15.06.2020 - 15:16 Uhr
Oberbibrach bei VorbachOberpfalz

Überflutetes Oberbibrach am Tag danach

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Es ist eine Nacht, die den Oberbibrachern beim Aufräumen noch tief in den Knochen sitzt. Ein Unwetter zieht am Sonntag über den Ort. Regen prasselt auf Straßen und Dächer, der Biberbach flutet die Ufer. Dann bricht auch noch ein Weiherdamm.

Als der Damm des Schneidweihers bricht, wird der Keller von Familie Schmid aus Oberbibrach geflutet. Das wird in dieser Nacht aber nicht der einzige bleiben.
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

Müde, erschöpft, mitgenommen sehen die Menschen am Montagmorgen in Oberbibrach aus. Sie werden Sonntagnacht gegen 1 Uhr aus ihren Betten gerissen. Sirene, Telefone, Türklingeln schlagen Alarm: Straßen, Gärten, Keller sind geflutet, stehen teils bis zu einem Meter unter Wasser. Es herrscht Ausnahmezustand in dem kleinen Ortsteil von Vorbach.

Die Gully-Deckel können die Wassermassen, die zuerst vom Himmel fallen, und später noch durch einen gebrochenen Weiherdamm flutartig verstärkt werden, nicht mehr aufnehmen. Die Bürger, die seit Stunden auf den Beinen sind, erzählen von einer Welle, die ihren Ort binnen Minuten überschwemmt. So etwas haben sie noch nicht erlebt, berichten Josef Busch (66) und Evelyn Schmid (40), die sich nur wenige Stunden nach der Schreckensnacht über den Gartenzaun hinweg unterhalten. Gummistiefel, Regenjacke, Augenringe zeugen noch von dem nächtlichen Geschehen.

Die 40-Jährige wohnt direkt am Biberbach und wird nachts durch Anrufe und die Türklingel wach. "Als ich raus bin, war das Wasser schon kniehoch", beschreibt sie die Situation in ihrem Garten. Als sie das Ausmaß des Unwetters erkennt, fährt sie zuerst das Auto aus dem bedenklich ansteigenden Weiher, der sich schon in ihrem Hof gebildet hat. Später wird das Wasser ihr dort bis zur Hüfte reichen. "Alle haben Panik bekommen", erzählt sie. Während des Chaos ist Schmid besonders froh, dass ihr Haus keinen Keller hat, so bleibt die Familie wenigstens vor Überschwemmungen im Wohnhaus verschont.

Weil aber das Wasser im Garten immer weiter ansteigt, ertrinken die beiden Hasen "Schneeball" und "Rosa" in ihrem Stall. "Bei den Kindern herrscht große Trauer." Der Stall sei von der Flut umgerissen worden, die kleinen flauschigen Haustiere konnten nicht entkommen.

Die Wassermassen haben den kompletten Garten von Evelyn Schmid wüst zugerichtet. Die Wurzeln der Pflanzen werden ausgespült, die neu angepflanzte Hecke weggerissen. Weil am Montag das Altpapier abgeholt werden sollte, schwimmt Sonntagnacht das Papier im gesamten Garten. "Fische liegen überall herum", erzählt Schmid weiter. Die Tiere stammen aus dem Schneidweiher nahe Oberbibrach, dessen Damm Sonntagnacht bricht. Die enormen Wassermassen, die auf die Häuser zurollen, verteilen die Fische im gesamten Ort. Die 40-Jährige erzählt, dass ihr Sohn sie gefragt habe: "Mama, war das eine Monsterwelle?" Sie antwortet mit "Ja." Es wird nun lange dauern, bis im Garten wieder alles wie vorher ist.

Die Nachbarn von Evelyn Schmid hat es noch schlimmer erwischt. Das Wasser hat sich dort durch die Kellerfenster, die Hausmauer durch den Kellerboden gedrückt. Im Keller zieht sich ein dunkler Rand die Wand entlang. So hoch steht das Wasser dort Sonntagnacht. "Es kommt immer noch Wasser durch den Boden. Die Feuerwehr kommt regelmäßig zum Pumpen", berichtet Anja Schmid, die gerade mit ihrer Mutter Emmi dabei ist, den Garten aufzuräumen. Die 69-Jährige stützt sich erschöpft auf ihrem Besen ab, während Tochter Anja erzählt. "Wir sind öfter mal gebeutelt wegen der Nähe zum Bach", sagt die 48-Jährige. Dieses Mal erkennt sie aber schnell: Es könnte schlimmer werden. "Ich war am Fenster oben und habe irgendwann zu meinen Eltern gesagt: ,Packt's eure Sachen, ich glaub', wir müssen raus.‘" Zu diesem Zeitpunkt ist der Damm des schätzungsweise fünf Hektar großen Schneidweihers bereits gebrochen, und die Flut stürzt auf die Oberbibracher herein. Der Schock ist Anja Schmid noch immer anzusehen. Als sie weiterspricht, stehen Tränen in ihren Augen, die Stimme bricht. Sie greift sich in die blonden Locken und sagt: "Feuerwehren sind so viel wert. Was würden wir nur machen."

