13.10.2020 - 17:26 Uhr
RegensburgOberpfalz

Wenn in der Apotheke plötzlich unverschuldet 300 000 Euro fehlen

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Dienstleister rechnen für die Apotheken mit den Krankenkassen ab. Die Insolvenz eines Abrechnungszentrums trifft jetzt jede zehnte Apotheke in Bayern. Manche sind in ihrer Existenz bedroht. Eine Apothekerin erzählt.

Wie geht es mit der Apotheke weiter? Für einige, die von der Insolvenz des privaten Apotheken-Abrechungszentrums AvP betroffen sind, ist diese Frage offen.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Die Apothekerin aus der Oberpfalz spricht von einem Schlag ins Gesicht, von schrecklichen Magenkrämpfen, die sie über Wochen belasteten. Aus heiterem Himmel sieht sie die Zukunft ihrer Apotheken und ihre Existenz gefährdet, ohne selbst einen Fehler gemacht zu haben. Weil die AvP Deutschland GmbH in Düsseldorf Insolvenz angemeldet hat, fehlen in der Kasse der Apotheken der 37-Jährigen rund 300 000 Euro. Geld, das sie braucht, um die Medikamente zu bezahlen, die sie an Kunden ausgegeben hat.

300 Apotheken in Bayern betroffen

Die Apothekerin ist eine von 300 in Bayern, die von der AvP-Insolvenz getroffen wurden. Im Freistaat war jede zehnte Apotheke Kunde bei AvP, bundesweit war es jede Fünfte. In manchen Regionen im Norden wächst zeitweilig die Sorge, dass die Arzneiversorgung wankt. In Bayern besteht diese Gefahr nicht, macht der stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Apotheker-Verbandes, der Regensburger Josef Kammermeier, deutlich. Zum Teil hätten Banken mit Überbrückungskrediten Betroffene unterstützt, zudem hätte die standeseigene Abrechnungsstelle geholfen. Gleichwohl sei der Zahlungsausfall für manche existenzgefährdend.

Davon berichtet auch die 37-Jährige, die ihre Apotheke vor sechs Jahren neu gegründet hat. Vor gut zweieinhalb Jahren hat sie dann in einem weiteren Ort eine zweite Apotheke übernommen - insgesamt Investitionen von einen siebenstelligen Betrag. Und jetzt ein weiterer Kredit, um den Ausfall der 300 000 Euro zu schultern.

Thema im Bundestag

Wie alles ausgehen wird, ist ihr noch nicht klar. Obwohl sie die erste Gefahr gebannt hat. Sie muss sparen. Kosten senken. An Gewinn ist dieses Jahr ohnehin nicht zu denken. Ob die Apothekerin je etwas von den rund 300 000 Euro, die ihr die AvP schuldet, sieht, und wenn, wie viel, weiß sie nicht. Zunächst hat sie nur zusätzliche Kosten, Zinsen für den zusätzlichen Kredit der Bank und für den Rechtsanwalt, den sie braucht um im Insolvenzverfahren ihre Ansprüche geltend zu machen. Apotheker reichen ihre Rezepte bei Abrechnungszentren ein, die dies mit der Krankenkasse abrechnen. Im Idealfall geht die Überweisung an dem Tag ein, an dem der Betrag an den Großhändler überwiesen werden muss, sagt die 37-Jährige. Doch die Gewissheit ist weg. Nicht nur bei ihr. Sie nennt das Beispiel eines teuren Medikaments von 15 000 Euro. Da müsse ein Apotheker den Händler oft binnen zehn Tagen bezahlen, das Geld von der Kasse komme aber erst nach Wochen. Ein Apotheker erhalte laut Gebührenordnung dafür 300 bis 400 Euro, macht die Apothekerin klar. Das stehe in keinem Verhältnis zum Risiko, wenn das Geld des Abrechnungszentrums ausbleibe.

Das Thema AvP-Insolvenz hat die Politik erreicht. Die bayerischen Apotheker haben an Ministerpräsident Markus Söder geschrieben. Apothekenvertreter sprachen in Berlin vor. Der Gesundheitsausschuss des Bundestages befasste sich mit den Folgen der AvP-Pleite. Es wurde der vorläufige Insolvenzverwalter Jan-Philipp Hoos gehört.

Hintergrund:

Auswirkungen der Insolvenz von AVP Deutschland GmbH

Wie viele Apotheken trifft es?

Bundesweit sind rund 3600 Apotheken Kunden des insolventen privaten Apotheken-Abrechnungszentrum AvP gewesen. Das sind gut 20 Prozent aller deutschen Apotheken. In Bayern trifft es rund 300, also 10 Prozent der 3000 Apotheken.

Wozu Abrechnungszentren?

Abrechnungszentren wickeln das Zahlungsgeschäft der Apotheken mit den Krankenkassen ab. Apotheken reichen die Rezepte bei der Abrechnungsstelle ein, diese sammelt sie und rechnen diese mit der jeweiligen Kasse ab. Anschließend erstattet sie den Apotheken den Betrag.

Wer zahlt den Lieferanten?

Die Rechnung für das ausgegebene Medikament muss die Apotheke dem jeweiligen Großhändler oder Hersteller zahlen. Kommt das Geld von der Abrechnungsstelle nicht rechtzeitig, muss der Apotheker den Betrag zwischenfinanzieren. Dabei kann es um Beträge von mehreren Tausend Euro gehen.

Was ist passiert?

Die Apotheken haben das Geld für die Rezepte, die sie bei AvP eingereicht haben, bisher nicht bekommen. Gleichzeitig mussten sie die ausgegeben Medikamente bezahlen. In der Kasse fehlt also Geld.

Wie hoch ist der Schaden?

Für die einzelnen Apotheken bewegen sich die drohenden Verluste im fünf- bis sechsstelligen Bereich, zum Teil gehen die Beträge auch in die Millionenhöhe. Manche Apotheken sehen sich deshalb in ihrer Existenz bedroht.

Alter Begriff verwirrt

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