12.10.2020 - 17:29 Uhr
PragOberpfalz

In Prag droht schon der nächste Lockdown

Weil die Corona-Zahlen in Tschechien nicht sinken wollen, denkt die Regierung laut über schärfere Maßnahmen nach.

Es ist ruhiger als sonst auf der Karlsbrücke. Corona legt Prag zunehmend lahm
von Autor SHJProfil

Der Montag in meinem kleinen Prager Zeitungsladen begann lautstark. Ein Kunde herrschte die Kassiererin an, ihre Mund-Nasenmaske gefälligst nicht unter dem Kinn hängen zu lassen. Die junge Frau lehnte das schroff ab, schließlich sei sie von den Kunden durch eine Glasscheibe getrennt. Als der aufgebrachte Mittsechziger drohte, die Polizei zu rufen, bequemte sich die Verkäuferin, der Forderung nachzukommen. Kaum hatte der Mann den Laden verlassen, rutschte die Maske wieder unters Kinn.

Es sind solche Szenen oder weit schlimmere, die die Regierenden in Prag zur Verzweiflung treiben. Ihre ständigen Ermahnungen und flehentlichen Bitten, die Maßnahmen gegen Corona unbedingt einzuhalten, verhallen. Eine Morgenzeitung beschrieb, wie die Gäste von Kneipen nach Beginn der Sperrstunde um 20 Uhr noch ewig vor den Türen stünden und sich mit Alkohol aus mitgebrachten Flaschen zudröhnten. "Wie eine Prozession von Narren, getreu dem Motto: Nach uns die Sintflut. Ja, die Sintflut wird kommen, wenn wir keinen Damm bauen", hieß es in dem Blatt.

Norditalien als Warnung

Die Kapazitäten der Kliniken an Betten, Beatmungsgeräten, an Ärzten und Schwestern seien begrenzt. "Überschreitet die Zahl der Patienten diese Grenzen, dann steht man vor der Entscheidung, Menschen hilflos sterben zu lassen. So wie im Frühjahr in Norditalien."

Die politisch Verantwortlichen sehen sich zunehmend vor die Alternative gestellt: Schluss mit lustig - oder Lockdown. Auch am Wochenende stiegen die Infiziertenzahlen exorbitant. Am Samstag waren 4636 und am Sonntag 3104 Menschen positiv getestet worden. Und das, wo am Wochenende viel weniger getestet wird. So berät denn am Montag die Regierung über weitere Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie - obwohl an eben diesem Tag schon neue Verschärfungen in Kraft traten. Für 14 Tage ist das kulturelle und sportliche Leben seit heute praktisch eingefroren. In den Schulen geht man wieder zum geteilten Unterricht über - eine Klassenhälfte ist im normalen Unterricht, die andere Hälfte wird per Internet angeleitet. Womöglich werde diese Form auch auf die Unterstufe ausgeweitet, hieß es vor der Regierungssitzung am Montag.

So wenig Kontakt wie möglich

Das Problem: Gerade die Jüngsten müssten zu Hause betreut werden, Eltern fehlten bei der Arbeit, auch im Gesundheitswesen. Geschäfte sollen dem Vernehmen nach geöffnet bleiben, Gaststätten zumindest tagsüber. Ansonsten sollten die Leute angehalten werden, nur zur Arbeit und nach Hause zu fahren. So wenig Kontakt wie möglich steht über allen Maßnahmen.

Regierungschef Andrej Babis will die Entscheidung über die neuen Maßnahmen den medizinischen Fachleuten überlassen. Das ist nicht unumstritten. Babis ducke sich weg, wirft man ihm vor. Anders als bei der ersten Welle. Dass Tschechien die sehr gut überstanden hatte, hatte der Premier seinerzeit als "Erfolg seiner Regierung" bezeichnet, nicht als Erfolg der Epidemiologen, die er jetzt in die Verantwortung nehme.

Eine Grenze für das weitere Anziehen der Daumenschrauben gibt es dennoch: ein neuerlicher Lockdown, ein Herunterfahren des kompletten Lebens, soll unbedingt verhindert werden. Babis will das ebenso vermeiden wie Präsident Milos Zeman.

Der sprach in einem Interview m Wochenende zwar davon, dass das Land in einem "Krieg" gegen Corona stehe, der "drakonische - oder wenn man so will - militärische Maßnahmen" erfordere. Einen Lockdown aber lehnte er gleichzeitig ab. "Den kann sich das Land nicht leisten." Zeman unterstützte die Auffassung von Gesundheitsminister Roman Prymula, wonach die Menschen am besten ihre Wohnung nur wegen des Wegs zur Arbeit verlassen sollten.

Geldstrafen

Ehe die Regierung ihre neuen Maßnahmen, die ab Mittwoch gelten sollen, veröffentlicht, will sie die auch mit dem Nationalen Sicherheitsrat, Arbeitgebern und Gewerkschaften sowie der Opposition abstimmen. Denkbar ist, dass Geldstrafen für Verstöße beschlossen werden. Zeman sprach sich für eine konsequente Ahndung aus, wenn jemand keine Maske trägt.

Er brachte eine Geldbuße bis zu umgerechnet 111 Euro ins Gespräch. Derlei würde wohl auch die Kassiererin in meinem Prager Zeitungsladen von der Notwendigkeit "überzeugen", den Mund-Nasenschutz ordentlich zu tragen.

Schon Anfang Oktober gab es in Prag eine Regelverschärfung

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