06.08.2021 - 15:15 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Oberviechtacher Soldat erzählt von Feuertaufe und Raketen-Freitag in Afghanistan

Der Qualm verbrannter Autoreifen bringt Jürgen Wölfl zurück nach Afghanistan, zurück zum Gefecht und zu bitterer Armut. Bei so mancher Erinnerung bekommt der Oberviechtacher Bundeswehrsoldat zehn Jahre danach noch Gänsehaut.

Jürgen Wölfl hat in zwei Tagebüchern seine Erlebnisse in Afghanistan festgehalten. Zwischen den Seiten finden sich auch Briefe und Zeichnungen von seiner damals fünfjährigen Tochter.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Im Mai begann der Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan, Ende Juni sind die letzten Bundeswehr-Soldaten zurückgekehrt. Jürgen Wölfls Abschied von dem Land liegt schon über zehn Jahre zurück. Und doch klingt es, als wäre es gestern gewesen, wenn er der Oberstabsfeldwebel aus Oberviechtach von den sechs Monaten erzählt, in denen sich vage Bedrohung zum ganz konkreten Krieg auswuchs – mit dem Anblick gesprengter Bundewehrfahrzeuge als "Begrüßungsgeschenk". "Wir waren auf Gefecht eingestellt, die Jungs waren im Bild", erklärt der heute 45-Jährige. "Angst hat da keinen Platz."

Als "surreal" empfand er die Welt, in der er damals, im April 2010, gelandet war. Der Oberstabsfeldwebel der dritten Kompanie des Panzergrenadierbataillons 122 erinnert sich noch genau an die heiße Wüstenluft, den Geruch nach Kerosin und verbrannten Autoreifen, den Anblick von Steinwüste und Lehmhüten. Beim schnellen Eingreifverband (Quick Reaction Force) war er als Zugführer gefragt. "Unser Alleinstellungsmerkmal war der Marder, es gab da nur einen Panziergrenadierzug, die restlichen Kräfte bestanden aus Gebirgsjägern." In Masar-I-Sharif traf er auf eine Container-Stadt, doch schnell ging es weiter. 124 der 190 Einsatztage hat Wölfl außerhalb des befestigten Feldlager verbracht, im Schützengraben oder im Panzer bei EPA-Verpflegung (Ein-Mann-Packung).

"Keine Aufschneider"

Doch schwerer als der Abstrich beim Komfort wog die Gefahr. "Die Bedrohung war allgegenwärtig, es gab Selbstmord-Attentate und Raketen-Angriffe, ein ständiges Auskundschaften", berichtet Wölfl. Mal waren es Kinder, mal alte Männer, die zum Spionieren losgeschickt wurden. Schwer zu sagen, wer da nur neugierig war. Vor allem nach Ende des Fastenmonats Ramadan und nach der Ernte standen täglich Scharmützel an. "Als wir eine Behelfsbrücke sichern sollten, gab es zum ersten Mal Raketenbeschuss, das war unsere Feuertaufe", erinnert sich der Veteran. Kaum habe man zwei oder drei Stunden lang das Gelände erkundet, sei es zu einem Angriff gekommen. Einmal schlug eine Panzerfaust nur wenige Meter neben Wölfl in eine Lehmmauer ein, zwei Soldaten wurden durch die Druckwelle leicht verwundet. Vor allem freitags war man alarmiert, "Raketen-Freitag" hieß es dann bei den Soldaten.

Noch heute ist der Oberviechtacher dankbar, dass alle Mann unter seinem Kommando ohne größere Blessuren zurückgekehrt sind. "Eine gute Ausbildung, Gottes Segen und Soldatenglück" macht der 45-Jährige dafür verantwortlich. Vielleicht habe auch das Taufwasser geholfen, das ihm seine Mutter als Schutz mitgegeben habe – auch an jenem Tag im September, als der Außenposten überrannt und später zurückerobert wurde. "An diesem Tag darf keiner fallen", dachte der Vater einer fünfjährigen Tochter, dessen Frau da gerade daheim ihren Geburtstag feierte. Gerade als Familienvater hat ihm eine andere Szene besonders zugesetzt: Ein neugeborenes Mädchen war mit schweren Verbrühungen bei den Streifkräften abgegeben worden. "Das Kind hat die ganze Nacht geschrien, bei dem Gedanken daran kriege ich heute noch Gänsehaut." Später sei es gelungen, die Kleine auszufliegen, sie habe mit ihren schweren Verbrennungen überlebt.

