich mit dem eigenen Ich auseinanderzusetzen. „Was ist meine Identität? Welche Traditionen übernehme ich aus meiner Familie? Das sind Fragen, die sich unsere Jungs stellen“, erklärt Wickbold. Mit einem großen Bedürfnis zu reden und zu diskutieren kämen die meisten hierher. „Oft sind die Jungs verblüfft, was das mit ihnen macht.“

"Ist Homosexualität okay?"

Alles, was in den Treffen mit einem Gruppenleiter besprochen wird, bleibt im geschützten Raum. Jeder kann sagen, was er will. „Es gibt keine Tabus“, sagt Wickbold. Allerdings: „Jede Meinung braucht Argumente.“ Meine Frau darf zwar arbeiten gehen, aber den Haushalt darf sie nicht vernachlässigen. „Die Jungs merken, dass es für solche Thesen kaum logische Begründungen gibt.“ Eine Frage bei einem Gruppentreffen war zuletzt: „Ist es okay, wenn die Familie ein Mitglied verstößt, weil es homosexuell ist?“

Der 18-jährige Maxim sagt über sich selbst: „Ich habe mich als Mensch mehr geöffnet, bin toleranter geworden“, seit er bei den „Heroes“ dabei sei. Und ja, er würde jetzt erst nachdenken, bevor er etwas sagt, erklärt er lachend. Er kam mit Leandro (18) zu den „Heroes“, der von sich behauptet, auch schon zuvor „über den Tellerrand geschaut zu haben. Hier habe ich aber bei manchen Themen doch einen anderen Blickwinkel mit bekommen“.

Neun bis zwölf Monate Ausbildung

Maxim und Leandro besuchten einen „Heroes“-Workshop, der in ihrer Schule damals angeboten wurde. Andere Jugendliche werden über Mundpropaganda und in Jugendzentren auf das Projekt aufmerksam. „Die Themen, die da angesprochen wurden, haben mich gepackt“, erinnert sich Maxim. „Denn eigentlich habe ich mir über Homosexualität und Homophobie nie Gedanken gemacht.“ Diaco (20) ist von seiner Mutter kurz nach der Gründung der „Heroes“ in Nürnberg dorthin geschickt worden. „Meine Eltern waren bei einer deutsch-griechischen Integrationseinrichtung aktiv und haben irgendwann einmal mit einem Flyer vor meiner Nase gewedelt.“ Diacos Mutter wollte, dass sich ihr Sohn mit der Gleichberechtigung zwischen Jungs und Mädchen auseinandersetzt. „Ich denke jetzt mehr über mich nach“, zieht er Resümee. Und er habe gelernt, sich nicht mehr über Dinge aufzuregen, die er selbst nicht ändern kann.

Neun bis zwölf Monate werden die Jungs intensiv ausgebildet. „Was bedeutet es, ein Mann zu sein? Wir diskutieren über die Rollen in patriarchalische Strukturen. Der Beschützer, der die Familie ernährt“, sagt Leiterin Wickbold. Man versuche, den Jungs beizubringen: „Männer dürfen Gefühle zeigen und die müssen sich nicht in Aggressionen widerspiegeln.“ Am Ende sollen die „Heroes“ in Schulen, als Gruppenleiter und im Freundeskreis das Gelernte weitergeben. Der Freistaat Bayern findet die Initiative so gut, dass er das Projekt finanziell unterstützt.

