03.09.2021 - 17:09 Uhr
RegensburgOberpfalz

Fischotter-Urteil sorgt für Aufregung unter Oberpfälzer Teichwirten

Das Verwaltungsgericht Regensburg hat Ausnahmegenehmigungen für das Töten von Fischottern in der Oberpfalz gekippt. Naturschützer jubeln, Teichwirte schütteln den Kopf.

Der Fischotter mag possierlich aussehen: Die Teichwirte sehen in ihm eine Bedrohung ihrer Existenz.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Das Urteil, das in der vergangenen Woche in Regensburg fiel, sorgt für Aufregung in der Oberpfälzer Teichwirtschaft. Das Verwaltungsgericht hob nach Klagen von zwei Naturschutzverbänden Ausnahmegenehmigungen auf, die die Regierung der Oberpfalz im März 2020 für das Fangen und Töten von Fischottern an Teichanlagen an den Standorten Lodermühle (Kreis Tirschenreuth), Stamsried (Kreis Cham) und Plechhammer (Kreis Schwandorf) erteilt hatte.

Vorsitzender Richter Andreas Fischer begründete das Urteil insbesondere damit, dass in die Fallen auch weibliche Fischotter und Jungtiere gelangen würden. Außerdem seien die genehmigten punktuellen Maßnahmen nicht geeignet, fischereiwirtschaftliche Schäden abzuwenden, da in kurzer Zeit ein gebietsfremder Fischotter den Platz eines entnommenen Tieres wiederbesetzen werde.

Nach der Entscheidung sieht der Landesfischereiverband Bayern die jahrhundertealte Teichwirtschaft in Gefahr. „Dieser Richterspruch stellt die traditionelle Teichwirtschaft in Bayern in Frage“, sagt Vizepräsident Alfred Stier, der in Bärnau (Kreis Tirschenreuth) einen Teichbetrieb leitet. „Die durch den Fischotter verursachten Schäden werden sich künftig nicht einfach in Luft auflösen, sondern steigen“, sagt Stier. Als Folge würden zahlreiche Teichanlagen aufgegeben, und ökologisch wertvolle Flächen gingen verloren.

Massiv auf dem Vormarsch

Hans Klupp, Teichwirt in Schönficht (Kreis Tirschenreuth), berichtet, dass der – vormals fast ausgerottete – Fischotter seit etwa zehn Jahren massiv auf dem Vormarsch sei. In der Oberpfälzer Landschaft mit Wäldern, oft wenig Verkehr und den Fischteichen als paradiesische Futterquelle finde er ideale Lebensbedingungen. Die Teichwirte stünden dem geschützten Fischotter relativ machtlos gegenüber. Das Tier komme nachts und fresse vor allem das Fleisch rund um die Kehle des Fisches – und gerne auch das Herz, erklärt Klupp, der über viele Jahre Vorsitzender der Fischerzeugerrings Oberpfalz war. Die Reste der Fische, die am Teichufer liegen bleiben, würden sich dann oft Füchse oder Wildschweine holen.

Der Teichwirt bekomme von dem Fischraub wenig mit – beim Abfischen im Herbst erlebe er dann teils, dass von 100 eingesetzten Karpfen nur noch wenige übrig sind. Über eine Million Euro machten die Fischotter-Schäden in der bayerischen Teichwirtschaft jedes Jahr aus, sagt Klupp. Es gebe zwar ein Entschädigungsprogramm der bayerischen Staatsregierung, das ersetze aber nicht die kompletten Ausfälle. Wolfs-Schäden hingegen würden zu 100 Prozent ersetzt, ärgert sich Klupp. Warum das so ist? Die emotionale Erregung in der Gesellschaft sei wohl höher, wenn tote Schafe auf der Wiese liegen als wenn angebissene Fische im Wasser treiben, meint der Teichwirt. Der Fischotter fresse aber auch Wasservögel und Frösche, betont Klupp. „Wenn man ein Tier durch den völligen Schutz hochpusht, funktioniert das System nicht mehr.“ Zäune gegen den Fischotter zu errichten, sei nicht wirtschaftlich und funktioniere höchstens bei kleinen Teichen, nicht bei größeren und waldnahen Gewässern.

