03.08.2021 - 12:43 Uhr
PirkOberpfalz

Pirk: Mit Clothilde Jarczak (85) landet die Tageszeitung pünktlich im Briefkasten

Die Tageszeitung will jeder Abonnent möglichst früh im Briefkasten haben. Zustellerin Clothilde Jarczak dreht seit einem halben Jahrhundert in Pirk ihre Runde und nimmt dafür einiges auf sich. Oberpfalz-Medien begleitete sie eine Nacht.

Nur kurz anhalten und schon ist die Zeitung in der Box. Clothilde Jarczak trägt seit 50 Jahren den "Neuen Tag" in Pirk aus.
von Ernst FrischholzProfil

Rund 160.000 Zeitungszusteller sind Nacht für Nacht in Deutschland unterwegs, um den Lesern die aktuellen Ausgaben pünktlich ins Haus zu liefern. Allein 1200 tragen die Tageszeitungen der Oberpfalz-Medien aus. Eine von ihnen ist die die 85-jährige Clothilde Jarczak aus Pirk, mit einer wohl bewegten Vita. Seit 50 Jahren versorgt sie die Abonnenten in Pirk mit dem "Neuen Tag“. Die Zeitung bestimmt ihre Nacht und damit auch ihr Leben.

Oberpfalz-Medien begleitete Clothilde Jarczak bei ihrer Arbeit durch die Straßen von Pirk und sprach mit ihr über das Erlebte.

Passion, Herzblut, Verantwortung und die Liebe zu dem, was sie macht, offenbaren sich schon, wenn nachts um 2 Uhr „Der neue Tag“ in mehreren Gebinden an ihre Kellertür geliefert wird. Der Elektroroller steht im Keller unter Strom, die 85-Jährige bepackt den kleinen Flitzer und startet.

Briefkästen zu schmal

Es ist eine laue Nacht. Da kann sie schon von ganz anderen Nächten mit strömendem Regen oder Schneestürmen im Winter berichten. Leise flitzt der Roller durch die Straßen im unteren Dorf. Tausende Mal trainiert, Verkehr ist keiner, und so geht es im Zickzack Straße durch die Straßen. Fast im Vorbeifahren steckt sie den „Neuen Tag“ in Boxen und Briefkästen. Manchmal muss sie auch in Einfahrten hinein, wenn sich Briefkasten am Hauseingang befindet. Schwieriger gestaltet sich das Unterfangen bei Schlitzbriefkästen. Die Zeitung zusammenfalten geht etwa unter der Woche, aber am Samstag, mit viel Werbung drin, hakt es. Da ist Jarczak auch schon mal erst um 7 Uhr fertig.

"In dieser Nacht parken die Leute gut", lobt sie. Aber allzu oft stünden Autos eng am Gartenzaun und sie komme im Fahren nicht an die Briefkästen ran. In der Rothenstädter Straße geht es auf dem Gehsteig von Haus zu Haus. "Wenn die Sträucher nicht geschnitten werden, dann hab' ich dauernd die herüberhängenden Äste im Gesicht", schimpft sie vor sich hin. Die Nacht verläuft problemlos. 180 Zeitungen sind verteilt und die Pirkerin ist um 5 Uhr zu Hause und will Bett.

Erst austragen, dann zur Arbeit

Das war natürlich nicht immer so, erzählt sie davor noch ein paar Episoden. Angefangen habe sie vor 50 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann. "Er kümmerte sich um den Bereich am Berg mit dem Moped und ich fuhr mit dem Radl das Dorf unten ab. In der Früh ist dann jeder in seine Arbeit gegangen", sagt sie. Jarczak arbeitete bis 1979 in der Brauerei Schwab, danach beim Gloßner-Gärtner und später habe sie dann in der Bäckerei vom Sohn in Schirmitz mitgearbeitet. Als ihr Mann 1983 verstarb, trag sie 15 Jahre lang in ganz Pirk aus, seit 20 Jahren nur mehr im unteren Dorf. Erst mit dem Moped vom Mann und seit zwei Jahren nun mit einem Elektroroller.

Sommer wie Winter, bei jeder Witterung. "Einmal war es so glatt, dass ich nicht auf die Straße konnte. Erst um 10 Uhr habe ich mich raus getraut und dann die Zeitungen mit dem Auto ausgefahren", erzählt die Seniorin.

Blutige Zeitung

Auch Stürze gab es. Am Dorfplatz habe es sie "mal geschmissen". Dabei brach sie sich den Handrücken. Bei einem weiteren Sturz schürfte sie sich das Gesicht auf. Die 15 Zeitungen habe sie noch blutend ausgetragen, sagt sie. Am Vormittag riefen dann Leute besorgt bei der Tochter an, ob der Mama was passiert sei, weil die Zeitung blutig war. Letztes Jahr wich sie einer Entenfamilie aus, brauste eine Böschung hinab – mit unfreiwilligem Abstieg.

Auch "Findelkinder" sammelte die Austrägerin schon ein. "Einmal traf ich früh um vier auf einen kleinen Jungen. Der hatte bei der Oma geschlafen, ist nachts wach geworden und unbemerkt auf die Straße gelaufen, weil er heim wollte. Da hab' ich ihn in die Zeitungstasche gesetzt und wieder zur Oma gefahren", lacht Jarczak. Zwei herumlaufende Hunde habe sie auch mal mitgenommen. Die wollten nach dem Füttern gar nicht mehr weg.

Die Krönung, so erzählt sie, sei ihr aber vor vielen Jahren mal in der Rothenstädter Straße passiert. Früh um 5 Uhr kam sie in eine Polizeikontrolle. Das Versicherungskennzeichen am Moped war seit sechs Tagen abgelaufen. Sie habe 400 Mark Strafe zahlen müssen, ärgert sie sich heute noch.

Die 85-Jährige könnte noch viel Anekdoten aus den 50 Jahren als Austrägerin erzählen. Ein halbes Jahrhundert, in dem sie keinen Tag Urlaub machte, weil sie ja Urlaub habe, wenn sie früh heimkommt. Spricht´s, und verschwindet im Haus, um sich endlich schlafen zu legen.

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Weiherhammer

 

 

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