Diskriminierung und Reaktionen des Umfelds

Die meisten „Heroes“ sind in Deutschland beziehungsweise in Nürnberg geboren, ihre Eltern woanders. Wickbold erzählt von einem jungen Mann, der sich kürzlich zwischen dem deutschen und iranischen Pass entscheiden musste. „Er tendierte zum deutschen, weil er sich als Deutscher fühlt. Die Familie im Iran war entsetzt. Sie fragte ihn, ob er sich von der Verwandtschaft abwenden wolle.“ Zu kämpfen haben einige der Jungs auch damit, dass sie sich offensichtlich als Deutsche fühlen, doch die Reaktionen des Umfelds anders ausfallen. Immer wieder werde zum Beispiel einer aus dem „Heroes“-Umfeld in der U-Bahn von der Polizei nach seinen Papieren gefragt. „Seine Eltern stammen aus Marokko, doch er ist in Deutschland geboren. Die erste Frage der Beamten ist dann immer: Sprechen Sie Deutsch?“ Dabei könne sich der junge Mann durchaus auch auf Schwäbisch mit den Polizisten unterhalten. Denn groß geworden ist er auf der Ostalb. Und plötzlich geht es auch um den Aspekt der Diskriminierung. „Ein Stück weit prägen solche Erlebnisse die Jungs. Natürlich verletzt sie so etwas.“ Die Gruppenleiter erklärten den Jungs aber auch: „Wenn ihr euch in der Polizeikontrolle falsch verhaltet, bringt ihr damit möglicherweise eine ganze Gruppe in Verruf.“

Deutscher? Italiener? Kurde?

Wohin gehöre ich? Wie fühle ich mich? „Jeder Mensch sollte selbst entscheiden können, was seine Heimat ist“, fordert Diaco. Natürlich fühle er sich Kurdistan, jenem Land seiner Eltern, verbunden. „Immer wenn ich nach Nürnberg nach Hause komme, klopfe ich mit der Hand auf den Boden.“ Es verbildlicht das Gefühl: Jetzt bin ich wieder zu Hause. Leandro sieht das genauso: „Ich fühle mich nicht als Italiener, nur weil meine Eltern von dort stammen.“ Zu Hause werde zu 95 Prozent Deutsch gesprochen. „Das Essen ist vielleicht italienisch“, sagt er lachend. „Aufgewachsen bin ich in Nürnberg.“

Dieses Wissen und die Sensibilität für das eigene Ich geben die Jungs regelmäßig weiter – an neue Jungs, die zu Helden werden wollen. Diaco, der quasi der Opa-„Heroe“ ist, erkennt sich manchmal selbst im Nachwuchs. „Was sie sagen, was sie denken. Das kann ich schon sehr gut nachvollziehen. Ich hoffe, ich leiste einen Beitrag – wenn auch einen bescheidenen.“

Der Mord an Hatun Sürücü:

Der Mord im Jahr 2005 an der türkeistämmigen Deutschen mit kurdischer Herkunft Hatun Sürücü in Berlin sorgte bundesweit für Entsetzen. Die junge Frau war von einem ihrer drei Brüder durch drei Kopfschüsse getötet worden, weil sie sich gegen die Traditionen ihrer Familie auflehnte. Die Polizei geht davon aus, dass die Motivation ein sogenannter Ehrenmord war. Seit 9. Mai ist ein Film mit dem Titel „Nur eine Frau“ von Regisseurin Sherry Hormann in den Kinos zu sehen, der sich an die Geschichte von Hatun Sürücü anlehnt.

Mit 16 Jahren wurde Hatun mit einem Cousin in Istanbul zwangsverheiratet, von dem sie ein Kind erwartete. Sie floh aus der Türkei zurück nach Deutschland, legte das Kopftuch ab, machte den Hauptschulabschluss nach und begann eine Lehre. Trotz ihres selbstständigen Lebens hielt sie aber den Kontakt zur Familie aufrecht. Im Februar 2005 wurde sie an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof getötet. Der Vorfall löste eine große Debatte in ganz Deutschland über Zwangsehen und unterschiedliche Wertvorstellungen aus. 2007 gründete sich als Antwort darauf das „Heroes“-Projekt in Berlin. Es hat sich der Gewaltprävention in verschiedenen Städten Deutschlands verschrieben und hat das Ziel, dass sich junge Männer mit Migrationshintergrund aus sozialen Milieus mit strikten Ehrvorschriften und patriarchalen Strukturen für die Gleichberechtigung der Geschlechter und Menschenrechte engagieren. In Bayern gibt es „Heroes“ in vier Städten, eine davon ist Nürnberg.

 
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