23.02.2021 - 08:54 Uhr
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Leo Blog: War die Post schon da?

Tag für Tag treffen sich die Bewohner eines Weidener Plattenbaus bei den Briefkästen. Außenstehende könnten meinen, die Damen und Herren in Schürzen und Schlappschuhen warteten auf die Post. Doch eigentlich geht es um etwas ganz anderes.

Ein Briefträger steht an den Briefkästen eines Wohnhauses - alleine und ungestört. Im Haus unseres Leo-Redakteurs Wolfgang Fuchs sieht die Lage derzeit anders aus. Die Menschen haben Redebedarf.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Im Erdgeschoss braut sich was zusammen. "Ja, ist die Post denn noch immer nicht da? Jetzt ist’s schon neun und die kommt und kommt nicht!" Sechs Tage die Woche dasselbe Spielchen bei mir im Haus. Nur Sonntags ist Ruh’.

Um sieben in der Früh geht’s los. Von da an rumpelt und scheppert es im Treppenhaus. Ein Nachbar nach dem anderen pendelt zwischen Wohnung und Briefkasten. Der Aufzug ächzt im Dauerbetrieb. Stimmengewirr schwirrt zwischen den Etagen. Meine Nachbarn warten auf Post.

Ich ebenso. Da ich ganz oben wohne und den Aufzug meide, gehe ich zu Fuß und weiß: Jedes Stockwerk hat seinen eigenen Geruch – das nur so nebenbei. Als ich im Erdgeschoss ankomme, steht eine meiner lieben Nachbarinnen bereits draußen vor den Briefkästen und scharrt mit den Füßen. Sie trägt eine geblümte Schürze und wartet. Gleich wird ihr Gesicht mit ihrem Smartphone verschmelzen, denke ich und necke sie: "Guten Mooorgen. War die Post schon da?" "Nein", brummt sie gereizt und zeigt auf ihr Handy. "Der ist erst auf Hausnummer 4! Da. Schau!" Gemeint ist der Postbote. Mit der neuen App auf ihrem Handy kann die Nachbarin seinen Weg auf Schritt und Tritt verfolgen und weiß genau, wann sie mit ihm rechnen kann.

Manche Worte gehen nur schwer über die Lippen

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Des einen Freud’, des anderen Leid, denke ich mir und fühle mit dem Postboten mit. Einen Moment später biegt der arme Kerl um die Ecke. Ich sehe, dass er uns sieht. Für einen kurzen Moment zuckt er zusammen. Dann richtet er sich schnell wieder auf, lächelt, und ich weiß: Am liebsten würde der sich jetzt in Luft auflösen. Aber das kann er nicht. Also macht er einen auf eilig, sagt: "Hallooooo. Ich muss leider gleich weiter. Hab’s eilig." Doch so leicht lassen sich meine Nachbarinnen und Nachbarn nicht abwimmeln. Eine stellt sich ihm in den Weg und verschränkt die Arme. Eine Zweite kommt hinzu und guckt. "Ganz schön kalt heute", sagt eine Dritte. Ja, ein bisschen ratschen, das wär’s jetzt.

Doch der Postbote windet sich geschickt, grüßt, und schon ist er wieder weg. Meine Nachbarinnen wühlen in ihren Briefkästen. "Werbung. Werbung. Da, eine Rechnung!" Ja, genau. Eigentlich geht es nämlich gar nicht um die Post. "Kommt ja eh nix g’scheit’s." Ja, ich weiß. Eigentlich geht es darum, dass wir alle schon viel zu lange alleine in unseren vier Wänden herumhocken. "Ab März wird es wieder wärmer", sagt mein Lieblingsnachbar. "Dann ist es nicht mehr so kalt." Unter dem Arm hält er einen Stapel Werbung.

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