Nur wenige Wanderwölfe trieb es damals auf ihren Streifzügen über uralte Wanderpfade aus dem Osten instinktiv in ihre ehemalige Heimat, zu der auch die nördliche Oberpfalz, Oberfranken und Böhmen gehörte. Einer dieser letzten Wölfe, die ob ihres Jagdverhaltens als Hetztiere bezeichnet wurden, versetzte im Frühjahr und Sommer des Jahres 1882 auch die Bürger im Kemnather Land in helle Aufregung.
Aus Zirkus oder Russland
Einem durchs Land ziehenden Zirkus wäre er entkommen, meinten die einen. Die anderen waren sich sicher, dass dieser Wolf von den Vogesen herübergewandert oder aus Russland versprengt worden sei. Nun lauere er "seinem" Opfer auf, dieses Sinnbild des Teufels. Angst und eine überall zu spürende Unruhe breiteten sich im nordwestlichen Teil des Kemnather Bezirksamtes aus. Mal in der Abenddämmerung am Waldesrand, mal durchs Unterholz huschend, meinte man, das "riesige Untier" gesehen zu haben. Beerensammlerinnen, Aststreu sammelnde Bauern und Holzknechte berichteten von ihrem oft vagen Sichtkontakt zu ihm.
War's nur ein streunender Hund? Spielten die Sinne verrückt? War es Wirklichkeit, wollte sich jemand wichtig machen oder war es Einbildung? In einem ersten ungestümen Rundumschlag durchstreiften mit Knüppeln, Gabeln und Pistolen bewaffnete Gruppen die nahen Wälder um ihre Heimatorte; jedoch ihm ins Auge schauen oder nur seine Spur aufnehmen konnte keiner. Es versetzte allein durch das Gefühl seiner Anwesenheit und Nähe die Menschen in der Gegend in Unsicherheit und Angst.
Schließlich: Holzhauer hatten ihn eindeutig erkannt. Er war wesentlich größer als ein Schäferhund und hinterließ im Sand der Waldwege große, eindeutige Trittsiegel. Die Forstleute hatten keine Zweifel an seiner Anwesenheit: Der Wolf ist zurück.
Gerüchteküche kocht
Die Gerüchteküche brodelte, die Leute ließen mit dieser Sensation ihrer Fantasie in ihrem oft ereignisarmen Dasein freien Lauf: Der Menschenfresser, Sinnbild des Bösen, der Kleinmädchenmörder ist unter uns! Geschichten, Wahrheiten, Vermutungen machten beim Hutza-Abend oder am Wirtshaustisch ihre grausige Runde. Da es zu dieser Zeit noch mehr echte Originale, spitzfindige Erzähler und wie auch heute wichtigtuerische Dampfplauderer gab, wurde in der Gerüchteküche um den letzten grauen Jäger kräftig aufgekocht.
Der letzte Augenzeuge, Förster i.R. Hugo Mechler, dessen Erzählung 1930 aufgezeichnet wurde, berichtete von den Ereignissen und der unter der einfachen Bevölkerung herrschenden Stimmung im Jahr 1882. In der abendlichen Männerrunde habe der alte, redegewandte und schelmige Förster Joseph Schuster aus Frankenreuth heftig vom Riemen gezogen und geflunkert: "Das kann doch keine Hundefährte sein! Solche Trittsiegel! Das muss die eines Tigers oder eines Löwen sein! Sperrts eure Kinder ein! Die Gegend muss von diesem Ungeheuer befreit werden!" Welche Augen die Stammtischbrüder machten, wem's kalt über den Buckel runter lief, kann nur erahnt werden.
Das kann doch keine Hundefährte sein! Solche Trittsiegel! Das müssen die eines Tigers oder eines Löwen sein! Sperrts eure Kinder ein! Die Gegend muss von diesem Ungeheuer befreit werden!
