21.01.2019 - 17:32 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Ziel ist die flexible Grundschule

Seit September 2018 werden die Erst- und Zweitklässler an der Doktor-Eisenbarth-Grundschule in Kombiklassen unterrichtet. Die Rektorin schlägt damit den Weg zur "flexiblen Grundschule" ein. Den Elternbeirat muss sie noch überzeugen.

Vertreter von Eltern und Politik beobachteten den Unterricht in der Kombiklasse 1/2b. Während Stadtrat Josef Herdegen bei der Aufgabe half, diskutierten MdL Alexander Flierl (hinten von links), Schulrat Jürgen Bomertl und der Elternbeiratsvorsitzende Alexander Ried das flexible Schulsystem.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Während kleine Schulen nur mit Kombiklassen eine Überlebenschance haben, hat sich die Schulleitung der Doktor-Eisenbarth-Grundschule ohne Not ebenfalls für diesen Weg entschieden. Die rund 200 Kinder sollen ab September 2019 ausschließlich in jahrgangsübergreifenden Klassen unterrichtet werden. Die Erstklässler wurden bereits im September 2018 auf drei Kombiklassen 1/2 mit bis zu 26 Kindern und auf eine Ganztagsklasse 1/2 verteilt, was viele Eltern auf die Palme brachte. Elternbeirat und die Stadt als Sachaufwandsträger verfassten eine Resolution an Schulamt und Ministerium. Die Antwort des neuen Kultusministers Michael Piazolo wird in zwei Wochen erwartet.

Wir haben das jahrgangsgemischte Lernen als Konzept für unsere Schule festgelegt.

Beate Vetterl, Rektorin

Im eigenen Tempo lernen

Rektorin Beate Vetterl lud nun Schulrat Jürgen Bomertl, den Elternbeirat und Vertreter der lokalen Politik zu einer Unterrichtsmitschau in die Klasse 1/2b ein. Auch Landtagsabgeordneter Alexander Flierl nahm sich Zeit. Zur Einführung nahmen die Gäste auf den kleinen Stühlen Platz, die Klasse samt Lehrerin Stefanie Reinhardt im Sitzkreis auf dem Teppich. Zum Thema "Uhr" im Fach Mathematik (Größen, Messen) nahm sich anschließend jedes Kind ein Blatt nach seinem Fähigkeitsbereich. Die Aufgaben wurden meist in Zweiergruppen gelöst und dann von der Lehrerin abgezeichnet. "Ein Leitziel ist der kompetenzorientierte Blick aufs Kind", betonte Vetterl. Der Schlüssel für eine hohe Bildungsqualität sei Interaktion, Kooperation und Kommunikation. Der Lehrer halte keine Monologe, sondern sitze bei den Kindern. Zum Abschluss reflektiert der Schüler seinen Lernprozess. Dazu fanden sich alle wieder im Sitzkreis ein und erzählten was sie gelernt haben, was leicht oder schwer war und wer geholfen hat.

Im Seminarraum erläuterte die Rektorin den Gästen den Bildungs- und Erziehungsauftrag. Angesagt sei das Lernen als aktive Konstruktion von Wissen im Dialog. "Wir stellen das ja gar nicht infrage und wollen auch nicht den Lehrplan diskutieren. Aber wo ist der Vorteil der Kombiklassen?", wollte eine Mutter wissen. "Der Lehrplan plus ist auf zwei Jahre ausgelegt. Es ist ein Spielraum, welchen wir den Kindern damit ausschöpfen lassen", erklärte Schulrat Jürgen Bomertl. Beide Lernjahre hätten ein gemeinsames Thema. Es gebe Phasen mit der Lehrerin, aber auch solche, in denen die Kinder aktiv miteinander arbeiten.

