21.10.2020 - 09:57 Uhr
PressathOberpfalz

Musiker in der Coronakrise: Ein Job im Lockdown

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Es ist eine Situation, in die niemand geraten will: Der Job ist weg, das Geld wird knapper. Das passiert gerade Musikern wie Brigitte Traeger und Markus Engelstaedter. Durch Corona sind sie arbeitslos. Eine Zeit zwischen Ärger und Angst.

Die Konzerttouren sind abgesagt, die Bühnen dieser Welt leer. Hauptberufliche Musiker und Sänger wie Markus Engelstaedter und Brigitte Traeger haben derzeit kaum noch Aufträge.
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

"Abwarten und Tee trinken" – so beschreibt Brigitte Traeger die Hilflosigkeit, die sich in ihr mittlerweile breitgemacht hat. "Ich fühle mich sehr im Stich gelassen", sagt die 47-jährige Sängerin, die aus Georgenberg stammt und mittlerweile in Speichersdorf lebt. Als Soloselbstständige steht sie momentan vor einem Corona-Abgrund. Auftritte musste sie fast alle aus ihrem Terminkalender streichen. Keine Auftritte bedeutet aber auch: keine Einnahmen. "Man lebt vom Ersparten", sagt sie. "Ich bin aber in der glücklichen Situation, dass ich verheiratet bin und mein Mann mich mit versorgt." Wäre das nicht der Fall, würde sie nun schwarz sehen, sagt Traeger. Denn auf finanzielle Hilfe vom Staat hoffe sie – bis auf ein Mal 3000 Euro Künstlersoforthilfe – bislang vergeblich. "Im Prinzip leben wir vom Ersparten, während andere Kurzarbeitergeld kriegen", regt sie sich auf und spricht so vielen ihrer Kollegen aus der Seele. Noch mehr ärgert sie sich aber über eine Aussage von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, der mal gesagt habe, dass man nicht jeden unterstützen könne. "Es ist ein Schlag ins Gesicht. Es stehen da ja auch Familien und Existenzen dahinter. Ich fühle mich als Künstler nicht akzeptiert, ich fühle mich als Mensch zweiter Klasse", geht sie mit den Politikern hart ins Gericht.

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Rosenkranz per Live-Stream

Dass sich die Situation für die Konzert-Branche bald wieder ändern werde, sieht die Sängerin nicht kommen. Deshalb versucht sie nun, neue Wege zu gehen. Zusammen mit ihrem Mann bietet sie Live-Stream-Rosenkränze per Youtube an, übt sich im Schneiden von Videos, fotografiert selbst und beschäftigt sich mit dem Gestalten von Websites. "Ich will meine Zeit zu Hause sinnvoll nutzen. Es ist nicht so, dass ich daheim sitze, Däumchen drehe und warte, bis ein Auftrag rein kommt", erzählt sie. Traeger spielt bereits auch mit dem Gedanken, den Job als Sängerin hintanzustellen und sich nach etwas Neuem umzusehen. "Man muss schauen, wie die Situation weitergeht, aber ich bin mir nicht zu schade, auch einen anderen Job zu machen", sagt die gelernte Bauzeichnerin. In solchen Zeiten müsse die Leidenschaft eben auch mal zurückstecken. Trotzdem will Traeger das Singen noch nicht ganz aufgeben, dafür liebt sie es zu sehr. "Ich hab jetzt trotzdem mal eine Heilige Messe gestaltet, bei der man nichts verdient hat. So kommt man nicht ganz aus dem Rhythmus", sagt sie. "Und man hat einen Grund, morgens aufzustehen."

