Das cremefarbene Bakelit-Telefon im Karton hat schon lange nicht mehr geklingelt, dafür meldet sich in Zimmer zwölf im Pfreimder Rathaus der Apparat auf dem Schreibtisch von Museumsleiterin Carola Reul. "Soll ich etwas lauter sprechen?", fragt sie die ältere Dame, die ein Museumsstück anzubieten hat. Klar, kann sie die Sachen auch abholen, wenn die Frau nicht mobil ist. Ein Blick in den Terminkalender, das sollte passen. Vielleicht ist das künftige Museum der Stadt Pfreimd im Bürgerhaus bald um ein Objekt reicher.
Noch allerdings stapeln sich alte Tassen, Lampen, Gebetsbücher und Jesusbilder im Büro von Carola Reul. Anfang September hat sie die Aufgabe übernommen, Erinnerungsstücke von Pfreimder Bürgern zu sammeln: nichts Wertvolles, aber doch zu schade zum Wegwerfen, Erinnerungen an die gute alte Zeit. "Ich nehme mir aber auch Zeit, und höre zu", sagt die 50-Jährige, "denn erst mit einer Geschichte beginnt ein Museumsstück zu leben".
Spielen wie Slawen
Carola Reul kommt aus Pressath und kann dabei auf eine 20-jährige Erfahrung im Egerlandmuseum von Marktredwitz bauen. Allerdings wohnt sie schon länger in Nabburg und ist im neuen Job dem Arbeitsplatz viel näher. Weil das Pfreimder Museum erst im Aufbau-Stadium ist, heißt es jetzt vor allem sammeln und inventarisieren. Die Museumsleiterin ist viel im Kloster unterwegs, hat sich mit dem Nachlass im Haas-Haus vertraut gemacht und schon erste Ideen für museumspädagogische Projekte. Statt trockener Daten und verstaubter Objekte ist Action gefragt, wenn Schulklassen kommen: Reul kann sich Kinderspiele vorstellen, wie sie vielleicht vor Jahrhunderten bei der slawischen Bevölkerung populär waren, oder eine Tschenlampen-Führung im "Dokument Schloss".
"Es geht darum, das Museum mit Leben zu erfüllen", skizziert die 50-Jährige ihre Aufgabe. Wer sind wir? Woher kommen wir? Auf diese Frage gilt es, eine speziell auf Pfreimd zugeschnittene Antwort zu finden. Ins Zentrum des Interesses rücken dabei Speerspitzen und Perlen wie sie auf dem Gerresheimer-Areal und in Iffelsdorf gefunden wurden. Aber auch Keramikscherben aus dem Schloss, Objekte aus dem Pfreimder Kino, Andenken ans Brauhaus oder ein original 60er-Jahre-Büro können ein Fenster in die Vergangenheit öffnen. Einzige Einschränkung: "Ich sammle nur, was von Pfreimder Bürgern kommt".
Im Rathaus eingetroffen sind beispielsweise bestickte Versehtücher, alte Leinenstoffe, Wachsstöcke, Andachtsbilder und ein ganzer Karton vom aufgelösten Kriegerverein. Da lagern das Kassenbuch vom Pfreimder E-Werk, die ausgediente lederne Motorradhaube und zwei Sparschweine aus Porzellan. Sogar ein paar volle Flaschen Pfreimder Bier aus dem Jahr 1994 sind im Büro gelandet, trinken will das wohl keiner mehr. "Da schlummert bestimmt noch einiges auf den Dachböden", ist Reul überzeugt, und denkt dabei an Werkzeug, das von altem Handwerk erzählen könnte, an Super-8-Filme, Festzugskostüme und Festzeitschriften.
Einmal im Monat würde sie künftig gern ein besonderes Objekt vorstellen, so wie sie das unter dem Motto "Verborgen und geborgen" in Marktredwitz eingeführt hat. Außerdem ist für nächstes Jahr in Zusammenarbeit mit dem Bezirksheimatpfleger eine Wanderausstellung geplant mit Pfreimd als Auftakt-Station. Schätze aus dem Depot sollen ans Licht kommen, "nicht unbedingt Wertvolles, alles was eine besondere Geschichte erzählen kann".
Auf dem Weg zum Pfreimder Museum wartet allerdings noch viel mühsame Kleinarbeit. "Man sagt allgemein es sind 17 Arbeitsschritte bis zu Depot", erklärt die Museumsleiterin den Prozess der Inventarisierung. Dazu gibt es ein Programm der Landesstelle für nicht staatliche Museen, aber auch ein dickes Buch. Am Platz für interessante Fundstücke wird es so schnell nicht scheitern. Pfreimd teilt sich mit dem Freilandmuseum ein Depot in Neusath. Bislang haben sich meist ältere Damen mit potenziellen Museumsstücken gemeldet. "Einige haben Angst, dass alles weggeworfen wird, wenn sie sterben", weiß Reul, die mit einer Museumseröffnung nicht vor 2020 rechnet. Wer sich von Erinnerungsstücken noch nicht völlig trennen kann, könnte sie auch als Dauer-Leihgabe dem künftigen Museum überlassen, so die Alternative: "Ich will schließlich niemandem etwas abschwatzen."
Zur Person
Die neue Museumsleiterin Carola Reul kommt ursprünglich aus Pressath (Landkreis Neustadt/WN). Sie hat Geschichte sowie Vor- und Frühgeschichte studiert und war 20 Jahre lang mit Projekten im Egerlandmuseum vom Marktredwitz betraut und als Kuratorin aktiv. Reul lebt seit 15 Jahren in Nabburg und hat außerdem bereits freiberuflich für das Freilandmuseum Neusath-Perschen gearbeitet. Wer interessante Stücke für sie hat, kann sich unter Telefon 09606/ 88962 mit ihr in Verbindung setzen und zwar Montag bis Donnerstag, jeweils vormittags. (bl)
Erst mit einer Geschichte beginnt ein Museumsstück zu leben.






















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