23.07.2019 - 21:02 Uhr
RegensburgOberpfalz

Der Bischof im Kuhstall: Ein Segen für die Oberpfälzer Landwirtschaft

Nach einem kritischen Treffen des Bayerischen Bauernverbands in Regensburg kommt Rudolf Voderholzer zum Gegenbesuch in den Kreis Schwandorf. Dort zeigt er sich volksnah - und legt ein Bekenntnis ab.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer in einem Kuhstall im Kreis Schwandorf.
von Julian Trager Kontakt Profil

Der Bischof hält einen Meter Abstand, streichelt kurz über den Kopf einer Kuh, dann zieht er seine Hand wieder zum Körper. Bei den Kühen ist Rudolf Voderholzer ein bisschen schüchtern, ansonsten zeigt er sich aber sehr volksnah bei seinem Besuch im Milchviehbetrieb der Familie Wendl in Kemnath bei Fuhrn.

Der Grund für das geistliche Gastspiel in dem 120-Seelen-Ort im Kreis Schwandorf: Oberpfälzer Vertreter des Bayerischen Bauernverbands (BBV) trafen sich vor Monaten mit dem Bischof in Regensburg, es ging um das Volksbegehren Artenvielfalt. Den Bauern gefiel es nicht, das sich einige Kirchenvertreter öffentlich auf die Seite der Unterstützer stellten. Bischof Voderholzer bekannte sich damals zur Landwirtschaft, sagt der Oberpfälzer BBV-Bezirkspräsident Josef Wutz in Kemnath bei Fuhrn. Das will der Bischof nun beweisen. "Die Bauern können sich auf uns verlassen", sagt Voderholzer. "Die Sorgen der Bauern sind berechtigt. Man kann nicht vom grünen Tisch weg Gesetze beschließen, die Existenzen bedrohen." Ob er das Volksbegehren unterschrieben hat oder nicht, wollte der Bischof aber nicht verraten.

Vor dem Stallbesuch geht es erstmal in die Kirche. Die liegt direkt neben dem Wendl-Hof, und sie scheint dem Bischof zu gefallen. Deutlich länger als es der Zeitplan vorsieht, bleibt Voderholzer in der Kirche. Segnet Kinder, singt Lieder und betet. Zurück auf dem Hof schaut er sich den alten Kuhstall an und ist so begeistert, dass er auch den neuen Stall sehen will. Der steht allerdings etwas außerhalb des Ortes, auf einer Anhöhe. Macht nichts. Angeführt vom Bischof wandern die Landwirte und Journalisten den Berg hinauf. Erinnert an eine Wallfahrt.

Im neuen Stall sieht sich Voderholzer auch den Melkroboter an - dafür maschiert er mitten durch den Stall, die Schuhe glänzen nun nicht mehr. Das Engagement honorieren dann sogar die Kühe. Als der Bischof das neue Gebäude segnet, wird es plötzlich still im Stall. Keine Kuh muht mehr, wie es die Tiere noch die Minuten davor lautstark getan haben. Nur eine stört kurz das Vaterunser.

Bischof Voderholzer betont beim anschließenden Kaffeetrinken auf dem Hof: "Sie werden von mir nie ein kritisches Wort über die Landwirtschaft hören." Ihm verbinde viel mit der Landwirtschaft, sagt Voderholzer, seine Eltern stammten beide aus einem Bauernhof. "Ich bin heute nicht zum ersten Mal auf einem Hof. Ich kenne die Probleme." Es sei nicht gut, die "Bauern zum Buhmann abzustempeln". Die Landwirte seien ja auch für Artenvielfalt, sagt der Bischof. "Ich kenne keinen Bauern, der Natur und Schöpfung mit Füßen tritt." Allerdings müssten die Bauern halt auch leben, es gehe auch um wirtschaftliche Interessen. Und solange die Bevölkerung nicht mehr Geld für Bio-Produkte ausgeben möchte, werde sich wenig ändern, sagt Voderholzer, der mit einem E-Auto nach Kemnath gefahren worden ist.

Viel weniger Azubis :

Josef Wutz, Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands, schlägt Alarm. "Wir haben in diesem Jahr einen gravierenden Einbruch der Ausbildungszahlen." Heuer würden sich viel weniger junge Menschen für eine Ausbildung in der Landwirtschaft entscheiden. Für Wutz eine Folge des Volksbegehrens, der ganzen Diskussion, in der vor allem die Bauern schlecht weggekommen wären. Er spüre eine große Verunsicherung in vielen Familien, "fast eine Resignation". Die Leute würden nicht mehr wissen, ob die traditionelle Landwirtschaft eine Zukunft hat. "Mit den Auflagen und Einschränkungen trifft man genau den kleinen und mittleren Betrieb, den man doch eigentlich haben will."

