17.11.2021 - 13:23 Uhr
RegensburgOberpfalz

E-Book-Ausleihe: Schneller zum Bestseller

Druckfrisch lesen macht besonderen Spaß. Die "Onleihen" hinken bei diesem Angebot aber oft hinterher. Der Bibliotheksverband möchte das jetzt verbessern. Gegenwind kommt von der Initiative „Fair lesen“. Wir haben nachgehakt.

Wer seinen Lesehunger über das Online-Angebot öffentlicher Bibliotheken, die sogenannten „Onleihen“, stillt, braucht Geduld.
von Anke SchäferProfil

Bücherwürmer, die sich im Buchhandel mit den begehrten Print-Neuerscheinungen eindecken, kennen das zugrundeliegende Problem vermutlich gar nicht. Wer seinen Lesehunger jedoch über das Online-Angebot öffentlicher Bibliotheken, die sogenannten „Onleihen“, stillt, braucht Geduld. Da kann es schon mal Wochen oder gar Monate dauern bis das Schmökern im ersehnten Bestseller via Download auf den eigenen Reader starten kann.

Der Grund dafür heißt „Windowing“. Dahinter verbirgt sich ein von den Verlagen eingeführtes Prinzip, nach dem eine Neuerscheinung erst nach einer gewissen Zeit, oft bis zu einem Jahr, für die Onleihe zur Verfügung steht, erläutert Eva Donhauser von der Landesfachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen, Außenstelle Regensburg, auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien.

Um das Leihen in dieser Hinsicht auf Augenhöhe mit dem Kaufen zu bringen, hat sich der Deutsche Bibliotheksverband Anfang des Jahres mit einem Offenen Brief an den Bundestag gewandt. Im Raum steht seither die Forderung nach Gleichstellung beim Verleih von E-Books mit gedruckten Büchern, um eine eindeutige gesetzlich geregelte Grundlage für Lizenzmodelle zu schaffen, erklärt Donhauser. Im Klartext: Jeder Bestseller soll ab Erscheinungstag auch als E-Book in der Onleihe verfügbar sein.

„Schreiben ist nicht umsonst“

Der entsprechende Vorschlag des Bundesrates, die Verlage künftig genau dazu gesetzlich zu verpflichten, ist jedoch in den Mühlen der Politik stecken geblieben. Womöglich auch, weil der Protest durchaus prominent und nicht zu überhören ist.

Unter dem Motto „Schreiben ist nicht umsonst“ wehrt sich die Initiative „Fair lesen“ gegen diese Bestrebungen und listet dabei die Crème de la Crème der Literaturszene als Unterstützerinnen und -unterstützer auf.

Den versammelten Schriftstellerinnen, Schriftstellern, Übersetzerinnen, Übersetzern, Verlagen und Buchhandlungen geht es darum, dass jeder, der ein solches E-Book ausleiht, eben nicht den Kaufpreis zahlt und damit deren aller wichtige Einnahmequelle schmälert. Dadurch sei ein seit Jahrzehnten funktionierender Markt gefährdet und die literarische Freiheit in unserem Land bedroht, so der „Offene Brief“, den zum Stand 4. November nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels knapp 2.000 Menschen unterzeichnet haben.

Unter den Erstunterstützern findet sich auch Schriftsteller Ingo Schulze, der Oberpfalz-Medien gegenüber seine Beweggründe so erläutert: „Wir sitzen ja mit den Bibliotheken im selben Boot, wir gehören zusammen. Nur bei den E-Books funktioniert die Bibliothek wie jede andere Plattform im Internet, nur dass man bei ihr für einen Jahresbeitrag künftig E-Books zu Schleuderpreisen bekommen kann. Sie arbeitet dann wie ein hochsubventionierter privater Anbieter“.

Schulze betont aber auch, dass es „ausschließlich um Bestseller geht, mit denen gute Verlage andere Bücher, die sich allein "nicht rechnen" würde, finanzieren, die sogenannte Querfinanzierung. Es geht um ein paar Wochen oder Monate, in denen diese Bestseller als E-Books zurückgehalten werden“.

Der bekannte Schriftsteller hat Zahlen parat: „Die E-Books machen meines Wissens zur Zeit ca. 6 bis 7 Prozent des Umsatzes mit Büchern aus. In der Corona-Zeit gab es da verständlicher Weise einen Zuwachs. Das ist die eine Seite. Die andere: Über die Bibliotheken werden 40 Prozent, andere Erhebungen kommen auf 46 Prozent der E-Books genutzt. Ihr Anteil am Gewinn der E-Books für die Verlage und damit auch für die Autorinnen und Autoren, liegt allerdings nur bei 5 Prozent. Das heißt, schon jetzt gibt es da ein Leck, durch das wir zu Dumpingpreisen die E-Books abgeben“.

