02.12.2021 - 17:20 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Der Charme der 1920er-Jahre: Maklerin Elke Probst verliebt sich in "Alte Post"

Oberviechtach ist um ein Schmuckstück reicher: Elke Probst hat das Gebäude der Deutschen Reichspost aus dem Jahr 1927 mit viel Liebe zum Detail saniert. Die Zukunft ist trotzdem mit eingezogen, samt Auszeichnung beim "German Design Award".

Immobilienmaklerin Elke Probst hat in der ehemaligen Posthalle ihren Besprechungsraum eingerichtet.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

94 Jahre alt und voller Gegensätze: Die "Alte Post" in Oberviechtach bewahrt ein Stück Vergangenheit und richtet gleichzeitig den Blick in die Zukunft. Dafür sorgen die drei Büros in den Branchen Immobilien, Finanzberatung und Marketing/Werbung, die im denkmalgeschützten Gebäude ein neues Zuhause gefunden haben. Ebenso wie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts spielt auch jetzt die Kommunikation eine Hauptrolle im Haus.

Wer den lichtdurchfluteten Besprechungsraum von Immobilienmaklerin und Hausbesitzerin Elke Probst betritt, erkennt sofort die ehemalige Posthalle wieder. "Wenn man reinkommt, dann soll man die Post noch riechen können", sagt Probst und freut sich über den offiziellen Abschluss der Bauarbeiten. Geld und Geduld sind gut angelegt, denn der Mix aus dem Baujahr 1927 mit der Generalsanierung in den 1960er-Jahren und der aktuellen Renovierung ist in allen drei Etagen gelungen. Über den 94 Jahre alten Terrazzoboden im Erdgeschoss beispielsweise sind nicht nur viele Postbeamten gegangen, sondern auch Tonnen an Briefen, Karten und Paketen. Den ursprünglichen Charme verströmen ebenso Parkett, Treppen und Türen im Dachgeschoss. Und unten in der Kanzlei mit den dekorativen Aufputzleitungen kann man das Licht mittels den historischen Schaltern wie ehedem "ausdrehen".

In Archiven gestöbert

Auf dem massiven Holztisch liegen Bücher aus dem Antiquariat. Denn bevor sich Elke Probst an das "Abenteuer Sanierung" wagte, hat sie sich über Amtsbauten informiert und in alten Architekturzeitschriften recherchiert. Die Liebe zum Objekt war da schon da, der Funke bereits übergesprungen. "Eigentlich sollte ich das Gebäude 2014 im Kundenauftrag verkaufen", berichtet Probst beim Gespräch mit der Oberpfalz-Medien-Redaktion. Doch das massiv und solide gebaute Haus, welches die Deutsche Reichspost 1927 errichten ließ, hat sie nicht mehr losgelassen. "Das Haus ist zu schön, um es nicht wieder im Original entstehen zu lassen."

Das bestätigte sich, als sie Näheres über die Entstehungsgeschichte und Architektur in Erfahrung brachte. "Es war für die damalige Zeit ein absoluter Neuanfang", sagt sie und erzählt von der bayerischen Postbauschule, die ähnlich wie das Bauhaus in Dessau, die Gestaltung neuer Bautypen in Angriff nahm. Was ihr besonders imponiert: "Die Architekten mussten sich nicht an alte Bau- und Verwaltungsvorschriften halten, sondern durften frei planen." Im Mittelpunkt stand die neue Philosophie, "dass sich die Menschen, die darin arbeiten, in einer sehr angenehmen, freundlichen und positiven Umgebung befinden sollen". Der Immobilienmaklerin imponiert auch die Tatsache, dass "die sogenannten Typenhäuser der jeweiligen Umgebung in Bezug auf Baumaterial und Stil angepasst wurden".

Der Blick fällt auf eine abgetrennte Raumecke. "Die Post hat damals angefangen, die Telegrafie auf dem Land auszubauen", erklärt Elke Probst, und so sei im Neubau die erste Telefonzelle von Oberviechtach entstanden. Diese gibt es mit Klinkersteinen und der Aluminium-Glastüre aus den 1960er-Jahren immer noch. Auch der Eingangsbereich aus dieser Zeit durfte in grober Struktur so bleiben. Nicht aber die Plastikfenster aus der damaligen Sanierungswelle. "Glücklicherweise konnte ich ein Holzfenster am Dachboden vor dem Sperrmüll retten", freut sich Probst. Mit der Gold-Schreinerei aus Alteglofsheim fand sie einen Handwerker, der diese detailgetreu rekonstruierte. Die Fassade gewann auch mit dem neuen Farbanstrich. "Ich habe versucht, alles im Sinn von 1927 weiter zu kreieren", sagt die Maklerin, "aber natürlich muss man immer wieder zurück in die heutige Zeit". Deutlich wird dies unter anderem im Sanitärbereich, der im ehemaligen Paketschalter entstand. Die Schiebetür zur ehemaligen Verladerampe blieb dabei erhalten.