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A. Schmigoner

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer knickt vor der Agrarlobby ein und leistet Abbitte bei der Familie Wendl in Kemnath bei Fuhrn: "Die Sorgen der Bauern sind berechtigt. Man kann nicht vom grünen Tisch weg Gesetze beschließen, die Existenzen bedrohen."
Sind durch das vom bayerischen Landtag beschlossene Gesetz tatsächlich Existenzen bedroht? 167 Abgeordnete stimmten mit Ja, 25 mit Nein, 5 enthielten sich. Der BBV war im Vorfeld der Gesetzgebung beteiligt und bewertet das Gesetz in einer Stellungnahme so: So ist es in der konstruktiven Diskussion mit allen Beteiligten gelungen, für wesentliche Härten des Volksbegehrens Artenvielfalt praktikable, rechtssichere Lösungen zu finden.

Im Koalitionsvertrag der CSU mit den Freien Wählern argumentiert die CSU übrigens ähnlich wie das Volksbegehren:
„Die bundesweite Spitzenposition Bayerns im ökologischen Landbau wollen wir kraftvoll ausbauen. Wir wollen den Anteil an ökologisch bewirtschafteter Fläche in Bayern mittelfristig verdoppeln.“
Artensterben und Höfesterben haben eine gemeinsame Wurzel. Die Agrarpolitik der Europäischen Union stattet weiter Agrarkonzerne mit dem Gros der Prämien aus, während sich bäuerliche Familienbetriebe mit Brotkrumen begnügen müssen. Der Druck zur Intensivierung der Anbaumethoden ist unvermindert hoch. Das Preisdiktat marktbeherrschender Lebensmittelgiganten zwingt immer mehr Kleinbetriebe in die Knie - und verschärft die ökologische Krise. Die Reportage „Gekaufte Agrarpolitik – wie Industrie und Agrarlobby durchregieren“ zeigt Verbindungen auf, die die Entscheidungsträger der Agrarpolitik untereinander pflegen. „Es ist ein dichtes Geflecht aus konservativen Politikern, Agrarkonzern-Managern, Bankern und Verbandsfunktionären, das in Brüssel und Berlin maßgeblich mitbestimmt, wie Landwirte arbeiten und was bei Verbrauchern auf dem Teller landet. (…) Viele, die als Interessensvertreter ihres Berufsstandes und in Parlamenten unterwegs sind, hängen eng mit Düngemittelfirmen, Molkereien, Landtechnikherstellern oder Banken zusammen. Die Landwirtschaftspolitik in Brüssel und Berlin ist durchsetzt von Abgeordneten, die auch Lobbyisten sind.“ Wie die Süddeutsche Zeitung aus der zugrunde liegenden Studie zitiert, sei das ein wesentlicher Grund dafür, weshalb Umwelt und Natur, Tierwohl, Gewässer- und Klimaschutz bei politischen Entscheidungen häufig auf der Strecke blieben. "Ambitionierte Bemühungen" um Reformen in der Agrar- und Umweltpolitik, sowie eine bessere landwirtschaftliche Praxis würden "systematisch von Interessenvertretern verhindert oder deutlich verwässert", heißt es. Von "Hinweisen auf eine koordinierte und strategisch orientierte Einflussnahme auf Prozesse der Meinungs- und Willensbildung, sowie von politischen Entscheidungsprozessen" wird berichtet. Die Zeitung nennt beispielhaft die Verantwortungen von Bauern-Präsident Joachim Rukwied (DBV) oder CSU-Politiker Albert Deß aus Neumarkt. Gezeigt wird beispielsweise Albert Deß, wie er sich im EU-Agrarausschuss für eine unverändert hohe Förderung von Agrarkonzernen einsetzt, die 2.000 ha und mehr bewirtschaften. Der gegenseitige Austausch des Spitzenpersonals mit den konservativen Parteien und der „Seitenwechsel“ in gut bezahlte Posten der landwirtschaftsnahen Industrie ist bei Funktionären des Bauernverbandes praktisch die Regel. Die eigenen Verbandsvertreter haben die kleinen bayerischen Familienbetriebe in eine existenzgefährdende Situation gebracht und die Kreisobmänner des BBV beklagen nun lautstark dieses Dilemma.
Das sind die wahren Gründe, warum in Bayern Arten und Höfe sterben und natürlich auch, warum sich heuer viel weniger junge Menschen für eine Ausbildung in der Landwirtschaft entscheiden.
Der Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands Josef Wutz sollte sich stattdessen für eine Umverteilung der Agrarförderung einsetzen. Betrachtet man die Mittelvergabe in Europa, so erhalten sechs Prozent der größten Betriebe 69 Prozent der Hilfsgelder. Der kleine Bauer kann als Nebenerwerbsbauer gerade noch so überleben, der große Agrarökonom, eher Monokulturen anbauend, wird reich. Aus diesem Grunde wird sich die Agrarpolitik auch nicht ändern, weil Großbetriebe entsprechend mehr Dünger, Futtermittel und Agrarchemie kaufen, als der kleine bayerische Familienbetrieb. Der BDM hat bereits zutreffend festgestellt, dass die Interessenunterschiede und Kräfteverhältnisse in der Agrarpolitik zu groß sind.

26.07.2019