Etwa 3000 Teichwirte gibt es in der Oberpfalz, die meisten arbeiten im Nebenerwerb. Konrad Bartmann, Geschäftsführer der Teichgenossenschaft Oberpfalz, berichtet, dass immer mehr Teichwirte aufgeben. Die Teichgenossenschaft habe so bereits die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Neben dem Fischotter mache auch der Kormoran und der Biber den Teichwirten zu schaffen. Er selbst habe gerade begonnen, seine Teiche abzufischen – dabei habe er einen Verlust von 30 Prozent der eingesetzten Fische festgestellt, erzählt Bartmann. Damit könnten die Kosten noch gedeckt werden – „aber eine Zukunftsperspektive gibt es nicht.“ Er arbeite seit Jahrzehnten als Teichwirt, „solche Zustände gab es noch nie.“ Ob die Ausnahmegenehmigungen der Regierung der Oberpfalz viel gebracht hätten, sei fraglich. Sie sei ein erster Schritt gewesen, habe aber die Entnahme von nur wenigen Tieren erlaubt.

Bund Naturschutz zufrieden

Die Regierung hatte die Entnahme von je zwei männlichen Fischottern pro Jahr in den Teichgebieten der Kreise Cham, Schwandorf und Tirschenreuth im März 2020 genehmigt. Die Tiere sollten mit einer Lebendfalle gefangen und anschließend getötet werden. Der Bund Naturschutz (BN) und die Aktion Fischotterschutz klagten dagegen – letztlich mit Erfolg. „Wir sind sehr froh über diese Entscheidung für den Fischotter“, sagt BN-Landesvorsitzender Richard Mergner. „Die Tötung von Fischottern ist weder rechtlich zulässig noch eine Lösung für die Teichwirte und mit dem Urteil hoffentlich endgültig vom Tisch.“ Gleichzeitig fordert Mergner eine bessere finanzielle Grundförderung für eine naturnahe Teichwirtschaft mit hohem Artenreichtum und die Einführung eines Fischotter-Bonus-Modells bei Entschädigungen.

Schützenhilfe für die Teichwirte kommt vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. „Wenn Teichwirte in Gefahr sind, dann ist auch eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft in Gefahr, in der sich wiederum eine einzigartige Biozönose entwickelt hat“, sagt Geschäftsführer Rudolf Neumaier. „Das bereitet uns Heimatpflegern Sorge.“ Dass das Gericht feststellte, dass sich bei einer Entnahme gleich der nächste Fischotter ansiedeln würde, deutet für Neumaier auf eine recht dichte Population hin. „Dann ist das Tier wohl nicht so gefährdet, dass man sich Sorgen machen müsste.“

Eine kleine Bachforelle mit einem typischen Fischotter-Biss: In Teichbetrieben findet der Fischotter eine paradiesische Futterquelle.

Ärger um Fischotter

Oberviechtach
Hintergrund:

Der Fischotter

  • Der Fischotter ist ein an das Wasserleben angepasster Marder. Er ist ein hervorragender Schwimmer und wiegt bis zu zwölf Kilogramm.
  • Der Fischotter frisst das, was er am leichtesten erbeuten kann. Ein großer Teil seines Beutespektrums sind Fische. Er jagt aber auch Enten, Bisamratten, Kaninchen, Frösche oder Flusskrebse. Im Schnitt wird er acht bis zwölf Jahre alt.
  • Der Fischotter galt in Deutschland lange als vom Aussterben bedroht. Dank Schutzmaßnahmen nehmen die Bestände seit den 1990er Jahren punktuell wieder zu, auch in der Oberpfalz.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.