"Die Zweitklässler können selbst entscheiden, ob sie zur Wiederholung des Stoffes bei der ersten Klasse aufpassen oder eine schwerere Aufgabe lösen", ergänzte die Klassenlehrerin. "Wir haben das jahrgangsgemischte Lernen als Konzept für unsere Schule festgelegt", betonte die Rektorin. Man wolle Kindern die Chance bieten, miteinander und voneinander zu lernen, was in heterogenen Gruppen sehr gut funktioniere. Der Mehrwert: "Von den Unterschieden profitieren und Förderung sozialer Kompetenzen."

Alexander Ried führte an, dass man auch in jahrgangsreinen Klassen interaktiv lernen könne und betonte: "Vom Kultusministerium wurde die Gleichwertigkeit bestätigt." Kombiklassen würden in Bayern nur einen Anteil von zehn Prozent ausmachen. "Warum muss es in Oberviechtach sein, obwohl wir ein Raumproblem haben? Das hat mich heute nicht überzeugt", sagte Ried. Er bat darum, ab Herbst wieder auf das klassische System umzustellen, was ohne Probleme möglich sei. Für ihn sei die gestellte Stunde mit Lehrproben-Charakter kein Alltag. Anders als die 1/2b hätten die weiteren Klassen weder zwei Räume noch eine Praktikantin als Unterstützung. Die Kleinen müssten für die Differenzierung auch schon mal im Flur sitzen.

Lehrerin Stefanie Reinhardt kontrolliert, ob die Aufgabe richtig gelöst wurde. Der „Lehrplan plus“ setzt auf Differenzierung und Dialog. Stillsitzen und Frontalunterricht spielen keine große Rolle mehr.

Wunsch nach Umfrage

Eine Mutter wünschte sich eine Umfrage unter allen Eltern, wie zufrieden sie mit den Kombiklassen seien. Sie monierte eine fehlende Wahlmöglichkeit, obwohl aufgrund der Schülerzahlen auch jahrgangsreine Klassen möglich wären. Eine andere Mutter hatte die Sorge, dass sozial eingestellte Kinder auf der Strecke bleiben, "wenn sie laufend damit beschäftigt sind, einem Erstklässler zu helfen". "Das Schulamt macht sich Gedanken für ein zukunftsgerichtetes Konzept für den Standort Oberviechtach. Wir erkennen keine Nachteile für ihre Kinder", beschwichtigte Schulrat Bomertl. "Sie haben Kinder gesehen, die sich wohlfühlen und Spaß am Lernen haben", beendete Beate Vetterl den Vormittag und zeigte Bilder von modernen Lernlandschaften. "Ich bin heute als Sehender und Hörender gekommen", sagte MdL Alexander Flierl. Alle Punkte lägen im Staatsministerium vor, nun müsse man schauen, wie die Fragen dort beantwortet werden.

Warum muss es in Oberviechtach sein, obwohl wir ein Raumproblem haben? Das hat mich heute nicht überzeugt.

Alexander Ried, Elternbeiratsvorsitzender

Elternbeirat tagt:

Elternbeirat sagt "Nein"

Die flexible Grundschule können Kinder in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren in Kombiklassen durchlaufen. Es ist ein individualisierendes Lernangebot für die „Eingangsstufe“ (bisher 1/2) und soll eine flexible, für das einzelne Kind optimale Bildungsbiographie ermöglichen. Vor der Einführung ist allerdings die Zustimmung des Elternbeirats vorgeschrieben.

Das Oberviechtacher Gremium lehnte bei der Sitzung am Abend nach der Unterrichtsmitschau die Zustimmung ab. „Andere Schulen mit Kombiklassen stellen sofort wieder auf Regelklassen um, wenn sie die Schülerzahlen erreichen“, führte Vorsitzender Alexander Ried an. Man sehe einen Nachteil für die Zweitklässler und man müsse nicht jeden Trend mitmachen, „was sich beim G 8 gezeigt hat“.

Im Sitzkreis wird das Erlernte gemeinsam reflektiert.

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