14.06.2020 - 16:56 Uhr
RegensburgOberpfalz

„Dann wäre es vorbei gewesen“: Coronakrise bedrohte Sea-Eye in Existenz

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Wegen der Coronakrise brachen die Spenden an die Regensburger Rettungsorganisation Sea-Eye extrem ein. Vor allem der März war „ein Desaster“, sagt der Finanzvorstands des Vereins, Günther Schmidt. Mittlerweile ist es wieder besser.

Finanzvorstand Günther Schmidt im Büro der Regensburger Rettungsorganisation Sea-Eye.
von Julian Trager Kontakt Profil

Günther Schmidt holt erst kurz Luft, dann beginnt er, über die finanziellen Auswirkungen der Coronakrise auf Sea-Eye zu sprechen. Besonders am Anfang sei es schlimm gewesen, die Spendenbereitschaft sei fast komplett eingebrochen. „Der März war ein Desaster“, sagt der Finanzvorstand der Regensburger Rettungsorganisation, der aus Ensdorf (Kreis Amberg-Sulzbach) stammt. In dem Monat seien 80 Prozent weniger Spenden als sonst angekommen. „Ein massiver Einbruch“, sagt Schmidt. Hätte das länger angedauert, wäre es für den Verein eng geworden. „Dann wäre es vorbei gewesen“, erklärt der Sea-Eye-Finanzvorstand. „Gott sei Dank hat sich das aber wieder einigermaßen erholt.“

Spender anfangs schockiert

Die Zahlen im April und Mai hätten sich halbwegs stabilisiert. Die Spender waren im März zunächst schockiert, haben die „neue Normalität, wie es so schön heißt“, aber bald angenommen, sagt Schmidt. „Die Spenden sind wieder auf einem einigermaßen normalen Level.“ Sea-Eye und seine ehrenamtlichen Mitglieder haben in der Zeit massiv Werbung auf Facebook und Instagram gemacht, Spender angeschrieben, Online-Benefizkonzerte veranstaltet. „Es kommt langsam wieder in Schwung“, sagt der gebürtige Ensdorfer über die Spendenbereitschaft.

Aber trotzdem fehlt im Vergleich zu den ersten Monaten des Vorjahres natürlich Geld in der Kasse der Seenotretter. „Etwa 20 Prozent“, schätzt der Finanzvorstand, die genauen Zahlen hat er nicht im Kopf. Im vergangenen Jahr sammelte Sea-Eye mehr als 1,5 Millionen Euro an Spenden. „Das haben wir auch gebraucht“, sagte Schmidt Ende 2019. Der Verein hat sich zuletzt stark professionalisiert. Es wurden Verwaltungskräfte, Referenten, Seemänner mit Profilizenzen eingestellt, was die Kosten steigerte.

Die Seenotretter sind derzeit nicht im Einsatz, ihr Schiff, die „Alan Kurdi“, liegt weiter im Hafen von Palermo. Italien lässt es nicht auslaufen, offiziell wegen Sicherheitsbedenken. Die deutschen Behörden widersprechen dem, sagt Sea-Eye-Sprecher Gorden Isler: Es lägen keine gravierende Sicherheitsmängel vor. Italien geht seit längerem restriktiv gegen zivile Rettungsschiffe vor. Während der Corona-Pandemie waren rund sechs Wochen lang keine Seenotretter auf dem Mittelmeer unterwegs. Erst seit ein paar Tagen ist mit der „Sea-Watch 3“ wieder ein Schiff im Einsatz.

Seenotretter attackieren Scheuer

Unterdessen hat das Bundesverkehrsministerium die Seesportbootverordnung und die Schiffssicherheitsverordnung geändert. Wie die Dresdner Organisation Mission Lifeline in einer Pressemitteilung bekannt gab, werden durch diese rechtlichen Änderungen die Rettungsschiffe von Mare Liberum, Mission Lifeline und Resqship blockiert. Yachten oder Kleinfahrzeuge, die „im Bereich des Umweltschutzes, der Seenotrettung, inklusive Beobachtungsmissionen, oder anderer humanitärer Zwecke“ eingesetzt werden, werden demnach mit derart strengen Sicherheitsanforderungen überzogen, die von den Vereinen nicht erfüllt werden können. „Ziel der neuen Verordnung ist schlicht, unsere Einsätze zu verhindern. Anscheinend sieht Andreas Scheuer lieber Menschen im Mittelmeer ertrinken, als dass sie Europa lebend erreichen“, sagt Hanno Bruchmann, Vorstandsmitglied des Hamburger Vereins Mare Liberum laut Mitteilung. Sea-Eye ist von der rechtlichen Änderung aktuell nicht betroffen.

"Eine Schande": Ein Kommentar zur Lage der zivilen Seenotrettung

Deutschland und die Welt

Mehr über den Ensdorfer Sea-Eye-Finanzvorstand

Ensdorf
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.