09.07.2021 - 00:05 Uhr
RegensburgOberpfalz

Das Handwerk steckt voller Chancen: "Viel mehr als das Klischee vom Meister Eder"

Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, Jürgen Kilger, über die Corona-Krise, pragmatisches Handwerk und Wünsche, die er jetzt schon an das Christkind hat.

Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

ONETZ: Herr Kilger, Corona hat massiven Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen genommen. Wo hat es das Handwerk getroffen?

Jürgen Kilger: Die Pandemie hat das ostbayerische Handwerk deutlich getroffen. Viele Betriebe waren im Lockdown geschlossen oder teilgeschlossen. Je nach Branche und Geschäftsmodell aber fällt die Betroffenheit unterschiedlich aus, und das sogar innerhalb eines Gewerks: Beispielsweise hatten Schreiner, die sich auf privaten Innenausbau spezialisiert haben, weniger Probleme als Messebauer. Natürlich spürt auch das Handwerk insgesamt das schwächere Investitions- und Konsumklima, neue Aufträge fehlen oder werden weniger. Von Normalität kann also noch keine Rede sein, aber trotz der harten Monate ist das Handwerk bisher noch glimpflich durch die Krise gekommen.

ONETZ: Können wir als Gesellschaft aus der Corona-Pandemie lernen?

Jürgen Kilger: Absolut. Die Krise hat viele Baustellen offengelegt, wo wir besser werden müssen. Beim Thema Gesundheit, in der Schule, aber auch in Sachen Digitalisierung. Es mangelt uns hier nach wie vor an digitaler Infrastruktur, aber auch in den öffentlichen Verwaltungsapparaten müssen wir nachbessern. Außerdem hat die Pandemie gezeigt, dass Dinge wie Regionalität, Verantwortung, Vertrauen, Zusammenhalt, Nachhaltigkeit doch ziemlich wichtig sind und, wie ich glaube, sogar noch wichtiger werden. Für das Handwerk ist das natürlich eine positive Entwicklung, weil genau diese Werte seit jeher das Handwerks ausmachen.

ONETZ: In vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft hat Corona einen Digitalisierungsschub gebracht. Spürt man das auch im Handwerk?

Jürgen Kilger: Viele unserer Betriebe waren schon vor Corona sehr gut unterwegs, für die noch eher Analogen hat Corona sicher einen großen Schub gegeben. Auch gezwungenermaßen. Viele haben ihre Prozesse digitalisiert und Geschäftsmodelle, Produkte und Services digital-tauglich angepasst. Richtschnur war für unsere Handwerker dabei immer: Den Laden am Laufen halten, damit sie ihre Kunden weiter mit Produkten und Dienstleistungen versorgen können. Das ist übrigens typisch: Das Handwerk reagiert pragmatisch und praktisch auf gesellschaftliche Entwicklungen. Geht nicht, gibt’s da nicht.

ONETZ: Wie wird es im zweiten Halbjahr für das Handwerk weitergehen? Wagen Sie eine Prognose?

Jürgen Kilger: Prognosen sind immer schwierig, keiner hat eine Glaskugel, die das Infektionsgeschehen vorhersagt. Aber sicher bin ich mir, dass trotz allem das Handwerk die Pandemie weiterhin meistern wird. Was diese schwierige Zeit offenlegt, ist doch die oft unterschätze Systemrelevanz des Handwerks. So wie in der Finanzkrise setzen die Betrieb auch dieses Mal den Stabilitätsanker für unsere heimische Wirtschaft. Wenn es um die Zukunftsfähigkeit unseres Landes geht, führt kein Weg am Handwerk vorbei. Stichworte: umweltfreundliche Energieversorgung, klimafreundliches Bauen und Wohnen, saubere Mobilität und vieles mehr.

ONETZ: Gute Azubis zu bekommen, steht auch in Corona-Zeiten ganz oben auf der Agenda des Handwerks. Welches Zukunftsversprechen kann das Handwerk jungen Menschen heute geben, in einer Welt, die sich rasant verändert?

Jürgen Kilger: Das Handwerk kann schon immer beides – Tradition und Fortschritt. Deshalb wird es mit den gesellschaftlichen Veränderungen mithalten. Mit 130 Ausbildungsberufen ist für jedes Talent etwas dabei. Das Erfüllende im Handwerk ist, dass man abends weiß, was man getan hat und es um Berufe geht, die Sinn stiften und krisensicher sind. Außerdem steht das Handwerk für abwechslungsreiche Tätigkeiten, für Selbstverwirklichung, beste Aufstiegschancen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vielfältige Karrierewege. Was aber besonders zählt: Im Handwerk ist man keine anonyme Nummer, sondern Teil eines Teams mit persönlichem Draht zum Chef.

ONETZ: Herr Kilger, Sie dürfen heute schon einen Brief mit drei Wünschen an das Christkind schreiben. Wenn es diesen in einem halben Jahr öffnet, was wird es lesen?

Jürgen Kilger: Erstens: Dass die Pandemie gebändigt und normales Leben und Wirtschaften wieder dauerhaft möglich sein werden. Zweitens: Dass der Politik auf allen Ebenen bewusster wird, was das Handwerk für Wirtschaft und Gesellschaft – gerade auch im ländlichen Raum – täglich leistet. Und dass sie das mit attraktiven wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entsprechend honoriert. Und drittens wünsche ich mir, dass das Handwerk in der Gesellschaft mehr Wertschätzung erfährt, sowohl bei jungen Menschen, aber auch bei Eltern oder Lehrern. Die Wirtschaftsgruppe ist so viel mehr als das Klischee vom Meister Eder. Es ist an der Zeit, dass die berufliche Ausbildung als genauso attraktiv gesehen wird, wie eine akademische Ausbildung. Ich kann nur jeden jungen Menschen ermutigen, einen beruflichen Karriereweg im Handwerk zu starten.

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Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz.

 

 

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