18.01.2021 - 08:23 Uhr
RegensburgOberpfalz

Das Schottenportal bröckelt

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Das bekannte Regensburger Schottenportal befindet sich in einem schlechten Zustand. Die zum Schutz des Portals errichtete Vorhalle schadet mehr als sie nutzt, sagt Kunsthistoriker Professor Achim Hubel.

800 Jahre überstand das Regensburger Schottenportal relativ unbeschadet, dann begannen ihm saurer Regen und Luftverschmutzung zuzusetzen.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Besorgt blickt Achim Hubel beim Ortstermin an der Schottenkirche St. Jakob auf die Abplatzungen auf den Steinfiguren des Portals. Einen Löwenkopf hat es besonders schlimm erwischt: Der schwarzgefärbte Stein ist über und über mit weißen Stellen übersät, an denen Substanz abgebröckelt ist. Schuld sind saurer Regen und Schadstoffe in der Luft, die das im 12. Jahrhundert entstandene Portal seit den 1960er-Jahren immer stärker angriffen, sagt Hubel.

Erkannt ist das Problem seit langem. Schon 1979 fand ein Symposium mit 28 Experten statt, bei dem über das Ausmaß der Schäden und mögliche Restaurierungskonzepte diskutiert wurde. 1984 wurde das Schottenportal eingerüstet und es fand eine gründliche Befunduntersuchung statt. Dabei stießen die Fachleute auf eine Überraschung: Es stellte sich heraus, dass das Portal mit seinen rätselhaften Skulpturen früher farbig bemalt war.

Ungewöhnliche Auftragsvergabe

1992 kam ein internationales Symposium, das "einen dramatischen Anstieg der Oberflächenschäden" feststellte. Unter der Schmutzkruste wandle sich der Stein in Gips um, was zu Abplatzungen führe. Um das Portal vor Feuchtigkeit zu schützen, empfahlen die Experten den Bau einer Vorhalle.

1994 kam es zu einem Realisierungswettbewerb für den Bau einer solchen Vorhalle. Die Vorgaben verlangten eine möglichst massive Halle mit starken Mauern und wenigen Fenstern, um Temperaturschwankungen und Kondenswasserbildung zu vermeiden. 1998 erteilte Weihbischof Vinzenz Guggenberger als Vorsitzender der Jury von 1994 den Auftrag zum Bau der Vorhalle - allerdings nicht an einen der Preisträger des Wettbewerbs, sondern an den Kölner Architekten Gottfried Böhm und dessen Sohn Peter. Eine ungewöhnliche Entscheidung, denn Böhms Entwurf einer gläsernen Halle war eigentlich bereits von vornherein aussortiert worden, weil er den denkmalpflegerischen Vorgaben nicht entsprach.

Die Vorhalle halte zwar den sauren Regen und Schadstoffe in der Luft vom Portal ab, sagt Kunsthistoriker Hubel von der Vereinigung Freunde der Altstadt Regensburg. "Aber sie schadet auf andere Weise den Skulpturen." Das Klima in der steinernen Schottenkirche und das in der gläsernen Vorhalle unterschieden sich teilweise extrem, so dass Feuchtigkeitstransporte in der Portalwand zunehmen. Die schwarze Gipskruste verhindere, dass die Feuchtigkeit aus dem Stein heraustreten kann. Das Resultat seien in der kalten Jahreszeit Salz- und Frostsprengungen an der empfindlichen Oberfläche der Skulpturen.

"Die Gipskruste muss unbedingt weg", sagt Hubel, der bis zu seinem Ruhestand Professor für Denkmalpflege an der Universität Bamberg war. Das sei gar nicht mal so schwierig. Am Hauptportal des Doms sei ein ähnliches Problem aufgetreten - und dort habe man zusammen mit einer Regensburger Steinwerkstatt ein Verfahren entwickelt, um die Gipsschicht vorsichtig zu entfernen.

