14.10.2021 - 14:20 Uhr
PfreimdOberpfalz

Pfreimder Museum katapultiert künftige Besucher mit Ötzis Beil zurück in die Steinzeit

So ein Beil hat Gletschermumie "Ötzi" in der Hand gehalten. Im Pfreimder Museum kann es bald jeder anfassen – oder wie ein Archäologie mit der Kelle im Sand buddeln. Es fehlt nicht mehr viel bis zur Eröffnung im April.

Wolfgang Engel und Museumsleiterin Carola Reul demonstrieren, wie viel Spaß es macht, so ein Beil aus der Steinzeit mal selbst in die Hand zu nehmen. Ab April haben dazu dank der angefertigten Repliken auch die Besucher des Pfreimder Museums Gelegenheit.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Noch lagern die ausgewählten Fundstücke auf Bierbänken, die Hauptarbeit aber hat das Projektteam für das Pfreimder Museum bereits hinter sich. Für Oberpfalz-Medien gestattet Museumsleiterin Carola Reul zusammen mit dem für die Gestaltung zuständigen Wolfgang Engel eine Blick auf die Prunkstücke der Sammlung.

Ein Modell der Museumsräume aus Holz macht deutlich: Hier geht es vor allem darum, die Schätze der Vergangenheit angesichts einer Fülle von Exponaten richtig in Szene zu setzen.

Wer ein Meer an grauen Scherben und ellenlange erklärende Schriftstücke erwartet, ist im künftigen Pfreimder Museum am falschen Platz. Klar gibt es auch hier Objekte, für die ein Laie nur ein "Aha, ein Stein" übrig hätte - wäre da nicht ein Film, der aufzeigt, wie so ein Faustkeil zunächst behauen wird und dann durch dickes Leder säbelt. Die Steinzeit rückt so ein wenig näher, gleich hinter der Museumskasse samt Shop soll es losgehen.

Noch fehlt der riesige Touch Screen mit den vielen bunten Punkten. Museumsleiterin Carola Reul hält statt dessen einen Ausdruck in der Hand, auf dem Lesefunde und Bodendenkmäler rund um Pfreimd verzeichnet sind. "Hier gab es eigentlich zu jeder Zeit eine Besiedlung", sagt sie mit einem anerkennenden Blick auf markierten Stellen: blau für die Steinzeit, gelb für Bronze-, rot für die Eisenzeit und orange fürs Mittelalter sowie grün für die Neuzeit. Zu jedem der Punkte soll spätestens bei der Eröffnung des Museums im April ein Fundbild aufploppen. Weil es von Steinzeitmenschen keine Fotos gibt, sorgen farbige Illustrationen für einen Eindruck vom Alltag der Vorfahren, die in der Gegend um Pfreimd heimisch waren.

Leder schaben, Knochen spalten, nach Wurzeln graben oder Holz hacken: Auf dem Bildschirm erwacht ein graues Stück Stein zum Leben. "Das ist ein bisschen wie bei der Sendung mit der Maus", meint Reul, "einfach und prägnant erklärt und nicht länger als drei Minuten". Allerdings ohne Ton, damit die anderen Museumsbesucher nicht gestört werden.

Buddeln in der "Entdecker-Ecke"

Aber das Pfreimder Museum hat noch mehr zu bieten. Dank einer Replik (Nachbau) kann jeder Besucher nachprüfen, wie schwer es "Ötzi", die 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckte Gletschermumie, mit seinem Beil im Alltag hatte. Direkt am "Zeitfenster" mit der Ziegelwand ist eine Art Sandkasten geplant, die "Entdecker-Ecke". Kleine und große Besucher sollen hier mit der Kelle ihr Talent als Archäologen erkunden. "Ist das was oder kann es weg?", lautet dann die Frage, wenn bei der "Grabung" eine Fibel (Spange) auftaucht, vielleicht auch nur Steine oder Müll. Dann sind die Gäste auf ihrer Zeitreise auch schon bald im frühen Mittelalter angekommen, können ein ziemlich verrostetes Bronze-Schwert, ein Langsax, bestaunen, die prächtige awarische Gürtelgarnitur, die in Iffelsdorf aufgetaucht ist oder original Schläfenringe und Millefiori-Perlen, die bis vor wenigen Jahren noch auf Entdecker warteten.

"Herr und Frau Slawe" zeigen als Pappfiguren, wie Kleidungsstücke und Schmuck getragen wurden. Neben einzelnen Objekten wie Urnen, Gebrauchsgeschirr oder Spinnwirtel wartet auf dem Fußboden auch eine sogenannte Blockbergung auf ihren endgültigen Standort im Museum: ein kompaktes Stück Erde mit Perlen obenauf und einem nur über Röntgenstrahlen erschlossenen Inhalt in den Schichten darunter.

