27.03.2020 - 18:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Fans aus der Region leiden: "Werde die Lindenstraße furchtbar vermissen"

Auch für viele Oberpfälzer wird der Sonntag hart: Nach fast 35 Jahren endet die "Lindenstraße". Vier Fans aus der Region erinnern sich an ihre Lieblingsserie. Sie sprechen über besondere Momente, Freude, Trauer - und Wut.

Dreh im September 1999 in Köln für Folge 733: NT-Redakteur Manfred Hartung (Fünfter von rechts) steht als Komparse vor dem Reisebüro von Erich Schiller in der „Lindenstraße“. Für den Fan ein ganz besonderes Erlebnis.
von Julian Trager Kontakt Profil

Wie lange die "Lindenstraße" schon läuft, kann Egon Schäffer gut einschätzen. "Da habe ich meine Frau noch gar nicht gekannt", sagt der Besitzer von "Egon's La Bodega" in Weiden und lacht. Er ist schon lange mit seiner Annemarie verheiratet. Aber Helga Beimer und ihren Sohn Klausi kennt er länger, seit fast 35 Jahren. Am 8. Dezember 1985 lief die erste Folge der "Lindenstraße". An diesem Sonntag (18.50 Uhr/ARD) wird die 1758. und letzte Folge ausgestrahlt. Für Schäffer und drei weitere Oberpfälzer wird das ein trauriger Tag.

Egon Schäffer.

ONETZ: Seit wann in der "Lindenstraße?

Egon Schäffer: "Ich bin von Anfang an dabei. Hab selten eine Folge verpasst. 'Lindenstraße' war Pflicht."

ONETZ: Was war so besonders?

Egon Schäffer: "Sie war Kunst und Kitsch zugleich. Außerdem hab ich gewisse Mädels gern gesehen, die hübsche Tochter der Beimers zum Beispiel. Die Figuren waren Menschen wie du und ich. Mit ihnen hab ich gelitten, mit ihnen bin ich älter geworden. Außerdem war die 'Lindenstraße' Zeitgeist, immer aktuell."

Mit einem simplen Trick schien die Serie am Puls der Zeit zu sein. In den vor Monaten gedrehten Folgen blieb stets ein Platzhalter frei. Der wurde dann erst kurz vor Ausstrahlung gefüllt, mit einem Dialog zu einem fast tagesaktuellen Thema.

ONETZ: Eine Szene für die Ewigkeit?

Egon Schäffer: "Als Helga Beimer, die Mutter der Nation, betrogen wurde, das war eine Sensation. Da hat die Nation protestiert. Hätte es damals Facebook schon gegeben, wäre dafür der Shitstorm erfunden worden. Ich hab mir insgeheim gesagt: Nimm sie dir!"

ONETZ: Traurig, dass es zu Ende geht?

Egon Schäffer: "Als die Nachricht kam, dass die Serie enden wird, war das eine Katastrophe. Das ist ja genauso, wie wenn man die Tagesschau absetzt, genau so ein Ding der Unmöglichkeit. Ich bin absolut traurig. Der Sonntag hat bis auf den Tatort keinen Sinn mehr. Ich werde die Serie furchtbar vermissen."

Die ARD hatte sich 2018 gegen eine Verlängerung des Produktionsvertrags entschieden. Das Zuschauerinteresse und die Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten, hieß es. Der "Lindenstraße"-Schöpfer Hans W. Geißendörfer kann das bis heute nicht verstehen. "Ich habe nach wie vor totales Unverständnis für die Entscheidung", sagte er der dpa.

Egon Schäffer traf ihn einmal in Weiden. Der Etzenrichter Rüdiger Böss - damals bei Ramasuri, heute Produzent bei Constantin-Film - hatte Geißendörfer ins Ring-Kino eingeladen. "Ich wurde ihm als Edelfan vorgestellt. Ich hab kaum ein Wort rausgebracht", erinnert sich der Weidener Gastronom.

