17.05.2019 - 18:51 Uhr
PoppenrichtOberpfalz

Der Orient tanzt in Poppenricht

Joggen, Radfahren, Walken sind gängige Sportarten für Frauen. Dass es da noch etwas anderes gibt, beweisen die "Oriental Ladies". Sie machen Bauchtanz, eine uralte Kultur, die Bewegung mit Anmut und verführerischer Weiblichkeit verbindet.

Pure Eleganz und Leichtigkeit: der Tanz mit dem Schleier.
von Helga KammProfil

Die Turnhalle im Poppenrichter Sportheim ist ein nüchterner Raum mit Sprossenwänden, Matten, einem Ballkorb und einer raumhoch verspiegelten Wand. In diesem Spiegel zeigt sich ein ungewöhnliches Bild: Frauen in bunten Gewändern, mit Goldplättchen und Münzen, die bei jeder Bewegung glitzern und klingen, zu rhythmischem Tanz mit fremdartiger Musik. Es ist Dienstagabend, die "Oriental Ladies" machen Bauchtanz.

Bea Troglauer ist die Trainerin der" Oriental Ladies".

Ladies, keine Girls

Es sind Ladies, keine Girls, die sich seit sieben Jahren jede Woche hier zum Bauchtanz treffen. Sie sind Hausfrauen, arbeiten in Büros, im Krankenhaus, in der Bäckerei oder im Steuerbüro. Sie kommen aus dem ganzen Landkreis, von Hohenkemnath bis Etzelwang, aus Amberg und Hahnbach, und sie sind altersmäßig bunt gemischt, "von 35 bis 75", sagt Bea Troglauer. Sie ist die Trainerin der Gruppe. Wegen Problemen mit dem Rücken ist sie in jungen Jahren zum Bauchtanz gekommen - und dabei geblieben. Heute gibt sie ihr Können an zwei Gruppen weiter.

In der Poppenrichter Sporthalle treffen sich die "Ladies" zum wöchentlichen Training.

Vielerorts gerngesehen

"Bauchtanzkurse gibt es viele", weiß sie, "aber eine Gruppe wie die unsere, die seit Jahren miteinander den Tanz und die Geselligkeit pflegt, dürfte die einzige im ganzen Landkreis sein". Insgesamt gibt es mehr als 20 "Oriental Ladies", an diesem Abend ist ein Dutzend zum Üben gekommen. Im Freundeskreis gibt es demnächst ein Geburtstagskind, es soll mit einer Tanzeinlage überrascht werden. Die Auftritte der Ladies erstrecken sich aber auch über den Freundeskreis hinaus. Sie sind gerngesehen in Altenheimen, bei Faschingsbällen und bei Vereinsfesten, aber auch bei überörtlichen Treffen machen sie Furore.

Für ihr Training haben sich die Tänzerinnen hübsch gemacht. Blau, rot, lila oder golden sind ihre Röcke und die die BH-artigen Oberteile. Der Bauch ist frei oder von einem dünnen Stoff bedeckt. Sie tragen leichte Schuhe in Gold oder Silber, schweren Ohrschmuck, und an Röcken glitzern Stickereien, klingen Glöckchen, blinken Münzen, flattern Fransen. "Das sind nur unsere Trainingskostüme", erklärt Kerstin: "Unsere Auftrittskostüme sind schöner und wesentlich kostbarer. 300 Euro aufwärts muss man schon ausgeben für ein maßgeschneidertes Gewand." Diese Ausgabe ist den Frauen ihre Leidenschaft wert.

Bühne frei für die „Oriental Ladies“ : Kostbare Kostüme werden bei offiziellen Auftritten angezogen.
Die Tänzerinnen bedanken sich für den Beifall nach einem erfolgreichen Auftritt.

