23.11.2021 - 16:04 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Trocken bleiben in der Pandemie: AA-Gruppe Oberviechtach gibt Kraft

An den Anonymen Alkoholikern geht die Corona-Pandemie nicht spurlos vorbei. Die Treffen sind zwar aktuell in Präsenz möglich, doch die öffentliche Infoveranstaltung in Oberviechtach fällt erneut aus. Der AA-Gruppensprecher ist besorgt.

Der Sprecher der AA-Gruppe Oberviechtach erzählt im Gespräch mit der Oberpfalz-Medien-Redaktion, welche Probleme die Anonymen Alkoholiker in der Corona-Pandemie bewegen.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Alkoholismus gilt als eine unheilbare Krankheit, die nur zum Stillstand gebracht werden kann. Der Weg aus der Sucht klappt für viele Betroffene am besten durch den regelmäßigen Kontakt zu anderen Genesenden. Für diese sind die wöchentlichen Meetings der Anonymen Alkoholiker (AA), die mit Abstands- und Hygieneregeln aktuell noch möglich sind, enorm wichtig. „Die Treffen machen das Leben leichter, denn das AA-Programm ist wertvoll“, sagt Sigmund H. (Name geändert).

Der 69-Jährige wohnt in einer kleinen Gemeinde im Landkreis Schwandorf und ist seit 43 Jahren „trocken“. Trotzdem sagt er: „Ich bin der Alkoholiker und ich bleibe es“. Schließlich begleite einen die Krankheit ein Leben lang: „Ein Schluck und ich bin weg.“ Dass dies nicht passiert, dabei hilft ihm seit über vier Jahrzehnten die weltweite Selbsthilfegemeinschaft der Anonymen Alkoholiker. Schon im Alter von 27 Jahren war er auf Therapie und bekam die Spirale der Abhängigkeit mit: „Der Alkohol klopft an, wenn er es will und nicht ich“. Und er fügt an: „Wenn ich damals nicht alles geändert hätte, wäre ich jämmerlich krepiert.“

Seit sieben Jahren fungiert Sigmund H. als Sprecher der AA-Gruppe Oberviechtach, die es mittlerweile seit 20 Jahren gibt. In dieser Funktion berichtet er im Gespräch mit der Oberpfalz-Medien-Redaktion über die aktuelle Situation der Gruppe in der Corona-Pandemie. Und der Mann mit Pferdeschwanz und Jeansjacke stellt gleich eingangs fest: „Ich will nicht als der Superheld dastehen, der es geschafft hat.“ Ihm gehe es um die Gruppe und die gegenseitige Lebenshilfe: „Mit dem AA-Programm läuft das Leben leichter. Es ist unser ’Vater Unser’“.

Aus Cham und Weiden

Von einem verstärkten Zulauf kann er nicht berichten. Die Gruppe, die sich jeden Mittwochabend im evangelischen Gemeindehaus in Oberviechtach trifft, bleibt überschaubar: Bis zu sieben Personen - derzeit alles Männer - sitzen am großen Tisch. Aus der Stadt selbst ist niemand dabei; dagegen aus der Region Cham und aus Weiden. Doch die Hemmschwelle müsste nicht so groß sein: „Alles was gesprochen wird, bleibt im Raum.“ Bevor Anwesende – so weit sie das selbst wollen – aus ihrem Leben berichten, vom aktuellen Alltag oder den ersten Erfahrungen mit Alkohol bis hin zur Schilderung des totalen Tiefpunkts, eröffnet der Gruppensprecher den Abend. Er liest aus dem „Zwölf-Schritte-Programm“ der Anonymen Alkoholiker vor und bringt „Gedanken zum Tag“ an.

Durch den ständigen Kontakt mit den AA-Freunden, dem Gefühl der Gemeinschaft und der Freundschaft, kann der Zwang zum Trinken durchbrochen und damit der Alltag für ganze Familien zum Besseren hin verändert werden. Deshalb fallen die Treffen auch an einem Feiertag nicht aus. Doch 2020 waren diese drei Monate lang, im Lockdown von Mitte März bis Anfang Juni, nicht möglich. Sigmund H. ist erleichtert, dass die Oberviechtacher Gruppe diese Zeit ohne Präsenz gut überstand. Wie er berichtet, wurden Meeting-Angebote online oder per Telefon von anderen AA-Gruppen angenommen.

