01.10.2021 - 15:19 Uhr
ParksteinOberpfalz

Börse: Droht ein neues "Lehman Brothers"-Szenario?

Der zweitgrößte chinesische Immobilienentwickler Evergrande steht vor der Pleite. Die Märkte reagieren bereits, die Preise für Immobilien fallen.

Der chinesische Immobilienkonzern Evergrande ist schwer angeschlagen.
von Externer BeitragProfil

Von Robert Beer

Gut 13 Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers haben die internationalen Kapitalmärkte Angst vor einem Déjà-vu. Evergrande, der zweitgrößte chinesische Immobilienentwickler und mit knapp 300 Milliarden Dollar substanziell verschuldet, steht vor der Pleite. Erste Zinszahlungen auf ausstehende Anleihen wurden bereits nicht geleistet, die Hoffnung auf eine Rettung durch den chinesischen Staat lebt dennoch.

Jedoch hat dieser auch kein Interesse daran, permanent in Schwierigkeit geratene Unternehmen zu retten. „Moral Hazard“ ist das Thema: Wer schlechte Arbeit leistet, muss am Ende verschwinden. Unternehmen, die solide Arbeit leisten, bleiben bestehen und werden belohnt. Auf der anderen Seite sind 300 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten knapp zwei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung und selbst für chinesische Verhältnisse ein enormer Betrag. Anders als bei Lehmann Brothers scheint der drohende Ausfall jedoch auf China – und hier insbesondere auf staatliche Großbanken – begrenzt zu sein.

Privatleute in die Bredouille

Dennoch ist die drohende Pleite zu groß, um nicht zu anderen Schwierigkeiten zu führen. Bereits jetzt zeichnen sich Zwangsverkäufe des Immobilienportfolios ab. Dies wiederum drückt auf die Immobilienpreise und bringt neben anderen Immobilienentwicklern auch Privatleute in die Bredouille. Denn viele Immobilien sind kreditfinanziert. Sinken die Beleihungswerte, drohen auch hier Notverkäufe. Immerhin stecken knapp 70 Prozent des chinesischen Privatvermögens in Immobilen. Eine Zwickmühle für den Staat: Während niedrigere Immobilienpreise vielen Chinesen ermöglichen, selbst Eigenheime zu erwerben, bedeuten fallende Preise andererseits enorme Risiken.

Auf jeden Fall eine Krise, die zur Unzeit für die politische Führung kommt, denn gerade erst hat diese Regierung Großkonzerne mächtig an die Kandare genommen. Sei es Datenschutz, die Regulierung von Werbung, Online-Spiele, sowie Restriktionen bei Bildungsanbietern und Zahlungsdiensten, die Liste mit Maßnahmen, die Großkonzerne betreffen, ist lang. Börsengänge chinesischer Unternehmen in den USA sind ebenfalls geächtet. In einer solchen Zeit einen Großkonzern retten?

Energiesorgen und Produktionsausfälle

Hinzu kommt eine beginnende Energiekrise im Land. Durch massiv gestiegene Kohle- und Gaspreise sind die Energiekosten deutlich gestiegen. Fehlende Rohstoffe und die Limitierung von Kohlestrom, um ökologische Grenzwerte und Emissionsziele einzuhalten, führen zu einer Zuteilung von Strom. So mussten etliche Zulieferer in ihren Werken für mehrere Tage die Produktion anhalten. Zu den bereits vieldiskutierten Lieferketten-Problemen kommen nun Energiesorgen und Produktionsausfälle hinzu. Wirtschaftliche Sorgen aus dem Immobilienbereich (Evergrande) und der Produktion treffen somit auf steigende Inflation.

An den Börsen haben daher viele auch in Deutschland bekannte Werte – wie Alibaba, Baidu und Tencent – in den vergangenen Wochen kräftige Abschläge hinnehmen müssen. Der Hang-Seng-Index hat seit Februar etwa 20 Prozent verloren. Dass der Ausverkauf primär die von der Regulierung betroffenen Großkonzerne aus dem Tech-Bereich betrifft, zeigt die Entwicklung des breiten chinesischen Marktes. Dieser hat sich gut gehalten und notiert seit Jahresbeginn sogar leicht im Plus.

Aktives Risikomanagement

Anleger sollten sich vor dem Hintergrund dieser Entwicklung der Risiken bewusst sein. Denn auch in Europa und den USA werden Stimmen, die eine schärfere Regulierung von Technologie-Riesen befürworten, lauter. Aber auch die konjunkturellen Risiken, die sich aus den Bereichen Lieferketten, Produktion und Inflation sowie Immobilien ergeben, sind nicht zu unterschätzen. Daher sind unseres Erachtens eine breite Streuung über verschiedene Branchen sowie aktives Risikomanagement auch in den kommenden Monaten sinnvoll, sowohl bei länderspezifischen als auch bei globalen Investments.

Robert Beer: Saisonale Muster an der Börse

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Zur Person: Robert Beer

Robert Beer ist Fondsmanager und Inhaber der Robert Beer Investment GmbH in Parkstein. Als Buchautor befasst er sich zudem seit den 1980er-Jahren mit der Wirtschaft und den Kapitalmärkten.

 

 

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