Warum die "Lindenstraße" eingestellt wurde

Oberpfalz

Auch Manfred Hartung hat eine besondere Verbindung zur Serie. Der NT-Redakteur ist wahrscheinlich einer der wenigen Menschen aus der Region, die in der "Lindenstraße" zu sehen waren. Wie der produzierende WDR auf Nachfrage mitteilt, spielte nie ein Oberpfälzer im Ensemble mit, zu kleineren Rollen werde keine Statistik geführt. Hartung war einmal Komparse.

Manfred Hartung.

ONETZ: Seit wann in der "Lindenstraße"?

Manfred Hartung: "Seit der allerersten Folge. Zwischenzeitlich gab's manchmal mehrwöchige Pausen, wenn die Autoren eine schlechte Phase hatten. Aber ich bin immer wieder reumütig zurückgekehrt."

ONETZ: Was war so besonders?

Manfred Hartung: "Ich fand die Idee faszinierend, sozusagen eine Serie für die Ewigkeit zu machen. Die Figuren waren wie gute Bekannte, mit denen man sich regelmäßig trifft."

Die Grundidee der Serie war, den Alltag einer Nachbarschaft zu zeigen. "Wir wollten erzählen, was den Zuschauern passiert oder passieren könnte", sagte Geißenförder. "Der normale Zuschauer sollte sich selbst in der Serie wiederfinden."

ONETZ: Eine Szene für die Ewigkeit?

Manfred Hartung: "Die Weihnachtsfolge 1999. In der durften meine damalige Kollegin beim 'Neuen Tag', Alexandra Scheinost, und ich als Komparsen einen Christbaum durchs Bild tragen. Wir waren sechs Sekunden lang zu sehen. Wir trugen Winterklamotten, weil es ja die Weihnachtsfolge war. Gedreht wurde aber an einem sonnigen Septembertag. Wir haben alle geschwitzt wie verrückt."

ONETZ: Traurig, dass es zu Ende geht?

Manfred Hartung: "Das ist eine rhetorische Frage, oder?"

Kaum war die Meldung vom Serie-Aus bekannt, protestierten die Fans. In manchen Städten versammelten sich Hardcore-Anhänger zu Demos. Die "Lindenstraße" ist mehr als eine Fernsehserie. Die Küche von Helga Beimer steht jetzt im Bonner Haus der Geschichte.

Die Einschätzung eines Medienwissenschaftlers

Regensburg

Der Weidener Roland Skrzydlo sagt: "Wenn ich Lehrer wäre, würde ich Episoden der "Lindenstraße" zeigen. Da kann man sich mit der jüngeren Geschichte in Deutschland auseinandersetzen." Skrzydlo, der im Weidener Jugendamt arbeitet, bezeichnet sich selbst als "Fan der ersten Stunde", auch wenn der Begriff bei vielen Fans verpönt sei.

Roland Skrzydlo.

ONETZ: Seit wann in der "Lindenstraße"?

Roland Skrzydlo: "Ich habe die erste Folge durch Zufall bei meine Mutter gesehen. Da war ich angefixt und seitdem bin ich dabei. Mir sind vielleicht ein paar Folgen entgangen."

ONETZ: Was war so besonders?

Roland Skrzydlo: "Darüber könnte ich eine Doktorarbeit verfassen. Die Lindenstraße war neu, anders als die sonstigen Serien wie Dallas oder Denver, die in der Welt der Schönen und Reichen spielten. Die "Lindenstraße" war realistisch, problembezogen, fortschrittlich, aktuell und politisch am Puls der Zeit. Sie hat es immer geschafft, dass man sich nach der Folge kritisch mit den Themen auseinandergesetzt hat. Es ging um Rassismus, Sterbehilfe, häusliche Gewalt ..."

ONETZ: Eine Szene für die Ewigkeit?

Roland Skrzydlo: "Als Benno Zimmermann an Aids erkrankte und man seinen Leidensweg miterlebte. Der Moment, als es auf der Berghütte zu Ende ging, hat mich sehr ergriffen."