Erneut Absage in 2021

Sehr schade findet er es aber, dass auch 2021 das Deutschlandtreffen ausfallen musste, und ebenso wie in 2020 die öffentliche Informationsveranstaltung der Oberviechtacher Gruppe als großes offenes Meeting mit Vorträgen, Kaffee und Kuchen nicht möglich war. Dieser Nachmittag im evangelischen Gemeindesaal findet einmal jährlich im Oktober statt und ist für Betroffene oder deren Familienangehörige eine gute Gelegenheit, einen Erstkontakt zur Selbsthilfegruppe aufzunehmen. Übrigens: Seit Beginn der Coronakrise pausiert die Oberviechtacher Al-Anon-Familiengruppe (Ehepartner, Kinder). Diese traf sich in einem extra Raum, um sich in Gesprächen auszutauschen und daraus Kraft für den Alltag zu schöpfen. Doch trotzdem wird niemand weggeschickt: „Wenn Angehörige mitkommen, stimmen wir ab, ob wir statt einem geschlossenem Meeting ein offenes Treffen machen und dann können sie sich dazusetzen“, berichtet Sigmund.

Sein Angebot: „Wenn jemand ein Trinkproblem hat, kann er jederzeit bei der AA-Gruppe in Oberviechtach vorbeikommen, um sich darüber auszusprechen.“ Und der Sprecher stellt klar: „Er selbst mag dann bestimmen, ob auch er ein Alkoholiker ist.“ Er weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Sigmund H. reicht ein Treffen in der Woche nicht. Er unterstützt auch andere Gruppen in der Region (wie in Kötzting) mit seiner Anwesenheit und fungiert dort als „Sponsor“. Was das bedeutet erklärt er im Redaktionsgespräch: „Wenn jemand sein Problem vor der Gruppe nicht aussprechen möchte, kann er sich einem Sponsor anvertrauen, der dies dann anonym für ihn übernimmt.“ Außerdem sei der Sponsor ein Ansprechpartner, der beim Weg aus der Alkoholsucht mit dem Betroffenen zusammenarbeitet.

Vorträge an Schulen

„Ich lebe im Heute und im Jetzt und das funktioniert ganz gut“, sagt Sigmund. Wie jeder Opa genießt er die Zeit, die er mit seinen Enkelkindern verbringen kann. Apropos Jugend: Prävention ist ein wichtiges Thema für ihn und so gibt er zusammen mit weiteren Betroffenen Vorträge in Schulen, wie beispielsweise vor einigen Jahren an der Realschule in Nabburg. Aktuell liegt eine Anfrage aus Regensburg vor. Falls die Corona-Pandemie vorbei ist, soll es 2022 wieder ein großes offenes Meeting in Oberviechtach geben.

Alkoholiker ist man ein Leben lang

Deutschland & Welt

Ein Anonymer Alkoholiker berichtet

Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

20 Jahre Anonyme Alkoholiker Oberviechtach

  • Start der AA-Gruppe Oberviechtach war 2001 in den Räumen der Caritas-Sozialstation in der Nunzenrieder Straße, später siedelte die Gruppe ins Telekom-Gebäude im Industriegebiet Ost um. Seit vielen Jahren steht das evangelische Gemeindehaus zur Verfügung.
  • Die AA-Meetings finden jeden Mittwoch im evangelischen Gemeindehaus in der Martin-Luther-Straße 2 in Oberviechtach statt. Seit der bayernweiten nächtlichen Ausgangssperre in 2020 wurde der Beginn auf 18.30 Uhr vorverlegt.
  • Die Anonymen Alkoholiker treffen sich regelmäßig, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Durch den ständigen Kontakt mit den genesenden AA-Freunden kann der Zwang zum Trinken durchbrochen werden.
  • Einzige Voraussetzung ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören.
  • Anonymität wird gewährleistet. Es gibt keine Mitgliederkartei und keine Akten.
  • Hilfestellung geben die Broschüren „Zwölf Schritte“ und „Zwölf Traditionen“. Diese sind Thema eines jeden Meetings.
  • Prävention: Mitglieder der AA-Gruppe halten Vorträge in den Schulen der Region.
  • Infos im Internet: www.anonyme-alkoholiker.de

 

 

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