Im dritten Teil des Museums treffen die Besucher auf die Spuren der Landgrafen von Leuchtenberg, auf ein Dorf, das zur Stadt wird. neun Stelen werden hier den Pfreimder Schatz repräsentieren, der im Kunst- und Gewerbemuseum in Hamburg aufbewahrt wird. Vielleicht gibt es auch hier noch das ein oder andere Goldstück als Replik zum Anfassen. Gerade für die Pfreimder dürfte aber auch das digitale Stadtmodell auf Basis des Katasterplans von 1836 interessant sein: ein Klick auf eines der dargestellten Häuser, und schon ist dann eine ganze Geschichte präsent. "Alles über 50 Häuser zu recherchieren, das ist aufwendig", erklärt Reul, "da läuft viel Arbeit im Hintergrund, die man nicht sieht". "Natürlich kann man irgendetwas in eine Vitrine stellen", ergänzt Engel, "aber die Objekte sollen uns doch etwas erzählen, und das muss man erst entwickeln." Außerdem habe ein Museum den Anspruch, dass alle Infos auch richtig sind - bis hin zu Details in den Illustrationen: Eine dargestellte Ziege darf nun mal kein Glöckchen um den Hals tragen, wenn es das in der betreffenden Zeit noch nicht gab.

Pickelhaube und Limo-Flasche

Am Ende ist noch Platz für die Pickelhaube eines Polizisten und eine ganze Reihe von Andenken aus der Blütezeit der Pfreimder Geschäftswelt: von der Fahrradklingel über die Limo-Flasche bis hin zur alten Kinowerbung. Dazwischen wird auf einem Schild zu lesen sein: "Hier könnte Ihr Exponat stehen". Ein Museum sei schließlich immer im Fluss, da gebe es keinen Stillstand, sagt Reul und hat dabei nicht nur den Nachschub aus dem Depot in Neusath im Blick, sondern auch die Fortsetzung der Ausgrabung in Iffelsdorf. "Da draußen steckt noch einiges im Boden", prophezeit Engel.

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Hintergrund:

Koffer packen für Zeitreise mit Projekt-Team und Ehrenamtlichen

  • Ur- und Frühgeschichte: Der Rundgang durch das Museum startet mit Bildern und Exponaten aus der Ur- und Frühgeschichte der Region. Eine große Landkarte gibt einen Überblick übe die zahlreichen Fundstellen rund um die Stadt Pfreimd.
  • Mittelalter und Slawenzeit bilden den zweiten Schwerpunkt des Museums. Die Exponate stammen überwiegend von einer Ausgrabung bei Iffelsdorf oder auf dem Gelände der Firma Gerresheimer. Siedlungsgeschichte und Gräberkult sind hier die dominanten Themen.
  • Die Ära der Leuchtenberger und die Entwicklung der Stadt Pfreimd bis in die Gegenwart bilden den dritten Teil der Ausstellung. Ein Modell der Stadt nach dem Kataster von 1836 soll hier für den Überblick sorgen und Auskunft geben über die Geschichte einzelner Häuser. Auch der "Pfreimder Schatz" findet dort Platz. Allerdings werden herausragende Stücke nur virtuell in einer Medienstation gezeigt, die Originale befinden sich in Hamburg.
  • Digitales Bildarchiv und "Document Schloss" : Für Sonderausstellungen und ein digitales Bildarchiv ist Platz im Ausgangsbereich, der gleichzeitig den Eingang zu Bürgersaal, Sitzungsraum und Bücherei bildet, sowie im Bürgersaal. Das Schlosskellergewölbe, erhalten als "Document Schloss", soll während der Öffnungszeiten des Museums zugänglich sein.
  • Projekteam: Federführend sind neben Museumsleiterin Carola Reul, Wolfgang Engel (Gestaltung) und Dr. Josef Paukner (inhaltliches Konzept). Eingebunden sind in den Aufbau Kurt Engelhardt (Kreisheimatpfleger für Archäologie), Dr. Christoph Steinmann (Landesamt für Denkmalpflege) sowie mehrere Leihgeber und Vereine.

Natürlich kann man irgendetwas in eine Vitrine stellen. Aber die Objekte sollen uns doch irgendetwas erzählen, und das muss man erst entwickeln.

Wolfgang Engel

Wolfgang Engel

Das ist ein bisschen wie bei der Sendung mit der Maus, einfach und prägnant erklärt und nicht länger als drei Minuten.

Museumsleiterin Carola Reul über die erklärenden Kurzfilme

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