16.04.2021 - 18:57 Uhr
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"Wir müssen es ausbaden": Impfstart mit Astrazeneca verärgert Hausärzte

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Ab Montag sollen die Hausärzte im Landkreis Schwandorf mit der Verimpfung von Astrazeneca beginnen. Die, die Oberpfalz-Medien befragt hat, sind allerdings alles andere als begeistert. Sie sagen, die Probleme werden auf sie abgewälzt.

Astrazeneca soll nur noch von Hausärzten verimpft werden. Das stößt nicht wirklich auf breite Begeisterung.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Seit einigen Wochen steht der Impfstoff von Astrazeneca unter massiver medialer Kritik. Der Grund: sehr seltene Nebenwirkungen, nämlich Hirnvenenthrombosen, bei jüngeren Menschen. Viele Chargen sind in den Impfzentren ungenutzt liegen geblieben. Während mehrere Städte und Kreise, wie der Landkreis Tirschenreuth, deshalb Astrazeneca an Freiwillige verimpft haben, hat der Landkreis Schwandorf darauf verzichtet.

"Alle wollen Biontech"

Nun wird das Problem auf die Hausärzte abgewälzt - die Impfzentren verabreichen Astrazeneca lediglich noch als Zweitimpfung, ansonsten geht die Verantwortung komplett auf die Hausärzte über. Und diese sind alles andere als begeistert, wie im Gespräch mit Oberpfalz-Medien klar wird. Wir haben nachgefragt, wo die Probleme liegen - und ob die Ärzte Astrazeneca für bedenklich bei Jüngeren halten.

Die Stimmung unter den Hausärzten, mit denen Oberpfalz-Medien gesprochen hat, ist alles andere als gut. Das Grundproblem: Wegen der massiven Verunsicherung in der Bevölkerung wollen die meisten Bürger partout keine Impfung mit dem schwedisch-britischen Präparat - und das, obwohl bei allen befragten Hausärzten die Warteliste für die Impfung proppenvoll ist. "Das bleibt jetzt an uns hängen", sagt Philipp Gußmann, Hausarzt in Schwarzenfeld. "Alle wollen Biontech." Das bestätigt auch Leonhard Bock, Hausarzt in Pfreimd. "Es gibt schon ein paar, die auch Astrazeneca nehmen würden. Aber die Verunsicherung ist allgemein sehr groß."

Einig sind sich alle, dass die Einbindung der Hausärzte an sich eine gute Sache ist. "Wir kennen unsere Patienten, kennen die Krankengeschichte", sagt Gußmann. Aber die Einbindung komme deutlich zu spät. "Wir Hausärzte hätten die Impfungen von Anfang an stemmen können, die Impfzentren hätte man später dazuschalten können", so Bock. Viel Geld habe man dafür unnötigerweise ausgegeben. Und nun, wo die Berichte über Astrazeneca veröffentlicht worden sind und die Bevölkerung hellauf verunsichert sei, wälze man alles auf die Hausärzte ab - mit der plötzlichen Begründung, diese können eine bessere Beratung sicherstellen. "Das ist schon sehr unfair."

"Sabotage an den Praxen"

Die Vorgehensweise hält Gußmann für "nicht zumutbar", nennt es gar eine "Sabotage an den Praxen". Denn nun steige auch die Arbeitsbelastung in den Praxen noch mehr als bereits sowieso. Gußmann berichtet, oft mache er bis spät in die Nacht Hausbesuche. Dazu komme im Allgemeinen noch viel Bürokratie. Die Impfung mit Astrazeneca bedürfe aufgrund der Verunsicherung einen größeren Aufklärungsaufwand. "Und das muss neben dem allgemeinen Tagesgeschäft nun auch noch gestemmt werden." Die Impfungen mit Astrazeneca seien aufgrund der Hysterie in seinen Augen in den Hausarztpraxen "nicht machbar".

