04.07.2019 - 08:00 Uhr
PlößbergOberpfalz

Aus "Blauwal" und Fischleder wird Stiftland-Janker

Tina Zeitler und ihr Vater Rudolf Kreuzer fertigen in ihrer Schneiderei Kleidung nach traditionellen Handwerksmethoden.

Schneiderin Tina Zeitler benötigt etwa zehn Arbeitsstunden, um einen Stiftland-Janker zu nähen
von Ulla Britta BaumerProfil

Ideengeber waren Landrat Wolfgang Lippert und die Kreisheimatpfleger. Sie wünschten sich für Präsentationszwecke eine Jacke, die nichts mit Tracht zu tun hat, aber dennoch das Bodenständige im Stiftland nach außen trägt. Dieses Kleidungsstück sollte weitgehend aus regionalen Materialien gefertigt sein.

Der Weg dieser Herren zur Erfüllung des Wunsches nach einem speziellen Landkreis-Kleidungsstück führte in die Schneiderei Kreuzer, wo ausreichend Berufserfahrung und geeignetes Equipment vor Ort waren, diese Idee im Sinne der Erschaffer umzusetzen.

Nähmaschinen surren

Nun ist der Stiftland-Janker natürlich nur eine von vielen Näharbeiten aus Plößberg, bei Kreuzer surren die Nadeln der elektrischen Nähmaschinen nahezu rund um die Uhr. Tina Zeitler und ihr Vater, Rudolf Kreuzer, fertigen nicht ausschließlich Stiftland-Janker (die mit taillierten Maßen als modische Jacke für Frauen ebenso tauglich sind). "Wir nähen hauptsächlich Trachten und Uniformen", erklärt Tina Zeitler. Die 41-jährige Schneidermeisterin hatte sich in sehr jungen Jahren bereits entschieden, in der vierten Generation die mittlerweile 130 Jahre alte Tradition der Familie fortzuführen. Arbeit, sagt sie, gebe es mehr als genug.

Für den Stiftland-Janker hat sich Tina Zeitler Zeit genommen, um regionale Zutaten dafür ausfindig zu machen. In der Tuchfabrik Mehler fand sie den Stoff der Farbe "Blauwal" bestens geeignet.

Nun macht ein Tuch noch lange keine Jacke. Tina Zeitler wandte sich gen Grenze nach Bärnau, der Traditionsstadt für Knöpfe. Die Knopffabrik Dill hatte, was sie brauchte.

Mit Fischleder verziert sollte der Stiftland-Janker die Heimat als "Land der tausend Teiche" würdig darstellen. Da Fischleder hier nicht hergestellt wird, bezieht die Schneiderin es aus Österreich.

Individuelle Anpassungen

Zwei Prototypen, für Männer und Frauen, gab es anfänglich. "Inzwischen", erzählt Tina Zeitler, "sind die Modelle individueller geworden." Die Schneiderin hat unterschiedliche Muster auf Lager, was das Spektrum des speziellen Stiftland-Kleidungsstücks modisch erweitert. Viele Stiftland-Janker haben die Plößberger Schneiderei fertig verlassen, nur für sich selbst hat Tina Zeitler keinen. Obwohl sie das Kleidungsstück durchaus gut öffentlich brauchen könnte, denn Tina Zeitler ist Vorsitzende der Kreisfrauenunion. "Es ist einfach nie Zeit, dass ich mir selbst einen nähe", bedauert die Traditionshandwerkerin lachend.

Tina Zeitler freut es, dass "ihr" Stiftland-Janker inzwischen sogar als Geburtstagsgeschenk in Auftrag gegeben wird. Während der Janker meist als Einzelstück rausgeht, liegt die Herausforderung der Schneider mehr bei Großaufträgen. Aktuell kleiden Tina Zeitler und ihr Vater, Rudolf Kreuzer, die Mitglieder der Feuerwehr Plößberg für das Feuerwehrfest neu ein.

In der Schneiderei gehören solche Großaufträge zum Alltag, zweistellige Stückzahlen sind keine Seltenheit. Was auch dazu führen kann, dass gut 40 Leute in der Werkstatt zur Anprobe anstehen. Das müsse sein, vor allem für gut sitzende Uniformen, betont die Schneiderin. "Manchmal fahre ich auch zum Auftraggeber, damit nicht alle extra kommen müssen", erzählt sie. Das geht aber auch nur, wenn es die Entfernung noch erlaubt. Vater und Tochter haben Vereine in Esslingen, Neustadt/Hessen, Überlingen am Bodensee und Österreich eingekleidet. Keine Scheu haben die erfahrenen Schneider vor Herausforderungen wie dem Nähen von historischen Kleidern.

Regionalität

Welcher Wunsch auch immer auf sie zukommt, findet Tina Zeitler meist den Stoff dafür bei Mehler. Was die besonderen regionalen Produkte des Stiftlands über dessen Grenzen hinaus trägt. Tina Zeitler und ihr Vater haben viel zu tun. Zeitgleich mit der Plößberger Wehr möchte ein Schützenverein aus Thüringen bei einem Festauftritt mit Handwerkskunst aus der Oberpfalz glänzen. Verständlich, dass derzeit die Nadeln der Nähmaschinen glühen.

"Thüringen möchte weiße Schützenjacken", erzählt Tina Zeitler. Schön, aber sehr empfindlich. Deshalb werde weiß selten verlangt. Undenkbar für das Stiftland, wo auch eine Festtags-Uniform robust zu sein hat. Für das Dirndl nach Maß dagegen könne weißer Stoff ideal sein, wenn es für eine Braut ist. Eines für das Ja-Wort im Standesamt habe sie bereits genäht und bayerische Dirndln seien an der Tagesordnung, sagt Tina Zeitler. Stichwort "bayerisch": Wie wäre es mit einem Stiftland-Dirndl?

So sieht der Stiftland-Janker als fertige Jacke aus. Aber das Modell könne individuell natürlich jederzeit verändert werden, betont Tina Zeitler.
Von links: In der Schneiderei Kreuzer glühen die Nadeln. Tina Zeitler, ihre Mitarbeiterin und ihr Vater, Schneidermeister Rudolf Kreuzer, arbeiten an Großaufträgen.
Tina Zeitler ist gerne Schneiderin. Für sie stand in jungen Jahren bereits fest, dass sie einmal den Betrieb der Eltern übernehmen wird.
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