26.07.2021 - 16:25 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Kein Leerstand im Oberviechtacher Küchenstudio

Für Schreinermeister Johann Biegerl war es vor 30 Jahren ein "Sprung ins kalte Wasser", als er in Oberviechtach ein Küchenhaus eröffnete. Jetzt muss er sich mit dem Ruhestand anfreunden.

Das 1993 von Johann Biegerl gegründete Oberviechtacher „Haus der Küche“ wird vom neuen Besitzer als Tochterunternehmen weitergeführt.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Sein ganzes Leben verbrachte Johann Biegerl (68) mit Ober- und Unterschränken. Für ihn endet "nicht die beste Party in der Küche", sondern das Berufsleben. Etwas Wehmut schwingt mit, als er sich zum Gespräch mit der Oberpfalz-Medien-Redaktion in den Ausstellungsräumen von "Küchen Biegerl", gegenüber des ehemaligen Oberviechtacher Bahnhofs, trifft.

Auch wenn der Name geblieben ist, als Chef ist er hier nicht mehr anzutreffen. Das Küchenstudio wurde zur 100-prozentigen Tochterfirma von Küchen Schuster aus Regensburg mit Hausleiter Michael Malterer. "Es ist für mich noch eine ungewohnte Situation", sagt er und rückt die Dekoration auf der Arbeitsplatte zurecht. Froh sei er aber über die Tatsache, dass zu seinem Eintritt in die "gesetzliche Rente" ein Nachfolger gefunden wurde.

Vater-Sohn-Unternehmen

Gebürtig im Oberviechtacher Ortsteil Obermurach verschlug es Johann Biegerl nach der Schreinerlehre in den Landkreis Cham. Wohnhaft in Irlach war er 17 Jahre lang als Fertigungsleiter beim Küchenhersteller Rational in Waldmünchen beschäftigt. Als dann Sohn Stefan seine Schreinerlehre vollendete, entschloss er sich im März 1993 für die Selbstständigkeit und eröffnete in Oberviechtach ein Küchenhaus: "Es war ein Sprung ins kalte Wasser, aber ich hab es nie bereut." Schließlich hätte er "Ahnung von der Branche" gehabt und auch keine Angst vor Wochenendarbeit. Die generell hochwertigen Küchen wurden zu 98 Prozent bei seinem früheren Arbeitgeber bezogen. Das Vater-Sohn-Unternehmen war für Planung, Montage und Service zuständig.

Nach dem Start in der Eigelsberger Straße 7 wechselte die Firma 2002 in die "super Lage" am Bahnhof mit größerer Ausstellung und vielen Schaufenstern. "Ich hab mir am Anfang schon gedacht, ob das gut geht", berichtet der Neu-Ruheständler, "doch wir wurden gleich angenommen und es hat geklappt". In den knapp drei Jahrzehnten baute sich das "Haus der Küche" einen großen Kundenstamm auf.

Als dann später der jüngere Sohn Bernhard als Elektromeister in die Firma einstieg, wurde der Service noch erweitert. "Eine gute Küche hält zwar 25 bis 30 Jahre, doch sie braucht ebenso wie ein Auto einen Kundendienst", bekräftigt Johann Biegerl. Er kennt die Küchengeschmäcker der Region. Anfang der 1990er-Jahre war die Landhausküche schon out und glatte Fronten, vor allem "Holzoptik in Kunststoff" angesagt. Später boomte dann Hochglanz und Lack und aktuell ist daneben Asteiche in matt, lackiert oder geölt im Kommen. "Wir verkaufen ein Drittel in Eiche", betont Biegerl. Denn auch wenn er sein Oberviechtacher Küchenhaus abgegeben hat, bleibt die Schreinerei Biegerl in Irlach (Gemeinde Tiefenbach) mit der Fertigung von Küchen, und Badmöbeln und Einbauschränken bestehen.

"Unsere Schreinerei war früher das ganze Jahr fast ungenutzt. Wir haben nur montiert und montiert", stellt Biegerl fest. Jetzt werde die modern ausgestattete Werkstatt zu 100 Prozent genutzt. Warum haben die Söhne das Oberviechtacher Küchenhaus nicht übernommen? "Es sind keine Kaufmänner, sondern mit Leib und Seele Handwerker", erklärt der Vater. Die zum Jahreswechsel getroffene Entscheidung, das Geschäft abzugeben und den auslaufenden Mietvertrag nicht mehr zu verlängern, habe auch die Corona-Pandemie erleichtert. Denn bei geschlossenen Ladentüren seien die Nebenkosten ja weitergelaufen.

Nicht nur Hobbys warten

"Unser Möbelverband hat sich bemüht, dass die Nachfolge des eingeführten Geschäfts in Oberviechtach weitergeht", berichtet Biegerl dankbar. Und er betont: "Wir konzentrieren uns jetzt auf den Standort Irlach." Auch hier wird der Senior weiterhin von Küchen umgeben sein und zur Unterstützung seiner Söhne kleine Servicearbeiten ausführen. Damit dem stresserprobten Unternehmer im Ruhestand nicht die Decke auf den Kopf fällt, dafür sorgen auch die zwei Enkelkinder sowie die Hobbys Waldarbeit und Radlfahren. "Es wird schon", sagt Johann Biegerl mit einem verschmitzten Lachen. Den Schritt in die Selbstständigkeit habe er jedenfalls nie bereut: "Es gab keine schlaflosen Nächte, denn ich hab's im Griff gehabt."

Dem Handwerk fehlt der Nachwuchs

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Johann Biegerl (rechts) freut sich, dass das Küchenstudio weiter besteht. Jetzt betreut Hausleiter Michael Malterer (links) die Ausstellungsräume.

"Ich hab mir am Anfang schon gedacht, ob das gut geht?"

Johann Biegerl bereut den Schritt in die Selbstständigkeit nicht

Johann Biegerl bereut den Schritt in die Selbstständigkeit nicht

 

 

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