27.05.2021 - 09:01 Uhr
WeiherhammerOberpfalz

Zeitungszusteller bei Oberpfalz-Medien: 3 Stunden für 191 Zeitungen

Als Zeitungszusteller joggt der US-Amerikaner Chill Tanner gerne auch mal von Haus zu Haus und ist froh, nachts noch keinem Wolf begegnet zu sein.

Zusteller Chill Tanner ist US-Amerikaner und seit wenigen Monaten für Oberpfalz-Medien unterwegs.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

ONETZ: Hi Chill, how are you today, wie geht’s?

Chill Tanner: Mmh, ganz gut. Ein bisschen müde bin ich noch.

Um 2.30 Uhr klingelt bei Chill Tanner in Weiherhammer (Kreis Neustadt/WN) der Wecker. Zumindest an den Tagen, an denen die Zeitung erscheint. Dann heißt es für den Vater von drei Kindern raus aus den Federn. Die Kinder sind 6 und 2 Jahre alt, das kleinste gerade mal 13 Monate. Während Dad sich startklar macht, schlafen Nachwuchs und Frau Stefanie in Ruhe weiter.

ONETZ: Ja, Zeitung austragen ist etwas für Frühaufsteher. Wie lange sind Sie da so unterwegs?

Chill Tanner: Im Normalfall brauche ich 3 Stunden. Im Winter, bei Schnee und Eis, können das aber auch schon mal 4 Stunden werden. Ich habe drei Touren, zwei in Weiherhammer und eine in Etzenricht. Das sind insgesamt 191 Zeitungen. Da heißt es früh anfangen, denn spätestens um 6 Uhr soll das letzte Exemplar beim Abonnenten sein.

ONETZ: Wie kommt man als US-Bürger überhaupt dazu, in Deutschland Zeitungen auszutragen?

Chill Tanner: Meine Frau stammt von hier. Wir haben uns in Weiden kennengelernt, als ich in Grafenwöhr stationiert war. Zuletzt lebten wir aber in den USA. Wir hatten schon lange vor, zurück nach Deutschland zu ziehen, durch Covid klappte das erst im Oktober. Hier angekommen wollte ich schnell eigenes Geld verdienen. Doch mein Deutsch ist noch ziemlich schlecht, also musste es etwas sein, das auch ohne gute Deutschkenntnisse funktioniert (dieses Interview wurde in englischer Sprache geführt; Anm. d. Red.). Deutsch sprechen muss ich jetzt nicht einmal, wenn die Spedition meine Zeitungen vor die Haustür legt. Die halten nur kurz, entladen und sind gleich wieder weg.

Der 35-jährige Chill Tanner ist Akademiker, studiert hat er in Pittsburgh, Pennsylvania. Nach dem Studium arbeitete er unter anderem als Koch, zuletzt jedoch beim „Defense Security Service“ (DSS), einem Geheimdienst. Berufswege sind in den USA nicht so geradlinig wie in Deutschland. Hier setzt man auf Sicherheit und Beständigkeit, dort nutzt man Gelegenheiten und Chancen, die sich ergeben. Die Arbeit als Zusteller ist für Chill Tanner so eine Chance.

ONETZ:

Chill Tanner: Das Schöne an dem Job ist, dass meine ganze Familie krankenversichert ist. In Amerika wäre Zeitungen austragen etwas für Schüler, hier kannst du damit deine Familie sozial absichern. Das ist großartig!

ONETZ: Ist es manchmal ein komisches Gefühl, in den frühen Morgenstunden durch die einsamen Straßen zu gehen?

Chill Tanner: Ehrlich gesagt, ich liebe die Ruhe. Manchmal begegne ich anderen Zeitungszustellern, die es, genauso wie ich, eilig haben. Man sieht zudem viele Tiere. Rehe etwa, Füchse, Marder. Ein bisschen Angst habe ich davor, dass mir mal ein Wolf über den Weg läuft. Das Meiste fahre ich aber ohnehin mit dem Auto. Da, wo es eng wird, stelle ich es ab und laufe zu den Häusern.

ONETZ: Laufen im Sinne von rennen?

Chill Tanner: Ja, ich habe ja nicht viel Zeit. Also schnappe ich mir die Zeitungen, klipse meine Stirnlampe an und jogge von Tür zu Tür. Die letzten Meter schleiche ich dann auf Zehenspitzen, um keinen Lärm zu machen. Trotzdem kommt es schon mal vor, dass ich Personen hinter Vorhängen sehe, die mich argwöhnisch beäugen. Was die sich wohl denken mögen?