Dabei sei Astrazeneca an sich ein guter Impfstoff. Das sagt auch Alexander Ried, Hausarzt in Oberviechtach. Als Vorsichtsmaßnahme würde er das Vakzin nicht an Personen verimpfen, die mit Thrombosen vorbelastet oder Risikopatienten seien. "Das möchte ich nicht verantworten." Philipp Gußmann hält die Horrormeldungen über Astrazeneca für "aufgebauscht". Denn er sagt: "Bereits eine Impfung mit Astrazeneca kann einen schweren Corona-Verlauf verhindern." Aktuell würden noch immer viel zu viele Menschen an Corona sterben - und diese Impf-Ausbremsung nun sei absolut fatal. "Noch immer sterben zu viele Menschen, weil zu wenig geimpft wird." Er hält das für "unverantwortlich".

Auch er sagt, dass er Astrazeneca sicherheitshalber nicht an Personen mit Thromboseneigung verimpfen würde, auch nicht an junge Frauen, die rauchen und die Pille nehmen. Doch generell, wenn die Voraussetzungen passen, würde er Astrazeneca auch an Jüngere verimpfen. "Astrazeneca ist eine super Firma", sagt er. Doch selbst wenn die Ärzte gerne Astrazeneca verimpfen wollen - die Auslieferung an die Praxen läuft mehr schlecht als recht. Alexander Ried aus Oberviechtach hat am Donnerstag gerade einmal eine Flasche Astrazeneca für kommende Woche erhalten - das entspricht sechs Impfdosen. Vom Impfzentrum habe es noch nicht einmal eine Rückmeldung gegeben. Philipp Gußmann hat für kommende Woche 20 Dosen bereit stehen, Leonhard Bock ebenfalls. Und das, obwohl alle die Maximalmenge, nämlich 50 Dosen, bestellt hatten.

Astrazeneca-Bestellung noch möglich

Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien teilte Landratsamt-Pressesprecher Hans Prechtl mit, dass der Koordinierungsarzt Stephan Gilliar aus Nabburg über das Landratsamt alle niedergelassenen Hausärzte kontaktiert und über die Möglichkeit informiert hat, noch lagernden Astrazeneca-Impfstoff vom Impfzentrum zu beziehen. Diese Aktion sei zum 19. April abgeschlossen. Bislang seien durch das Impfzentrum und die mobilen Teams mehrere tausend Einheiten des Wirkstoffes von Astrazeneca verimpft worden. Eine genaue Menge könne nicht genannt werden, da es hierfür keine Aufzeichnungen gibt.

Zur zitierten Aussage, dass eine Praxis in der nächsten Woche nur eine Flasche Astrazeneca zur Verfügung hat, meine Prechtl: "Jeder niedergelassene Arzt kann, solange der Vorrat reicht, gerne bei uns Astrazeneca bestellen. Ich denke, dass die von Ihnen in Bezug genommene Hausarztpraxis nicht im Landkreis Schwandorf liegt."

Tirschenreuth

Der Frust ist auch bei den Amberg-Sulzbacher Hausärzten spürbar

Ebermannsdorf
Hintergrund:

Das ist bislang über die Risiken von Astrazeneca bekannt

  • Laut Paul-Ehrlich-Institut wurden bis zum 2. April 2.945.125 Menschen mit Astrazeneca geimpft. Bislang wurden 42 Verdachtsfälle einer Sinusvenenthrombose gemeldet. In 23 Fällen ist zusätzlich eine Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) gemeldet worden.
  • Unklar ist bislang der Auslöser - nämlich, ob mehrere Faktoren eine Rolle spielen und nicht nur der Impfstoff selbst. Besonders betroffen sollen jedoch junge Frauen sein.
  • Die Hausärzte in Schwandorf verimpfen aus Vorsicht nicht an Patienten mit Thromboseneigung und nicht an junge Frauen (insbesondere mit den Risikofaktoren Rauchen und Anti-Baby-Pille).

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