2018 wurde das Objekt entmietet und in den zwei Folgejahren die Renovierung als ein Familienprojekt durchgezogen. "Mein Mann erledigte die Maurerarbeiten und war eine Art Bauleiter", stellt die Hausherrin fest. Als einen "Glücksgriff" bezeichnet sie auch die beteiligten Handwerksfirmen, die größtmögliche Unterstützung leisteten: "Die Fachleute haben ein Gespür für die Atmosphäre bewiesen, die früher im Haus geherrscht hat."

Keine Wohnungen mehr

Glücklich ist Probst auch mit den Mietern im Haus. Allen voran Marco Schmid, der mit seinem Markenbüro Schmid + Kreative wieder zurückgekehrt ist. "Wir haben uns zu Beginn im Hinterhof zusammengesetzt und über diese Möglichkeit gesprochen. Dabei merkten wir schnell, dass das klappen könnte", erinnert sich die Immobilienexpertin, die sich auch für Geomantie interessiert. Wohnungen wollte sie nicht wieder vermieten, sondern stattdessen in Kommunikation gehen - analog der Funktion des früheren Postgebäudes.

Im Obergeschoss wurde der ursprüngliche Wandputz teilweise großflächig freigelegt. Wie Elke Probst betont, konnte Mieter Marco Schmid mit größtmöglicher Freiheit seine Vorstellungen verwirklichen. Der Bauausschuss hatte im Oktober 2019 auch nichts gegen einen Balkon-Anbau an der Gebäuderückseite. Die Firma Schmid + Kreative nutzt allerdings nur einen Teil des Obergeschosses als Büro. Die weiteren stylisch eingerichteten Zimmer gehören zum "landly.lab" und werden für fokussierte Arbeit und kreative Prozesse als "Offsite-Location" für Team-Events an Unternehmen vermietet. Am 15. November herrschte ausgelassene Stimmung im Haus: Das "landly.lab" hat die Auszeichnung "German Design Award Special 2022" in der Kategorie "Excellent Architecture/Interior Architecture" erhalten.

Eröffnungsfeier abgesagt

Doch es gibt auch einen Wermutstropfen: Die für 18. November geplante Eröffnungsfeier musste aufgrund der steigenden Corona-Fallzahlen abgesagt werden. Elke Probst will nun mit ihren Gästen im Sommer 2022 auf die Sanierung der "Alten Post" anstoßen.

Bauausschuss Oberviechtach diskutiert 2019 Umbaumaßnahmen im früheren Postgebäude

Oberviechtach
Hintergrund:

Die Zukunft im Blick: Bayerische Postbauschule bis "German Design Award 2022"

  • Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Bayern eine eigene Bauverwaltung der Post gegründet. Die bayerische Postbauschule war die wichtigste Manifestation des Neuen Bauens in Bayern zwischen 1920 und 1934.
  • Als Initiatoren der Schule gelten die beiden Architekten Robert Poeverlein und Robert Vorhoelzer, welche eine unbürokratische, produktive Baubehörde schufen. Die Gestaltung neuer Bautypen wurde in Angriff genommen.
  • Die Philosophie: "Zur Pflege und Erhaltung von Gesundheit, Arbeitsfreudigkeit und Wohlergehen der Beamtenschaft wird auf die Erschaffung heller, freundlicher Arbeitsräume mit zweckmäßigen Betriebseinrichtungen und Betriebsmöbeln besonders Wert gelegt."
  • Das Postgebäude in Oberviechtach wurde im Jahr 1927 nach den Vorgaben der bayerischen Postbauschule von den Architekten Franz Holzhammer und Fritz Kaltner geplant und ausgeführt.
  • 94 Jahre später gibt es für das Obergeschoss der "Alten Post" den "German Design Award Special 2022", ein Premiumpreis der Designlandschaft.
  • Die Auszeichnung "Special Mention" wurde am 15. November 2021 an Mieter Marco Schmid (Schmid + Kreative) für die Räume des "landly.lab" in der Kategorie "Excellent Architecture/Interior Architecture" verliehen.
  • Das "landly.lab" ist eine moderne Kreativ- und Transformationsumgebung für fokussierte Arbeit und kreative Prozesse. Die Zimmer werden als "Offsite-Location" für Team-Events an Unternehmen vermietet.

"Ich habe versucht, alles im Sinn von 1927 weiter zu kreieren, aber natürlich muss man immer wieder zurück in die heutige Zeit".

Elke Probst

 

 

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