27.03.2020 - 18:39 Uhr
RegensburgOberpfalz

Regensburger Experte: "Die Lindenstraße ist nicht schlechter geworden, aber ..."

Herbert Schwaab ist Experte für Fernsehgeschichte und Fernsehserien. Der Medienwissenschaftler an der Uni Regensburg erklärt im Interview, warum die "Lindenstraße" so erfolgreich war. Und warum die Serie heute nicht mehr zeitgemäß ist.

Jahrzehntelang wurde mit Mutter Beimer & Co in der "Lindenstraße" mitgelitten. In der heutigen Zeit ist das nicht mehr so. Am 29. März läuft die letzte Folge der Kultserie.
von Julian Trager Kontakt Profil

Für den Regensburger Medienwissenschaftler Herbert Schwaab lag der Erfolg der "Lindenstraße" vor allem am Identifikationspotenzial. "Die unvermeidliche Vertrautheit der Figuren ermöglicht eine ganz spezifische Form von Vergnügen", sagt der Fernsehserien-Experte. Im Interview erklärt Schwaab auch, warum die Serie nicht mehr zeitgemäß ist und warum er es schade findet, dass es wohl nie wieder eine Serie wie die "Lindenstraße" geben wird - obwohl er keine der Figuren wirklich sympathisch fand.

ONETZ: Was machte die "Lindenstraße" so besonders?

Dr. Herbert Schwaab: Das Besondere an der "Lindenstraße" war eigentlich, dass sie eine andere oder andere Serien imitiert hat, aber die erste Serie war, die auf dieser Basis ein wöchentliches Angebot gemacht hat, dass auf Endlosigkeit ausgerichtet war. Es wird immer darauf hingewiesen, dass sie die britische Serie "Coronation Street", die dort schon seit den 1960er Jahren lief, kopiert hat. "Coronation Street" ist ein typisches Beispiel für einen Eastender (benannt nach einer anderen gleichnamigen Serie), die britische Version der Soap Opera, die viel realistischer ist und meist im Arbeitermilieu (wie "Coronation Street") oder im Milieu einfacher und durchschnittlicher Menschen verankert war. "Coronation Street" stellte das Leben verschiedener Figuren dar, die in der "Coronation Street" lebten (und tut das bis heute), was als Konzept von der "Lindenstraße" übernommen wurde. Der Macher der Serie, Geißendörfer, wollte als Regisseur des Neuen Deutschen Films mit der Adaption britischer Serien nicht nur die Menschen unterhalten, sondern er wollte eine realistisches und auch politische Serie machen, die von Beginn an gesellschaftlich relevante Themen wie Aids angesprochen hat, allerdings lag der Erfolg bei sehr unterschiedlichen Menschen eher an dem Identifikationspotenzial, dass dieser für Deutschland völlig neuer Typ von Serie bot (erst später wurden weitere deutsche Soap Operas oder melodramatische Endlosserien gedreht). Die unvermeidliche Vertrautheit der Figuren ermöglicht eine ganz spezifische Form von Vergnügen, auch wenn keine einzelne dieser Figuren wirklich richtig sympathisch ist.

ONETZ: Warum ist die Serie nicht mehr zeitgemäß?

Dr. Herbert Schwaab: Die "Lindenstraße" braucht treue, an Rituale gewohnte Zuschauer, die Woche für Woche die Serie schauen. Es lebt aber auch von einer Öffentlichkeit, die lange durch die vielen Zuschauenden, die das Format hatte, gewährleistet war und die zu Diskussionen im privaten Kreis über die Figuren und was sie machen geführt haben. Ich erinnere mich noch, dass ich in den Hochzeiten der "Lindenstraße" in den 1990er Jahren, in einem kleinen Dorf in einem abgelegenen Tal zum Kaffee eingeladen war und die Gastgeberin, eine ältere, einfache Frau, begeistert von der "Lindenstraße" erzählt war und ganz fasziniert davon war, dass es dort schwule Figuren gab. Ein Grund dafür, warum "Lindenstraße" heute Probleme hat, ist die wachsende Konkurrenz durch mehr Sender, mehr ähnliche Serienangebote und durch das Streaming auch eine Entwöhnung von dem rituelle wöchentlichen Sehen. "Lindenstraße" ist auf jeden Fall nicht schlechter geworden, aber es fehlt die kritische Größe eines Publikums, dass sie für Gespräche und Diskussionen relevant macht, es fehlten geduldige Zuschauende, es ist zwar möglich (und war es auch immer durch die vielen Sender, die "Lindenstraße" nahezu täglich wiederholt haben auf den dritten Programmen) im Internet durch die Mediathek die Serie nachzuschauen und mit den Serienentwicklungen Schritt zu halten, aber es passt nicht wirklich zu diesem Programm.

Oberpfälzer Fans erinnern sich an die "Lindenstraße"

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Glauben Sie, dass ich in Deutschland eine TV-Serie jemals wieder solange halten kann?

Dr. Herbert Schwaab: Ich glaube nicht, aber ich finde das auch sehr schade. Soap Operas gehören zu den langlebigsten narrativen Gebilden, die wir uns vorstellen können, in den USA gab es Soap Operas, die zuerst im Radio und dann im Fernsehen ausgestrahlt wurden und so auf eine Dauer von 60 Jahren kommen. Es sind interessante Gegenstände, an denen wir auch gut sehen können, wie die Zeit sich verändert hat. Heute bieten allenfalls Die Simpsons etwas ähnliches an. Die längsten Serien heute kommen vielleicht auf 6 bis 10 Staffeln, und sie haben auch bei Netflix mit gerade mal 13 Episoden pro Staffel keine besonders lange Gesamtlaufzeit. Dass sind ganz andere Serientypen, die bessern zu einem schnellebigen und konzentrierten Serienkonsum auf Plattformen passen. Netflixserien sind hyperaktive, aufgeregte Serien, und sie verdrängen langsame Serien, die Vertrautheit brauchen.

ONETZ: Haben Sie die Serie selbst geguckt?

Dr. Herbert Schwaab: Ich habe sie etwa zehn Jahre geschaut, meine Frau hat sie seit der ersten Folge geschaut. Wir können Sonntags bedingt durch die Kinder nicht einfach "Lindenstraße" schauen, was bei mir dazu geführt hat, dass ich es nicht mehr schaue, aber meine Frau versucht noch immer über das Nachschauen von Episoden im Internet auf dem Laufenden zu bleiben. Ich fand, wie oben bereits erwähnt, keine der Figuren wirklich sympathisch und ich fand auch das Milieu, zum Beispiel die Spiegelei bratende Mutter Beimer, immer etwas zu deprimierend. Die Lindenstraße hat tatsächlich immer ein sehr kleinbürgerliches Mileu porträtiert, in dem die meisten Menschen auch ständig Geldprobleme haben oder Arbeitslos sind. Aber wenn man sich drauf einlässt und die Serie mit der Partnerin schaut, dann macht sie einfach Spaß, weil man nicht nur über die „Figuren, ihre Handlungen und deren Motive nachdenkt, sondern auch über die Narration und wie das Programm gemacht ist. Es hat Spaß gemacht sich über die übertriebenen Verwicklungen und dramatischen Konflikte Lustig zu machen oder darüber nachzudenken, wie die Figur wohl aus dem Schlamassel herauskommt oder was sich die Autorinnen und Autoren wohl als nächstes ausdenken werden. Ich denke auch, dass mir einfach auch die pure Alltäglichkeit und Vertrautheit irgendwie Spaß gemacht hat, denn das ist das, was das Fernsehen am besten kann.

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