04.11.2021 - 11:23 Uhr
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LEO Blog: Weg mit dem Ballast

Sind wir mal ehrlich: In jedem von uns steckt eine kleine Klette. Dabei können Abschiede manchmal so befreiend sein, sagt Redakteurin Julia Hammer im neuen LEO Blog.

Abschiede können so befreiend sein.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Wir klammern uns an Klamotten, die seit Jahren unberührt im Schrank hängen, kitschige Urlaubs-Souvenirs, Geschirr, das man „vielleicht irgendwann wieder brauchen kann“. Auch emotional halten wir oft an längst verflossenen Erinnerungen oder Personen fest, die vor Jahren eine Rolle in unserem Leben gespielt haben. Ja, wir können nicht loslassen. Dabei kann es so heilsam sein, sich manchmal einfach zu verabschieden.

Lange Zeit war ich genauso. Ich habe in vielen Dingen eine tiefe Bedeutung gesehen. Da wären zum Beispiel meine weinroten Chucks mit dem riesigen Loch an der Seite – und der Sohle. Untragbar. Aber wegwerfen? Niemals. Schließlich war ich damit auf tollen Konzerten, bin mit ihnen durch Prag gelaufen. Wie könnte ich so treue Wegbegleiter wegwerfen? Meine Chucks standen vor meiner Wohnung. Jahrelang. Und wurden zu meinem emotionalen Staubfänger. Ähnlich ging es mir mit dem Stapel Bilder, die ich noch von mir und meinem Exfreund hatte. Die Schachtel mit den Erinnerungen habe ich tief im Schrank vergraben. Natürlich wollte ich sie nicht ansehen. Die Beziehung ist unschön auseinandergegangen. Wieder in diese Zeit eintauchen? Pure Quälerei. Doch wegwerfen konnte ich sie nicht. Es hätte ja sein können, dass ich mich irgendwann wieder an die schönen Momente erinnern möchte. Auch diese Schachtel verstaubte und entwickelte sich zu unnötigem Ballast. In meinem Leben gab es etliche dieser scheinbar bedeutungsvollen Dinge. Auch mein erster Mini war so ein Fall. Alt, unzuverlässig, mehr in der Werkstatt als bei mir. Doch auch ihn wollte ich nicht loslassen. Er war mein Wegbegleiter, der mich in aufregende Länder gebracht und mir Freiheit geschenkt hat. Bis ein Freund zu mir sagte: „Wenn er dich im Stich lässt und dich nicht mehr glücklich macht, hat er es nicht verdient, an deiner Seite zu sein.“

Er hatte recht. Nicht nur, was das Auto anging. Ich habe angefangen, radikal zu entrümpeln. Materiell und emotional. Wie das funktioniert hat? Ich habe ehrlich hinterfragt, was mich erfüllt – und was eben nicht. Hinterfragt, was Ballast aus alten Zeiten ist, der viel zu schwer wiegt, um ihn weiter mitzuschleppen. Der endlich wegmusste, um frei für Neues zu sein. Ich habe auch einige zwischenmenschliche Beziehungen in Frage gestellt. Überlegt, wer mir wirklich guttut, wessen Leben ich bereichere – und wer für mich im Laufe der Zeit zum emotionalen Ballast geworden ist. Ja, ich habe an etlichen Beziehungen klettenhaft festgehalten, obwohl sie es objektiv gesehen nicht mehr wert waren. Freundschaften, die sich über Jahre hinweg auseinanderentwickelt haben. Die nur noch durch Gewohnheiten zusammengehalten wurden. Vielleicht auch durch die Hoffnung, dass es irgendwann wieder so werden könnte, wie es früher einmal war. In denen unsere Einstellungen zum Leben so weit auseinanderdrifteten, dass der Kontakt schleichend immer anstrengender wurde. Für beide Seiten. Ich habe erkannt, dass ich einigen Menschen zu viel Bedeutung zugemessen habe, die es – um es noch einmal in den Worten meines Freundes zu sagen – „nicht verdient haben, an meiner Seite zu sein“. Also habe ich mich endgültig von ihnen verabschiedet. Natürlich war das schwer. Aber es war ein gutes und unglaublich befreiendes Gefühl.

Ob ich mich heute leicht von allem trennen kann? Nein. Auch ich werde weiterhin kleine Schätze bewahren, die ich niemals hergeben werde. Den Zettel mit der kleinen, schief gemalten Sonne, den mir mein Papa vor vielen Jahren morgens an den Badspiegel gehängt hat, um mir einen schönen Tag zu wünschen. Bilder meiner engsten Freunde, die mich jedes Mal glücklich machen, wenn ich sie ansehe. Geschenke von meinen Liebsten, die mir zeigen, wie wertvoll wir füreinander sind. Ja sogar das hässliche, mit bunten Blumen verzierte Porzellaneichhörnchen, das mir eine Freundin gegeben hat – „weil es so unglaublich furchtbar ist und ich es einfach kaufen musste. Dir und mir“. Es bringt mich immer noch zum Lachen, wenn ich es in meinem Wohnzimmer stehen sehe. Die Bilder meines Exfreundes sind weg. Genauso wie meine alten, kaputten Chucks. Kurz und schmerzlos. Dafür sind neue bei mir eingezogen, die bereit sind, mich zu neuen, aufregenden Abenteuern zu tragen. Abschiede können so befreiend sein. Ich habe bisher keinen bereut.

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