Einsatz "nicht umsonst"

Wölfls Tochter ist inzwischen 15 Jahre alt und hat noch eine kleine Schwester bekommen. Viel gesehen hat der Vater die Große nicht. "Ich war jahrelang nicht zu Hause", sagt er heute, "das ist der Preis". Wie hat seine Frau das verkraftet? "Sie hat mich nicht anders kennengelernt", stellt der Oberviechtacher klar und fügt hinzu: "Ohne einen starken Partner kann man kein guter Soldat sein." Außerdem gab es auch schöne Momente im Einsatz fern der Heimat: einen Sonnenuntergang oder "Phasen der Euphorie nach einer erfolgreichen Gefechtssituation". Unvergessen auch das Befreiungsgefühl, als der Auftrag erfüllt war. "Damals habe ich mit Kopfhörer einen Song gehört, den ich noch immer mit diesem Gefühl verbinde", erzählt der Soldat. Den Titel hat er gerade nicht parat. War es eine Hymne wie "We are the Champion"? "Nein", sagt Wölfl, "solche Typen sind wir nicht, wir sind keine Aufschneider". Dass er 2011 mit dem Ehrenkreuz für Tapferkeit ausgezeichnet wurde, diese Ehrung akzeptiert er nur "stellvertretend". "Ohne die Jungs wäre ich nichts gewesen", so sein Fazit. Was die Rückkehr aus dem Krisengebiet angeht, so hat er vor allem ein Bild im Kopf: das Wiedersehen mit seiner jungen Familie, "die fünfjährige Tochter im Kindersitz vor Gebäude neun, das war der Wahnsinn."

Das Engagement in Afghanistan stellt Wölfl auch nach Abzug der Nato-Truppen nicht infrage. "Der Einsatz war richtig und wichtig, wir haben viel bewegt, das war nicht umsonst", ist er überzeugt und spricht von einem Reifeprozess, einem Erwachsenwerden bei der Bundeswehr. "Ich bin unendlich stolz auf die Jungs", meint er im Rückblick. Was den endgültigen Abzug der Streitkräfte aus Afghanistan betrifft, da stehe ihm kein Urteil zu. "Wir sind eine Parlaments-Armee", so sein Standpunkt, die politischen Entscheidungen würden in Berlin gefällt. "Wir haben unseren Auftrag erfüllt", so der 45-Jährige mit Blick auf den Anteil der Oberviechtacher: "Was das Land daraus macht, wird die Zukunft zeigen. "

Folge des Abzugs: Afghanische Mitarbeiter auf der Flucht

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:
  • 2001: Bundestag beschließt deutsche Beteiligung an der "Internationalen Schutztruppe für Afghanistan" (ISAF).
  • 2014: Ende des internationalen Kampfeinsatzes, allerdings bleiben ausländische Soldaten zur Beratung und Ausbildung einheimischer Streitkräfte zurück (Mission "Resolute Support" mit zuletzt über 1000 Soldaten aus Deutschland) .
  • Mai 2021: Abzug aller Nato-Truppen aus dem Krisengebiet.
  • Opfer: Bei insgesamt 160.000 in Afghanistan eingesetzten Bundeswehr-Soldaten sind 59 Soldaten ums Leben gekommen, in 35 Fällen geschah dies durch Fremdeinwirkung.
  • Hilfe: Neben der ärztlichen Betreuung psychosoziales Netzwerk mit drei Säulen (Psychologe, Militärgeistlicher, Sozialarbeiter)

"Die Bedrohung war allgegenwärtig, es gab Selbstmord-Attentate und Raketen-Angriffe, ein ständiges Auskundschaften."

Jürgen Wölfl über seinen Einsatz in Afghanistan

Jürgen Wölfl über seinen Einsatz in Afghanistan

 

 

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