Exakt in das Wolfsjahr 1882 passt eine Geschichte zu einem für eine Wernersreuther Familie wichtigen Ereignis. Erzählt wurde die dramatische Geschichte von der 1914 geborenen Berta Maier, die die Familie ihres Urgroßvaters Martin Philipp in diesem Sommer durchleben musste. Es war die Zeit der Getreideernte. Man schnitt das Korn mit Sicheln, bündelte und lud es auf den Feldwagen. Martin Philipps Ehefrau hatte ihr Kind in einer Futterschwingel mitgebracht. Sie legte es in den Schatten. Es schlief ruhig am Rand des Weiherackers.
Da sah der Philipp-Mertl ein großes Tier im Gebüsch sich anschleichen. "Das ist das Tier, das in Gerüchten in der Bevölkerung als Tagesgespräch kursierte", schoss es ihm durch den Kopf. So wie "Fachleute" geraten hatten, wenn man unbewaffnet ist, rief der Mertl: "Der Wolf! Legts euch hin und rührts euch nicht!"
Die Leute warfen sich zu Boden, stellten sich tot. Totes nehme der Wolf nicht an, hieß es. Mit großem Schrecken dachte der Familienvater an sein wehrloses Kind am Feldesrand, als der Wolf sich der Schwingel näherte. Teilnahmslos trottete dieser vorbei und verschwand. "Das Kind hatte fest geschlafen, das war seine Rettung", erzählte zu Lebzeiten Berta Maier aus Wernersreuth.
Marterl zum Dank
Zum Dank ließ deshalb ihr Urgroßvater das sogenannte Mertl-Marterl errichten. Dies war sicher eine der letzten Begegnungen von Menschen mit dem letzten Wolf in der nördlichen Oberpfalz. Das Mertl-Marterl ist übrigens das letzte aus Holz im ehemaligen Landkreis Kemnath. Der 1,6 Meter hohe Bildstock wurde von seinem früheren Standort nach Aufgabe der Landwirtschaft zum Philipp-Hof versetzt, der am Ortsrand der Ortschaft Wernersreuth liegt. Die Bildtafel zeigt den Namen des heiligen Isidor, der in Kirchenschriften oft als Bischof mit Buch und Feder dargestellt wird. Er ist der Nationalheilige Spaniens. Auf der Bildtafel sieht man einen knienden und betenden Bauern. Im Hintergrund führen Engel ein Ochsengespann auf dem Feld. Die Tafelinschrift lautet: "Hl. Isidor. Wie das Brot eine Nahrung des Körpers ist, so ist das Gebet die Nahrung der Seele."
Von Martin Wiesend erlegt
Im Frankenreuther Revier stieg derweil das Jagdfieber, denn der letzte Sichtkontakt mit dem Wolf war erst einen Tag her. Die Spuren deuteten darauf hin, dass sich der Wolf im Hochwald zwischen Ölbrunn und dem heutigen Bayreuther Haus aufhält. Bei dieser letzten Wolfsjagd im Fichtelgebirge (wir berichteten) gelang es dem Kulmainer Gastwirt Martin Wiesend, das Tier zu erlegen.
Zur Erinnerung ließen die Jagdgenossen die Jagd auf einem Foto festhalten. Hierzu wurde nach dem Marktredwitzer Wanderfotografen Hugo Heider geschickt, der die auf dem Bild versammelte Jagdgesellschaft mit 17 Jägern und die erlegte Wildstrecke auf Platte und Foto verewigte.
Ein martialisch wirkendes Bild aus dem Jahr 1882 zeigt, dass der Wolf zwar schmächtiger, aber nur unwesentlich kleiner als der daneben liegende Achtenderhirsch war und fast die Körperlänge und Schulterhöhe des Hirsches erreicht hatte. Ein weißes Kreuz bezeichnet den Schützen Martin Wiesend. Der uniformierte Waidmann links neben dem Schützen könnte der damals 30 Jahre alte Förster Hugo Mechler, der Hirschschütze sein. Er brachte die Jagdeindrücke 50 Jahre später zu Papier. Das ovale Foto trägt die Inschrift: "Gesch. 21. Juli 1882 (Geschossen am 21. Juli 1882) Der Balg blieb als Jagdtrophäe."











Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.