Bestes Ganzkörper-Training

"Wir gehören zwar zum Sportverein, sind aber nicht als Sparte anerkannt", sagt die Poppenrichterin Bea Troglauer. Was bedeutet: Die "Ladies" erhalten keine finanziellen Zuwendungen für ihren Sport. Dabei rühmen die Bauchtänzerinnen ihr Tun als bestes Ganzkörper-Training, das die Beweglichkeit fördert, Rückenprobleme lindert, die Fitness steigert. Doch was eigentlich noch wichtiger ist, schildert Gerda so: "Wir haben gemeinsam Freude und Spaß, pflegen Geselligkeit und Freundschaft."

Das Miteinander zeigt sich auch beim Training. Nach einigen Tänzen mit dem Doppelschleier und dem Schleierfächer, die, weil oft geprobt, ein angenehmes "Aufwärmen sind", geht es an die Vorbereitung des Geburtstags-Auftritts. Bea zeigt Figuren und Bewegungen, die zu der Melodie "Happy Birthday to you" getanzt werden sollen. Bauchwellen, Hüftkreisen und -pendeln unterhalb der Taille, Beckenkreis, Twist, Shimmy, Kamel, die stehende und liegende Acht schlägt sie vor.

Stickereien und klingende Münzen gehören zum Kostüm der Bauchtänzerin.

Die Tänzerinnen bringen ihre Ideen ein, man übt, immer und immer wieder, bis die Choreographie sitzt. Der Busen wippt, die Hüften kreisen, das Becken kippt, die Arme bewegen sich wie Schlangen, die Füße tanzen im Rhythmus der Musik. Alle sind konzentriert, voll bei der Sache. "Das Typische am Bauchtanz sind die isolierten Bewegungen", erklärt die Trainerin, "Becken, Brust und Hüften agieren getrennt voneinander" - nüchterne Beschreibung eines Kults, der zu allen Zeiten zum Orient gehörte.

"Heute ist der Bauchtanz etwas in Verruf geraten", bedauert Monika, "wird wie so vieles in die Nähe von islamistischem Terror gestellt". Und für Ursula ist eines wichtig: "Natürlich ist Bauchtanz ein erotischer Tanz. Aber da ist nichts Anrüchiges dabei, sondern richtige Arbeit." Nach den Bewegungen des Körpers können Stilrichtungen unterschieden werden. So wird beim typischen ägyptischen Solotanz die Bewegung aus der Körpermitte geholt, bei einer westlicheren Ausrichtung dagegen mehr aus den Beinen. Vor allem beim Shimmy, dem rhythmischen Zittern der Hüften, ist große Körperbeherrschung gefragt.

Geselligkeit nach dem Training: Silvia (Zweite von links) hat Geburtstag. Mit ihr feiern Angelika (links) und (von rechts) Ursula, Hanni und Elli.

Tanz verbindet

Auch nach 90 Minuten intensiver körperlicher Arbeit wirken die "Oriental Ladies" keineswegs geschafft. Schnell werden kleine Tische zusammengestellt, Häppchen und Erdbeerkuchen gebracht, alkoholfreier Sekt ausgeschenkt: Silvia ist 49 geworden, lädt zur kleinen Geburtstagsfeier ein. "Der Tanz verbindet uns", sagt sie. Darauf stoßen sie an, die Jüngeren, die mit den schon grauen Haaren und auch die, die nicht mehr ganz so schlank sind. Der Tanz ist es, der zählt, nicht das Alter und die Figur. "Er verbindet uns", sagt Bea und ihre "Ladies" stimmen ihr zu.

Bürgermeister Michael Göth inmitten der Bauchtänzerinnen nach einem Auftritt in der Stadtbücherei in Sulzbach-Rosenberg.
Info:

Hintergrund

Zur Legendenbildung um den Bauchtanz tragen folgende, gern erzählte Geschichten bei:

...dass Salome die erste orientalische Schleiertänzerin der Bibel war,

...dass die Königin von Saba vor König Salomon einen Bauchtanz aufführte,

...dass Kleopatra Julius Cäsar mit einem orientalischen Bauchtanz verführt hat,

...dass Bauchtanz im Harem erfunden wurde.

Nichts davon ist allerdings durch antike Quellen belegbar. (Quelle: Wikipedia)

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