Von Frankreich ins Exil nach Premenreuth

Ab 1789 gingen 150 000 Franzosen ins Exil. Die Auswirkungen waren bis in die Oberpfalz spürbar. Unter den Flüchtlingen war ein junger Theologiestudent, der schließlich Pfarrer von Premenreuth wurde.

von Externer BeitragProfil

Sie gilt als Auslöser der ersten politischen Emigrationsbewegung der Neuzeit: die Französische Revolution von 1789. Ein Viertel des gesamten französischen Klerus verließ das Land. In Regensburg kamen die ersten Ende 1792 an, wobei die Krise mit täglich bis zu 30 Flüchtlingen ihren Höhepunkt ab dem Spätsommer 1794 bis in den Herbst erreichte. Schließlich waren im Bistum rund 250 Geistliche aus 42 französischen Diözesen, darunter Theologieprofessoren und Domherren aus Reims, sowie die Generalvikare von sechs Diözesen und der Bischof von St. Dié. Nachdem sie sich über ihre katholische Rechtgläubigkeit genügend ausgewiesen hatten, sind sie im Schlafsaal des bischöflichen Seminars und in einem Museum bis zu 14 Tage untergebracht worden, wobei sie sich im Anschluss selbst eine Unterkunft suchen mussten. So kam der 25-jährige Theologiestudent Jean-Baptiste-Joseph Desreumaux aus dem nordfranzösischen Lille Mitte 1796 beim Pfarrer und Dekan von Beidl unter, den er seinen deutschen Vater nannte. Er war nach Auflösung der Universitäten Douai (1791) und Löwen (1794) über Köln, Düsseldorf, Naumburg und Eger in die Oberpfalz gekommen. Neben der Priesterweihe im Juni 1797 in Regensburg erhielt er erst als Dritter von Kurbayern das Heimatrecht verliehen.

Eifersucht und Integration

Wegen des Priestermangels sind die Franzosen von der Diözese gern aufgenommen und vornehmlich aufs Land zu bereits älteren oder gesundheitlich angeschlagenen Pfarrern meist als Hilfspriester ohne Planstelle geschickt worden. Sie standen deshalb in einem erheblichen Abhängigkeitsverhältnis zum jeweiligen Pfarrer, von dem manche auch persönlich entlohnt wurden. So gab es Neid, Missgunst und Anfeindungen durch einige deutsche Pfarrer, die ihre ausländischen Hilfspriester oft gezielt ausnutzten. Auch Desreumaux hatte zum Premenreuther Pfarrer nicht das gleiche gute Verhältnis wie zu seinem Wohltäter in Beidl. In der Bevölkerung waren die um Integration bemühten eifrigen Franzosen sehr beliebt, nicht nur, weil es nun mehr Heilige Messen gab, sondern weil auch bekannt war, unter welch prekären Bedingungen sie ihr Dasein fristen mussten. Gegen Ende der 1790er Jahre, spätestens 1801 durch Napoleons Konkordat mit dem Heiligen Stuhl, waren die meisten Exilfranzosen in ihr Heimatland zurückgekehrt. Das hatte im Bistum erneut einen Priestermangel zur Folge. Einer der wenigen, die blieben, war Desreumaux, der 1813 als Letzter nach Frankreich zurückkehren sollte, nach fast achtzehn Jahren in Bayern. Doch zunächst wurde er Mitte 1799 als Hilfspriester in die Pfarrei Neukirchen bei Schwandorf geschickt, bevor er in gleicher Funktion im Februar 1800 zu Pfarrer Tremel in die Pfarrkuratie Premenreuth kam.

Bau der Pfarrkirche

Durch die vom Autor vor einigen Jahren in Frankreich entdeckte Autobiografie Desreumaux’ kann zudem der Bau der Premenreuther Pfarrkirche Maria Hilf genau datiert und beschrieben werden. Dadurch erweisen sich die Daten in der offiziellen Denkmalliste, in kunsthistorischen Standardwerken (Denkmäler in Bayern 2000, „Dehio“ 2008) sowie in Wikipedia als überholt, die als Bauzeit 1799/1800 angeben. Das und Desreumaux‘ Leben schildert der Autor 2017 im 29. Band von „Heimat – Landkreis Tirschenreuth“ ausführlich. Der noch nicht 30-jährige Franzose hatte demnach die Bauleitung des Kirchenneubaus inne, der nach seinen Aufzeichnungen von März 1800 bis zum Jahresende 1801 dauerte. Anfang 1801 wurde Pfarrer Tremel vom Kurfürsten nach Erbendorf befördert und Desreumaux als Pfarrkurat von Premenreuth bestellt.