ONETZ: Häufiger als Wölfe sind wohl Hunde. Schon mal Probleme damit gehabt?

Chill Tanner: Nein, nicht wirklich. In Etzenricht ist mir ein paar Mal eine Frau mit großen Hunden begegnet, die sie offenbar nur schwer unter Kontrolle halten konnte. Das ist aber schon eine Zeitlang her. Ich denke mal, die hat sich jetzt eine andere Strecke zum Gassi gehen gesucht.

Chill Tanner ist nicht nur schnell beim Austragen der Zeitung, am Telefon ist er eloquent und macht den Eindruck, sich auf seine neue Heimat offen einzulassen...

ONETZ: Lesen Sie selbst die Zeitung?

Chill Tanner: Ich lese tatsächlich regelmäßig den „Neuen Tag“. Allerdings hauptsächlich, um mein Deutsch zu verbessern. Mir fällt aber auch die ein oder andere Geschichte auf. Gewundert hat es mich zum Beispiel im März ein Bild von William Shatner („Captain Kirk“ aus der US-Science-Fiction-Serie „Raumschiff Enterprise“; Anm. d. Red.) auf der Titelseite des „Neuen Tags“ zu sehen. .

ONETZ: Welche Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Zeitungen fallen Ihnen dabei auf?

Chill Tanner: Mein Eindruck ist, dass die Zeitungen in den Staaten stark auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten sind, stärker als die Zeitungen hier. Zum Teil wirken sie „biased“ auf mich, voreingenommen. Die deutschen Zeitungen sind objektiver, distanzierter. Um ein Bild vom politischen Geschehen zu bekommen, muss man in den USA daher mehrere verschiedene Zeitungen lesen. Bei mir waren das unsere Lokalzeitung „The Morning Journal“, aber auch Titel wie „USA Today“, die „New York Times“ und die „Washington Post“.

ONETZ: Glauben Sie gedruckte Zeitungen haben in einer digitalen Welt eine Zukunft?

Chill Tanner: Unbedingt. Die Leute werden immer Gründe finden, nicht ständig das Smartphone im Kopf zu haben. Ich zum Beispiel habe mich von den meisten Sozialen Medien abgemeldet und bin nur noch auf Instagram. Die Sozialen Medien rauben viel Zeit und es ist schwer, aus ihrer Blase zu entkommen. In der Zeitung dagegen kommst du auf Themen, nach denen du im Internet nie suchen würdest. Wenn du eine Zeitung in die Hand nimmst, bist du einfach ein Stück mehr du selbst. Das bedeutet mir was.

Nachts unterwegs mit einer Zustellerin

Weiden in der Oberpfalz

Die freien Mitarbeiter bei Oberpfalz-Medien

Amberg
Hintergrund:

Der Zeitungsvertrieb im Überblick

  • Chill Tanner ist einer unter vielen: An die 1200 Mitarbeiter tragen die Tageszeitungen der Oberpfalz-Medien aus.
  • Andere Zeitung abonniert? Oberpfalz-Medien-Mitarbeiter stecken auch die "Süddeutsche", die "FAZ" und andere überregionale Titel in die Briefkästen der Leser.
  • Die Oberpfalz-Medien-Zusteller verteilen darüber hinaus Prospekte und Beilagen an Haushalte, die kein Abo haben (in der Branche als ""Rest-Haushalte" bezeichnet), und stellen Post der City-Mail zu, die ebenfalls Teil der Firmengruppe ist.
  • Um das alles zu ermöglichen, sind Nacht für Nacht rund 75 Lieferwagen im Einsatz. Sie steuern über 3200 Abladestellen an und legen zusammen in der Woche mehr als 40.000 Kilometer zurück. Das entspricht beinahe dem Erdumfang.
  • Für die Zustellung der "Oberpfälzer Wochenzeitung" (OWZ) gibt es eine gesonderte Verteilorganisation, die "VIA-Nord". Die VIA-Nord beschäftigt an die 1400 Personen.
  • Im innerstädtischen Bereich von Amberg und Weiden gibt es einen gesonderten City-Mail-"Postboten"-Stamm mit jeweils rund 20 Mitarbeitern.

 

 

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