05.04.2021 - 19:04 Uhr
ParksteinOberpfalz

Was Staatsschulden für Sparer bedeuten

Wegen Corona ist viel von neuen Staatsschulden die Rede. Was sich nach großer Politik anhört, betrifft das jeden Privatanleger, erklärt Finanzexperte Robert Beer. Das gilt nicht nur, weil Steuerzahler die einzige Sicherheit des Staats sind.

Wie lange lassen sich Schulden über das Drucken neuer Geldscheine ausgleichen?

Mehr als 100 Milliarden 2020, etwa 240 Milliarden im laufenden Jahr und noch mal 80 Milliarden Euro 2022: Die Neuverschuldung in Deutschland steigt gewaltig. Der versprochene "Wumms" für die Wirtschaft steigert die Verschuldungsquote Deutschlands kräftig auf über 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), von unter 60 Prozent 2019. In anderen Ländern sieht es noch kritischer aus. Frankreichs Verschuldungsquote liegt bei 120, Italien bei 158 Prozent des BIP.

Die Maastrichtkriterien der Währungsunion erlauben nur 60 Prozent, sie sind längst außer Kraft. Die Staaten leben über ihre Verhältnisse, jetzt kommt ein EU-Aufbaufonds über 750 Milliarden Euro dazu. Bundesrechnungshof-Präsident Kay Scheller hat davor gewarnt, dass es sich dabei um die Vergemeinschaftung von Schulden und Haftung in der EU handelt. Das Bundesverfassungsgericht hat die Zustimmung vorläufig gestoppt.

Wie lange geht das gut?

Wie lange geht das gut? Darüber macht sich kaum ein Politiker Gedanken. Hauptsache, die finanziellen Folgen der Pandemie bleiben erträglich. Den Rest erledigt die Notenbank. Mit extrem niedrigen Zinsen und Aufkaufprogrammen im Billionenbereich finanziert die Notenbank die Ausgaben und Schulden der Staaten. Früher war die Bundesbank eine Art Gegenspieler der Politik. Wenn Ausgaben und Inflation zu stark stiegen, wurden die Zinsen erhöht. Heute sitzen Notenbanken und Regierungen in einem Boot.

Normalerweise bedeutet höherer Verschuldungsgrad höheres Risiko und somit steigende Kreditzinsen. Die meisten Anleihen der EU-Staaten werden aber von der Europäischen Zentralbank EZB aufgekauft. So können sich die Staaten beliebig verschulden. Da der Leitzins bei Null liegt, ist die Zinslast trotz höherer Schulden sogar gesunken. Deutschland musste 2020 nur etwa 6,5 Milliarden Euro Zinsen schultern. Trotz höherer Schulden weniger als 2019 und ein Bruchteil der Zinslast von 2008, als es 40 Milliarden Euro waren. An Rückzahlung der Schulden denkt da niemand. In Italien wird der Schuldenberg immer höher, da die Produktivität des Landes sinkt, keine Reformen angepackt werden und die Bevölkerung über neue kreditfinanzierte Wahlgeschenke zufriedengestellt wird.

Wen kümmern die Schulden also? Den Sparer natürlich. Während die Inflation an der Kaufkraft nagt, gilt immer häufiger die Devise: Statt Zinsen drohen Verwahr-Entgelte. Neben Spareinlagen werden auch Lebensversicherungen weniger rentabel. Der Garantiezins tendiert gegen Null. Wer langfristig Vermögen aufbauen will, muss umdenken. Statt zinsbasierte Anlagen sind Sachwerte die Alternative.

Daher ist nachvollziehbar, dass die Nachfrage nach Immobilien hoch ist, auch wenn die Preise schon extrem und teilweise gefährlich hoch gestiegen sind. Das Interesse an Gold und Bitcoin ist ebenfalls ein Zeichen dieser Entwicklung. Erfreulich ist, dass auch Aktien immer mehr in den Fokus geraten. So ist der Anteil der Aktien- und Fondsbesitzer deutlich gestiegen. Jeder Dritte hält inzwischen Anteile an Fonds und Aktien.

Gut gegen Kaufkraftverlust

So profitieren immer mehr von den Erträgen der Konzerne in Form von Kurssteigerungen und Dividenden. Somit können sie ihr Vermögen aufbauen und mehren. Den Kaufkraftverlust können sie gelassen entgegensehen. In diesem Bewusstsein lassen sich auch die Schwankungen aushalten. Auch volkswirtschaftlich ergibt dies Sinn. Nicht nur ausländische Staatsfonds und große institutionelle Investoren profitieren vom Ertrag der erfolgreichen deutschen Konzerne, sondern auch die inländischen Anleger.

Viele Besitzer von Sparguthaben und Lebensversicherungen hegen die Hoffnung auf steigende Zinsen. Trotz anziehender Inflation werden sie enttäuscht. Die Notenbanken haben angekündigt, die Zinsen niedrig zu halten. Das Vorbild ist Japan, wo die Zinsen seit 30 Jahren bei null und die Staatsverschuldung bei über 200 Prozent des BIP liegen. Es kann also gut sein, dass wir in Europa erst am Anfang der Entwicklung sind.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine hohe Verschuldung zu ertragen. Entweder werden die Steuern erhöht, um den Haushalt zu stabilisieren. Das birgt die Gefahr, die Konjunktur abzuwürgen. Oder die Verschuldung wird den kommenden Generationen aufgebürdet, nach dem Motto "nach uns die Sintflut". Oder die Schulden werden inflationiert. Bei Nullzins plus Inflation sinkt nicht nur die Kaufkraft der Geldbesitzer, sondern auch der Wert der Schulden.

Hintergrund:

Zur Person: Robert Beer

Robert Beer ist Fondsmanager und Inhaber der Robert Beer Investment GmbH in Parkstein. Als Buchautor befasst er sich zudem seit den 1980er-Jahren mit der Wirtschaft und den Kapitalmärkten.

Experte Robert Beer zur Börsenposse namens Gamestop

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