Benno Zimmermann starb am 24. November 2988 in Folge 156. Er war der erste Aids-Tote im deutschen Fernsehen, die "Lindenstraße" die erste Serie im Land, die das Thema aufgriff. Vor allem in den Anfangsjahren sorgte die Sendung immer wieder für Zündstoff. Tabus wurden gebrochen - wie der Kuss zwischen Carsten Flöter und Robert Engel, der erste Schwulen-Kuss im deutschen Fernsehen.

ONETZ: Traurig, dass es zu Ende geht?

Roland Skrzydlo: "Ich bin eher wütend. Weil es in überhaupt keinster Weise nachvollziehbar ist. Das zeigt die Denkweise: Man opfert Qualität für Kommerz. Es wird jetzt keinen runden, sinnvollen Abschluss geben. So viele Handlungsstränge müssen abgebrochen werden. Das ist total bedauerlich."

Wie die Serie endet, ist noch ein Geheimnis. "Über das Ende haben wir uns lange die Köpfe zerbrochen", sagt Produzentin Hana Geißendörfer der dpa. Es sei dramaturgisch nicht einfach gewesen, alle Handlungen für die Zuschauer zufriedenstellend zu Ende zu bringen. "Ich hoffe, es ist uns gelungen. Für uns fühlt es sich zumindest rund an", sagt die Tochter des "Lindenstraße"-Schöpfers.

Roland Skrzydlo kann die letzte Folge nicht anschauen - die OB-Stichwahl in Weiden grätscht dazwischen. "Das ärgert mich schon", sagt der 57-Jährige. "Ich werde die Folge dann nach der Wahl in der Mediathek nachholen."

Egon Schäffer und seine Frau werden den Sonntagabend noch einmal zelebrieren. "Mit einem Glas Sekt oder gegebenenfalls mit Champagner", sagt der 62-Jährige und schiebt nach einer kurzen Pause nach: "Oder doch mit einem schweren Rotwein."

Ursula Parzefall wird sich alleine von der Serie verabschieden. "Mein Mann ist Sonntagabend immer beim Stammtisch", sagt die 55-jährige Heilpraktikerin für Menschen und Tiere aus Weiden. Das sei aber gut so. "Er kennt sich ja nicht aus. So kann ich in Ruhe schauen."

Ursula Parzefall.

ONETZ: Seit wann in der "Lindenstraße"?

Ursula Parzefall: "Ich bin von Anfang an dabei, Fan der ersten Stunde. Am Anfang habe ich die 'Lindenstraße' immer zusammen mit meinen Kommilitonen geschaut, wir haben keine Sendung verpasst."

ONETZ: Was war so besonders?

Ursula Parzefall: "Die Figuren, die Geschichten. Es war immer Drama. Jede Episode hatte ein dramatisches Ende. Da will man dann wissen, wie es weiter geht. Damals gab es ja nicht viel, die "Lindenstraße" war neu, sie hat uns alle fasziniert."

ONETZ: Eine Szene für die Ewigkeit?

Ursula Parzefall: "Erst kürzlich lag Helga Beimer im Koma. Da hat sie sich an alles erinnert, was so passiert ist. Da ist es mir genauso gegangen."

ONETZ: Traurig, dass es zu Ende geht?

Ursula Parzefall: "Es ist schon schade. Sonntag kurz vor 19 Uhr ist dann irgendwas nicht mehr da."

Bleiben noch zwei wichtige Fragen: Wie geht's aus? Ursula Parzefall überlegt kurz, sie denkt ans Drama, an die Aktualität. "Jetzt könnten's alle Corona kriegen. Das würde passen", sagt die 55-Jährige. Aber das wünsche sie sich und den Figuren nicht. Auch Manfred Hartung hofft auf etwas anderes: "Wie wäre es mit einer klassischen Feuerbrunst ..." Und dann zum Abschluss: Was kommt nach der "Lindenstraße"? Nichts, sagt Roland Skrzydlo. "Ich werde mir keine andere Serie mehr anschauen. Keine kommt auch nur im Ansatz an die 'Lindenstraße' heran."

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