Musikalisch wenig zu tun hat derzeit auch ihr Künstler-Kollege Markus Engelstaedter. Ungewöhnlich leer ist auch sein Auftragsbuch, denn viele Termine musste er wieder streichen. Der hauptberufliche Musiker, der aus Pressath stammt, lange in Regensburg lebte und nun in die alte Heimat zurückgekehrt ist, hätte heuer "sein bestes Jahr" erlebt, wie der 43-Jährige mit ein bisschen Wehmut in der Stimme sagt. 120 Auftritte – so viele wie noch nie – wären es 2020 gewesen. "Das wäre echt genial gewesen." Doch in diesem Jahr soll das nicht sein. Engelstaedter hat wie Traeger durch die Corona-Maßnahmen der Regierung eine Zwangspause auferlegt bekommen. Von heute auf morgen wird er arbeitslos, darf keine Konzerte mehr geben, bekommt keine Gage mehr. "Ich versuche das Beste daraus zu machen, auch wenn es schwierig ist. Aber wenn man die Auftragslage anschaut, ist es ein totales Disaster", gibt er zu. Seit Februar circa leben er, seine Frau und die zwei Kinder von Rücklagen. Das Geld war eigentlich für die Altersvorsorge gedacht. Doch auch das reiche nicht ewig. Den Kopf in den Sand stecken und sich einen neuen Job suchen will er aber nicht. "Es gibt immer Möglichkeiten, einen Job auch anders zu tätigen. Ich habe eine Geschäftsidee, die ich aber noch nicht verraten will", erzählt er. "Ich könnte auch daheim sitzen und weinen, aber das bringt nichts. Jammern ist nicht mein Ding."

Privates Projekt als Halt

Engelstadter ärgert sich wie Traeger vor allem über den Umgang mit der Veranstaltungsbranche. "Ich finde die Maßnahmen absolut richtig, aber ich habe ein Problem, was mit unserer Branche passiert. Sie stirbt, und der Staat sieht zu. Ich zahle ja auch meine Steuern", betont der Musiker, der sich überwiegend im Bereich Rock und Pop zu Hause sieht. Dass weitere finanzielle Unterstützung noch immer aus bleibe, sei ein schwaches Zeichen des Kulturstaats Bayern. Der 43-Jährige gibt zu, dass es auch schon eine Phase gegeben habe, in der er nicht wusste, wie es weitergehen soll. "Da war ich schon am Boden." Doch er habe sich wieder aufraffen können, während andere Kollegen bereits mit psychischen Problemen zu kämpfen hätten. Halt hat ihm in dieser Zeit auch ein privates Projekt gegeben. In der Umgebung von Pressath hat der Künstler, der in guten Zeiten Konzerthallen mit bis zu 7000 Besucher füllt, ein eigenes Haus gebaut. Dabei kam ihm die viele Freizeit auch ein bisschen zugute. "Ich habe mich ausgeklinkt und mein Haus gebaut", sagt der gelernte Schreiner. Dort befindet sich auch ein Studio, das zwar noch nicht ganz fertig ist, aber ein Symbol dafür ist, dass es weitergeht. "Wenn es fertig ist, werde ich auch wieder kreativ sein und vielleicht ein Album aufnehmen", gibt sich Engelstaedter kämpferisch.

Besuch bei Brigitte Traeger in Speichersdorf

Speichersdorf
Brigitte Traeger.
Markus Engelstaedter.
Hintergrund:

Zu den Personen

  • Name: Brigitte Traeger (47 Jahre alt)
  • Musik: Die Speichersdorferin arbeitet seit 21 Jahren hauptberuflich als Sängerin und widmet sich besonders der geistlichen und volkstümlichen Musik. Mit "Santa Christina" fährt sie einen ihrer größten Erfolge ein und macht 1995 den ersten Platz in der "Schlagerparade der Volksmusik".
  • Name: Markus Engelstaedter (43 Jahre alt)
  • Musik: Der Pressather ist mittlerweile weltweit auf Tournee unterwegs, beispielsweise mit „The magic of queen“. Er fühlt sich besonders im Bereich Rock und Pop zu Hause und arbeitete schon mit Bands wie "Manfred Mann`s Earth Band" zusammen.

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