Bestimmt vier Ster Holz habe die Familie neben anderen Trümmern in ihrem Garten gefunden, Gemeindearbeiter helfen den Schmids, alles wieder aufzuräumen. "Jetzt müssen wir abwechselnd ein bisschen schlafen und dann schauen wir mal weiter", seufzt die 69-jährige Emmi entkräftet.

"Und, Emmi, wie sieht es bei euch aus?", fragt Marga Kreutzer, die am Garten der Familie Schmid vorbeikommt. Fragen wie diese hört man am Montagmorgen häufig in Oberbibrach. "Die Solidarität im Dorf ist ganz großartig", sagt Anja Schmid dankbar. Alle würden zusammenhelfen, Kaffee für die anderen kochen und sich gegenseitig aufmuntern. Das wird bei einem Rundgang durch den Ort mehr als deutlich. Besonders beim Schützenhaus und beim Feuerwehrhaus, die ebenfalls nicht von der Überschwemmung verschont werden, kommen viele helfende Menschen zusammen. Denn dort gibt es Sonntagnacht noch eine weitere Gefahr: Ein Gastank hinter dem Schützenhaus hat sich durch die Wucht des Wassers um 180 Grad gedreht und droht in der Nacht zu explodieren. "Er wurde aber gleich abgeklemmt, und das Gas abgepumpt, damit nichts passieren kann", informiert Martin Schmid, Vorsitzender des Schützenvereins. Er ist der Mann von Evelyn Schmid - die Frau mit den beiden Hasen. Nur knapp schrammt Oberbibrach daher an einer noch größeren Katastrophe vorbei.

Am Morgen sind Bagger dann gerade dabei, das Fundament des Gastanks zu richten. "Der Tank wird angedübelt, damit nichts mehr passieren kann", kündigt der 41-jährige Vorstand an. "Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß, jeder kommt mit seinem Bagger oder Frontlader", freut er sich. Auch im Schützenhaus arbeiten die Bürger. "Es war wadeltief unter Wasser. Der Parkettboden muss belüftet werden. Mal schauen, ob wir ihn retten können", berichtet Schmid. 35 Liter pro Quadratmeter habe sein Regenmesser am Morgen angezeigt. Im nahegelegenen Neustadt am Kulm seien es sogar 110 bis 150 Liter gewesen. "Eine krasse Nacht."

Das Wasser macht auch vor dem Feuerwehrhaus nicht Halt. Ein davor geparktes Auto wird ebenfalls überschwemmt. Die Oberbibracher erzählen, dass der Besitzer - ein Feuerwehrmann - es mit einem Helm leer schöpfen muss. Die Hauptaufgabe der Feuerwehren aus unter anderem Oberbibrach, Vorbach, Heinersreuth, Eschenbach, Speinshart, Neustadt am Kulm, Kemnath, Creußen und Tremmersdorf sowie dem THW Weiden besteht in dieser Nacht allerdings darin, Keller auszupumpen und Häuser mit Sandsäcken zu schützen. "Nach dem Dammbruch hat aber auch kein Sandsack mehr geholfen", beschreibt Martin Biersack, Kommandant der Oberbibracher Wehr, die Lage. Auf circa 200 Mann schätzt er die Truppe der Einsatzkräfte, die den Bürgern zur Hilfe eilt. "Es war ein spektakulärer Einsatz. So etwas haben wir in Oberbibrach noch nicht gehabt." Da ist selbst die Coronakrise für einen kurzen Moment vergessen.

Dammbruch und Flutwellen in Oberbibrach

Oberbibrach bei Vorbach

Filchendorfer Dorfweiher läuft über

Filchendorf bei Neustadt am Kulm

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