Zwei Franzosen in Premenreuth

Neben ihm wirkte hier noch ein weiterer Franzose als sein Stellvertreter und Primissarius (Frühmesser), sein 26 Jahre älterer Verwandter, Philippe-Joseph Dupas, ein Ordensmann von der Benediktinerabtei Honnecourt. Kaum war die Premenreuther Kirche fertiggestellt, reiste Desreumaux im Frühjahr 1802 mit bischöflicher Erlaubnis nach Lille, da sein Vater im März verstorben war. Nach über sieben Wochen kehrte er mit einer seiner älteren Schwestern, die ihn unbedingt begleiten wollte, zurück: „Meine Pfarrkinder hatten für meine glückliche Rückkehr gebetet; sie schossen sogar Büchsen und kleine Kanonen ab, als ich nach meiner Ankunft die Messe feierte.“

Verleumdung beim Bischof

Während seiner Reise nach Frankreich intrigierte Johann Bonaventura Tremel, der Pfarrer von Erbendorf, sein Vorgänger in Premenreuth, beim Bischof: Desreumaux hätte sich über Gebühr mit den hiesigen Protestanten eingelassen; er habe damit die Ehre des katholischen Klerus gekränkt. In einem ausführlichen Schreiben an den Bischof vom Juni 1802 verteidigte sich der junge Franzose gegen die Anschuldigungen und zeigte, dass sein Ankläger von eigenen schweren Problemen ablenken wolle; in Reuth-Premenreuth lebe nur eine Handvoll Protestanten, darunter die Herren von Reuth; Tremel sei sein einziger ihm bekannter Feind und ein gefährlicher Mann; der Bischof solle diesem künftige Verfolgungen und Nachstellungen auf seine Ehre untersagen.

Die Desreumaux’sche Stiftung

In den folgenden Jahren erwarb Desreumaux in Bernstein zwei Bauernhöfe, die er verpachtete. Über elf Jahre nach seiner Rückkehr nach Frankreich vermachte er diese der Premenreuther Kirche. Die Häuser und der dazugehörige Besitz aus Wald, Weiden, Wiesen und Ackerland zählte 37,5 Hektar. Der König von Bayern befreite die Schenkung von allen Steuern und Abgaben. Vom Verkauf und den Zinsen zehrte die Pfarrkuratie ein gutes Jahrhundert lang. Um seine, so Desreumaux, „Dankbarkeit gegenüber all diesen ehrlichen Menschen zu zeigen. Ich entschloss mich umso leichter zu dieser Schenkung, da alle Pfarreimitglieder, der Grundherr und die Menschen aus der ganzen Umgebung die emigrierten französischen Priester sehr gut aufgenommen hatten und obwohl sie nicht reich waren, sie wohl ernährt und gekleidet hatten. Jeden Tag bin ich noch glücklich darüber, diese Schenkung gemacht zu haben.“

Karriere in Frankreich

Anfang Oktober 1813 verabschiedeten sich Desreumaux, seine Schwester und Dupas aus Premenreuth. An Allerheiligen kamen sie in ihrer alten Heimat an. Dupas wurde gleich Pfarrer in seinem Geburtsort Fressies bis zu seinem Tod 1823. Desreumaux ist vom Bischof von Cambrai noch im November 1813 zum Pfarrer von Roeulx ernannt worden, dazu zum Verweser der Pfarreien von Lourches und Mastaing. Fünf Jahre später wird er Dekan der kleinen Stadt Templeuve, wobei er diese durch die Revolution verhärtete Pfarrei durch einen lebendigen Glauben, eine große Sanftmut seines Charakters und eine zarte Frömmigkeit wieder aufbaute, wie der Autor kürzlich vom Archivar der Diözese Lille, Frédéric Vienne, erfuhr. Der neue Bischof und der Generalvikar drängten ihn 1843 zur Aufgabe seines Postens in Templeuve und ernannten ihn zum Ehrenkanoniker an der Kathedrale von Cambrai, wo er am 25. März 1850, am Tag vor seinem 79. Geburtstag, starb. Der junge Franzose war um 1800 für die noch junge und arme Premenreuther Kirche ein Glücksfall, der er schließlich eine nicht selbstverständliche Dankbarkeit erwies.

Die Ebnather Kirche gibt es seit knapp 300 Jahren

Ebnath

„Meine Pfarrkinder hatten für meine glückliche Rückkehr gebetet; sie schossen sogar Büchsen und kleine Kanonen ab, als ich nach meiner Ankunft die Messe feierte.“

Jean-Baptiste-Joseph Desreumaux

 

 

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