Dafür würden Kompressen aus Zellulosefasern aufgelegt, die Ionentauscher enthalten, erklärt Hubel. Diese würden die schädliche Kruste auflösen, ohne die Skulpturen und die Reste alter Bemalungen zu beschädigen. Ein bis zwei Jahre könnte eine solche Restaurierung in Anspruch nehmen, meint Hubel. Die Kosten schätzt er auf ein bis zwei Millionen Euro - die angesichts der historischen Bedeutung des Schottenportals wohl überwiegend aus staatlichen Mitteln finanziert würden.

Beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ist die Problematik bekannt. "Die Instandsetzung des Portals steht in der Tat seit langem an", teilt Julia Steinbach, Pressereferentin beim Landesamt, auf Nachfrage mit. "Möglicherweise geriet diese Dringlichkeit durch den 1999 nach einem Entwurf des Architekturbüros Böhm errichteten Glasvorbau aus dem öffentlichen Bewusstsein." Durch die Denkmalbehörden, das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege und die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Regensburg, hätten in den vergangenen Jahren diverse Ortstermine stattgefunden. Angemahnt worden sei hierbei ein vertiefendes, kontinuierliches Monitoring zur Ermittlung der klimatischen Parameter.

Spendenaufruf

Des Weiteren müsse der Zustand der Oberflächen kartiert sowie etwaige thermische Rückwirkungen geprüft werden. "Erst auf Grundlage einer aktuellen Zustandserfassung und in Abhängigkeit von den lithologischen und klimatischen Parametern können der Bedarf bestimmt und ein etwaiges Restaurierungskonzept entwickelt werden", erklärt Steinbach. Eine solche Untersuchung würde vom Landesamt fachlich unterstützt werden und wäre dem Grundsatz nach aus den Mitteln der Denkmalpflege förderfähig.

Eigentümer der Schottenkirche mitsamt dem Portal ist der Bischöfliche Stuhl des Bistums Regensburg. Auf die Frage, wie man dort zu einer Restaurierung steht, teilt der Bischöfliche Administrator, Harald Eifler, mit: "Wir haben das Schottenportal im Auge, aber noch nichts konkret unternommen."

Die Regensburger Altstadtfreunde wollen derweil nicht mehr weiterzusehen, wie das Bauwerk bröckelt. Sie haben einen Flyer erstellt, der auf den schlechten Zustand des Portals hinweist und sammeln Spenden, um zur Probe einen kleinen Teil der Bilderwand mit den Ionentauscher-Kompressen zu bearbeiten. Die IBAN-Kennung des Spendenkontos lautet DE 6275 0500 0000 0010 1220, der Spendenzweck: Schottenportal.

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Info:

Rätselhafte Bildersprache

Gegen Ende des 11. Jahrhundert hatten sich irische Wandermönche in Regensburg niedergelassen. Sie bauten am Standort der heutigen Schottenkirche ein Klostergebäude, das aber 30 Jahre später schon wieder verfiel.

Der massivere Neubau, der bis heute erhalten ist, war um 1180 abgeschlossen. Später übernahmen Schotten das Kloster, das 1803 der Säkularisation entging. Heute ist St. Jakobus die Seminarkirche des Regensburger Priesterseminars.

Bekannt ist vor allem das Nordportal der Kirche, das Schottenportal mit seinem rätselhaften Bilderwerk, das um 1150 bis 1160 entstand. Bei der monumentalen Bilderwand handelt es sich Kunsthistoriker Achim Hubel zufolge um das größte und figurenreichste romanische Portal in Deutschland. "Ein unglaubliches Kunstwerk", schwärmt Hubel.

Über dem Portal thront Christus zwischen zwei Heiligen, wohl den Aposteln Jakobus und Johannes. Löwen rahmen den Aufgang zur Kirche ein.

Zu sehen sind teils verstörende Szenen, etwa wie ein Ungeheuer einen Menschen verschlingt, aber auch anrührende Bilder, wie ein Paar, das sich umarmt. "Ein rechtes Programm gibt es nicht", sagt Hubel.

Forscher würden bislang vergeblich um eine schlüssige Deutung ringen.

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