Diskussionen auf der Buchmesse

Aber auch wenn in der gerade rund um die Frankfurter Buchmesse heiß gelaufenen Diskussion mitunter der Eindruck entstand – gratis gibt es die E-Book-Lizenzen für die öffentlichen Bibliotheken nicht: Stattdessen bezahlen diese für den Einkauf von Lizenzen für E-Medien einen höheren Preis als für gedruckte Bücher, weiß Eva Donhauser. Zum größten Teil seien die Lizenzen befristet oder auf ein bestimmtes Ausleihkontingent begrenzt, d.h. sie müssen oft nachgekauft werden. „Und was ganz entscheidend ist, und bei der Diskussion oft nicht berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass ein E-Book nur von einem einzigen Benutzer ausgeliehen werden kann“, fügt sie hinzu. Der nächste Nutzer kann sich auf eine Warteliste setzen und kommt erst dann zum Zuge, wenn der vorherige Leser sein E-Book zurückgegeben hat bzw. wenn die Ausleihfrist abgelaufen ist. „Selbstverständlich kann die Bibliothek Mehrfachlizenzen einkaufen, doch die sind entsprechend teurer“, ergänzt Donhauser.

Es sei aber auch keinesfalls so, dass durch die Einführung der E-Medien die Ausleihzahlen gedruckter Medien zurückgegangen sei. Auch wenn es nach ihrer Einschätzung sicherlich den einen oder anderen Nutzer gibt, der ausschließlich E-Medien ausleiht. Der Großteil nutze jedoch beides. Darüber hinaus sei erwiesen, dass auch Bibliotheksnutzer fleißige Käufer sind, sowohl von gedruckten Büchern als auch von E-Books.

Was speziell die Onleihe-Klientel betrifft, hat Ingo Schulze ein etwas anderes Bild: „Die allermeisten, die diese virtuellen Bibliotheksangebote nutzen, sind eher wohlhabend, sie sind »smarte« Internetnutzer, die sich dieser »Lücke« bedienen. Sie wissen vielleicht nicht mal, wo sich die Bibliothek, in der sie Mitglied sind, befindet, geschweige denn, was dort an Veranstaltungen, an Begegnungen und Austausch passiert und möglich wäre“. Den vom Onleihe-Problem abgesehen grundsätzlichen Wert öffentlicher Bibliotheksangebote stellt aber auch er in keiner Weise in Frage.

Wie aber ließe sich das aufgebrochene Dilemma zur Zufriedenheit aller lösen? Ingo Schulze plädiert da für einen Kompromiss, den beide Seiten miteinander aushandeln. „Das sollte unter Menschen, für die Lesen zu einem erfüllten Leben gehört, möglich sein“. Im Übrigen hätten die Bibliotheken ja kein Interesse daran, den Autoren zu schaden.

Eva Donhauser bringt als Lösungsansatz Bibliothekstantiemen ins Spiel, wie sie bei gedruckten Bibliotheksbüchern üblich sind. Im Übrigen hätten die Autorinnen und Autoren, die Verlage und die Bibliotheken ja ein gemeinsames Interesse an einer „fairen“ Lösung und einem für alle tragbaren Vergütungsmodell. Ob und wie sich die nächste Bundesregierung dem Thema stellt, ist noch so offen wie das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen.

In Weiden werden neue Leselernhelfer gesucht

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:
  • Die Landesfachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen Regensburg betreut die öffentlichen Bibliotheken in den Regierungsbezirken Niederbayern und Oberpfalz. Die Bibliotheken haben sich zu mehreren Onleihe-Verbünden zusammengeschlossen, damit sie ihren Nutzern ein ausgewogenes Angebot an E-Medien anbieten können.
  • Aktuell gibt es die Verbünde
    Onleihe Niederbayern/Oberpfalz (6 große Bibliotheken)
    Onleihe24Ostbayern (10 mittlere bis große Bibliotheken)
    BaDiCo (18 mittlere bis große Bibliotheken)
    enio24 (15 mittlere Bibliotheken)
    E-MedienBayern (über 140 kleine Bibliotheken)
    (Quelle: Landesfachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen Regensburg)
  • Die "Initiative Fair Lesen" ist nach eigenen Angaben eine "Gemeinschaft von Autorinnen, Autoren, Urheberverbänden, Verlagen und Buchhandlungen, die sich dafür einsetzt, dass literarische Freiheit und Vielfalt in unserem Land auch in Zukunft garantiert sind" ...und sich gegen die Zwangslizenzierung und für den Erhalt von Vielfalt und Entscheidungsfreiheit ausspricht.
  • Laut Pressemitteilung zu "Fair Lesen" (Politycki&Partner) lizenzieren heute bereits rund 7.200 Verlage freiwillig eine halbe Million Titel innerhalb der digitalen Leihe für Bibliotheken
  • 2020 wurden rund 30,2 Millionen E-Books über öffentliche Bibliotheken entliehen (buchreport.express 4/2021). Erwirtschaftet wurden damit 16,1 Millionen Euro, das entspricht 6 % des gesamten E-Book-Marktes. Das ergibt einen rechnerischen Erlös von 0,53 Euro pro entliehenem Buch. (Quelle:PM Fair Lesen)
  • Laut GfK-Studie November 2019 kaufen 45 % der Onleihe-Nutzer weniger bzw. keine physischen Bücher mehr, 46 % der Onleihe-Nutzer reduzieren den Kauf von E-Books oder stellen ihn gänzlich ein.

 

 

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