14.01.2022 - 11:22 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Oberviechtacher Homebanking in den 1950ern: Geldgeschäfte am Küchentisch

Wenn Oberviechtacher „Sparkassenveteranen“ aus dem Nähkästchen plaudern, darf eine scharf geladene Pistole nicht fehlen. Kreativität und Flexibilität der regionalen Banken kurbelten in den 1950er Jahren das Geschäft an.

Sparkasse auf Rädern: Seit 1983 setzte die Sparkasse Oberviechtach einen Transporter für die Betreuung der Kunden in den umliegenden Ortschaften ein. Links im Bild ist der frühere Sparkassenleiter Erwin Krämer zu sehen, rechts Jakob Kiener, der mit dem Gefährt jahrelang die Kunden auf den Dörfern ansteuerte.
von Alois KöpplProfil

Homebanking, Apple Pay, digitale Karten der Volks- und Raiffeisenbanken, Google Pay oder Mobiles Bezahlen durch die digitale Sparkasse – diese Begriffe prägen heute den Bezahlalltag. Manch einer glaubt nun, dass „Homebanking“ mit der Erfindung des Computers und des Internets in enger Verbindung steht. Aber weit gefehlt. Die im Altlandkreis Oberviechtach angesiedelte Sparkasse oder die Raiffeisenbank waren dieser Entwicklung schon Jahrzehnte lang voraus und hatten bereits in den 1950er Jahren ihr eigenes „Homebanking“ im Einsatz.

Als es auf dem Lande noch keine Möglichkeit gab, Geldgeschäfte abzuwickeln, packten die Oberviechtacher Banken ihre Chance beim Schopf und führten sozsagen „Homebanking anno 1950“ ein: Eine aus heutiger Sicht recht abenteuerliche Methode. Sie war aber sehr wirkungsvoll und bildet noch heute den Grundstock vieler langfristiger, vertrauensvoller Bankbeziehungen, die oft länger halten als manche Ehe.

Die Bank in der Aktentasche

Unterhält man sich mit ehemaligen Oberviechtacher Bankern, erzählen sie meist schmunzelnd von dieser Zeit. Mit der Aktentasche in der Hand ging es aufs Land. Kaum jemand der Kunden hatte ein Auto, geteerte Straßen waren weitgehend Fehlanzeige, viele betrieben eine kleine Landwirtschaft und versorgten sich in der Regel selbst. Der früher bei der Oberviechtacher Sparkasse tätige Jakob Kiener erschien in den 1960er Jahren immer am Dienstag gegen 15 Uhr in Lampenricht (Gemeinde Gleiritsch) bei seinen Bankkunden zum „Homebanking“. In seiner braunen Ledertasche hatte er Bargeld, Kontoauszüge und Formulare für den Abschluss eines Bausparvertrages. „Ich hatte praktisch die komplette Bank in meiner Aktentasche“, erzählt Jakob Kiener im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Die Bankgeschäfte wickelte man im Hause auf dem Küchentisch ab. „In der Anfangszeit befand sich in der Ledertasche meiner Kollegen immer eine geladene Pistole“, weiß der Banker im Ruhestand zu berichten, „aber aufgrund verschärfter Waffengesetze musste die Waffe später zuhause bleiben“.

Zug und Dienstfahrrad

Um den Markt Winklarn bedienen zu können, fuhr der noch vielen Kunden bekannte spätere Kassier Johann Winklmann mit dem Zug von Oberviechtach nach Schneeberg. Hier stieg er von der Schiene auf das „Sparkassen Dienstfahrrad“ um, mit dem er nach Winklarn weiter radelte, um an zwei Tagen in der Woche die Kundschaft zu betreuen. „Ende der 1960er Jahre eröffneten immer mehr Leute ein Girokonto und die Lohntüte hatte nach und nach ausgedient“, so Jakob Kiener. Mit fortschreitender Technisierung kam 1983 im Bereich Oberviechtach ein Bus zum Einsatz, der die Ortschaften abfuhr. Diese alte Erfindung, technisch angepasst, wird heute mancherorts wieder angewandt, wenn es um Filialschließungen geht.

Da Corona die Geschwindigkeit der Technologisierung im Bankenwesen weiter beschleunigt hat, werden die neuen Bezahlsysteme noch schneller Verbreitung finden, auch wenn das älteren Leuten oftmals Probleme bereitet. Damit ändert sich auch das Gesicht der Geldhäuser und zwingt sie, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, um selber überleben zu können. „Homebanking anno 1950“ schuf damals in der Region Verbindungen, die oft bis heute Bestand haben.

Neubau der Sparkasse in Oberviechtach geht voran

Oberviechtach
Hintergrund:

Löhne in bar

  • Blickt man in die Geschichte der Zahlungsmittel, so zeigt sich, dass unterschiedlichste Münzen nach und nach die Tauschwirtschaft ablösten.
  • Mit Beginn der Neuzeit setzte sich vermehrt der Gulden durch, auf den die Reichsmark folgte.
  • Die Einführung der D-Mark sorgte über Nacht für volle Schaufenster und ein Angebot an Waren.
  • Mit dem Wirtschaftswunder Anfang der 1960er Jahre ging es in Deutschland wieder steil bergauf. Löhne der Arbeiter wurden meist wöchentlich in einem Briefumschlag als „Schuss“ bar ausbezahlt, am Monatsende folgte die Abrechnung, ebenfalls bar mit Abrechnungsstreifen im Umschlag.
  • Da Bargeld anscheinend auch durstig macht, konnte es schon passieren, dass der ein oder andere Schein beim „Nachhause tragen“ im Wirtshaus blieb. (akp)

„Ich hatte praktisch die komplette Bank in meiner Aktentasche“.

Jakob Kiener

Jakob Kiener

 

 

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