24.12.2020 - 00:30 Uhr
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Gotteshaus mit legendärem Ursprung

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Wer die Alte Kapelle am Regensburger Kornmarkt betritt, wird von der verschwenderischen Fülle des Rokokos überwältigt. Die Wurzeln der Stiftskirche gehen aber noch viel tiefer in die Geschichte zurück – sie gilt als älteste Kirche Bayerns.

Die prächtige Rokoko-Ausgestaltung erhielt die Stiftskirche bei einer Renovierung im 18. Jahrhundert.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Einmal hat Prälat Helmut Huber alle Engel in der prächtigen Stiftskirche Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle gezählt, er kam auf 364. Kurz darauf fiel ihm dann auf, dass er einen Engel vergessen hatte. „So kam ich dann auf 365 Engel, für jeden Tag im Jahr einen“, schmunzelt Huber, der dem Stiftskapitel der Kirche angehört. Es ist eine von vielen Geschichten, die sich in dem außergewöhnlichen Gotteshaus verbergen.

Berühmt ist die Kirche für ihr Gnadenbild, einer byzantinischen Darstellung der Mutter Gottes mit dem Jesuskind auf dem Arm. Im Mittelalter pilgerten nach Wunderberichten so viele Menschen zu der Ikone, dass sie 1694 schließlich ihren eigenen Raum in der Gnadenkapelle der Kirche bekam – wo es noch heute hängt und Stätte der stillen Marienverehrung ist. Nach der Tradition soll das angeblich vom Evangelisten Lukas gemalte Gnadenbild ein Geschenk von Kaiser Heinrich II. sein, der es im Jahre 1014 anlässlich der Kaiserkrönung von Papst Benedikt VIII. erhalten habe. Bei der Ikone, die heute in der Gnadenkapelle zu sehen ist, handelt es sich allerdings um eine Kopie aus dem 13. Jahrhundert. Das Original wurde wohl durch Holzwürmer oder anderes Getier beschädigt.

Kaiser Heinrich II. und dessen Frau Kunigunde spielen eine zentrale Rolle in der Gestaltung des Kircheninneren, wie sie im 18. Jahrhundert entstand. Die beiden werden als „zweite Gründer“ der Kirche in Deckengemälden und Statuen geradezu verherrlicht. Denn 1002, als Heinrich noch ein bayerischer Herzog war, stellte er die Alte Kapelle, die zu dieser Zeit zunehmend dem Verfall ausgeliefert war, wieder her und machte sie zu seiner Pfalzkirche.

Doch für den Ursprung der Kirche muss man noch tiefer in Geschichte blicken. Der Legende nach soll am selben Standort in der Endphase des römischen Legionslagers Castra Regina ein Tempel zur Verehrung der Kriegsgöttin Juno gestanden haben. Anstelle des Tempels sollen dann die seit dem 6. Jahrhundert in Regensburg residierenden Agilolfinger eine Pfalzkirche errichtet haben – von hier aus soll die Christianisierung in ganz Bayerns intensiviert worden sein.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Gotteshaus 875: König Ludwig der Deutsche bezeichnet sich darin als Erbauer der Kirche und Errichter eines Kollegiatstifts. Aus einer weiteren Urkunde aus dem Jahr 976 wird deutlich, dass es um den Bau in dieser Zeit nicht gut stand. Die Kirche verfiel zunehmend und wurde deshalb als „Alte Kapelle“ bezeichnet, nachdem die Pfalzkirche nach St. Emmeram verlegt worden war. Umso größer fiel die Dankbarkeit an Heinrich aus, der die Königspfalz 1002 erneut in die Alte Kapelle verlegte und sie damit wieder aufleben ließ.

1009 schenkte Heinrich seine Kirche dann dem von ihm zwei Jahre zuvor neu gegründeten Bistum Bamberg. Die auf diese Weise geschaffene Regensburger Exklave des Bistums Bamberg hielt sich bis zum Jahr 1803. Zu den Besonderheiten der Stiftskirche gehört auch, dass sie nie säkularisiert wurde – weil der zur Zeit der Säkularisation eingesetzte Regensburger Fürstbischof Karl Theodor von Dalberg darauf verzichtete, Kirchengüter zu verstaatlichen. Möglich war das wohl durch Dalbergs engen Draht zum mächtigen Herrscher Napoleon, sagt Prälat Huber.

Huber ist einer von sieben Priestern, die dem Stiftskapitel Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle angehören. Das Kollegiatstift betreut die Kirche wirtschaftlich und spirituell. Nur zwei Stiftskapitel haben in Bayern die Säkularisation überlebt, beide sitzen in Regensburg – St. Johann und eben das Kapitel der Alten Kapelle.

Ein Höhepunkt in der jüngeren Geschichte des Gotteshauses liegt im Jahr 2006: Im Zuge seines Regensburg-Besuchs weihte Papst Benedikt XVI. die neue Orgel in der Stiftskirche. Wieder hatte sich für die Kirche eine glückliche Fügung ergeben: Die Liechtensteiner Peter-Kaiser-Gedächtnisstiftung hatte die Finanzierung übernommen, schenkte die Orgel dem Papst, der sie wiederum an die Alte Kapelle übergab. Musik spielt in der Stiftskirche eine zentrale Rolle. Seit 200 Jahre wird hier die sogenannte kirchenmusikalische „Regensburger Tradition“ gepflegt, die aus dem Gregorianischen Choral und Werken der Altklassischen Vokalpolyphonie besteht.

Auch wenn die Stiftskirche deutlich kleiner ist als ihr großer Nachbar, der Regensburger Dom, lag sie nie in dessen Schatten. Über Jahrhunderte war die Alte Kapelle durch ihre Zugehörigkeit zum Bistum Bamberg eigenständig – und bis heute ist der Spruch überliefert: „Der Dom St. Peter ist der Mächtige, die Alte Kapelle die Prächtige.“

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Gold als Symbol der Beständigkeit:

Szene aus der Weihnachtsgeschichte

In die schwere Holztüre, die von der Gnadenkapelle mit der Marien-Ikone in die Stiftskirche führt, ist eine Szene aus der Weihnachtsgeschichte geschnitzt: Zu sehen sind Maria und Josef, wie sie vor der Krippe knien, in der Jesus liegt. Für Prälat Helmut Huber macht es Sinn, dass gerade diese Szene, in der mit Jesu Geburt das Licht in die Welt kommt, an der Schwelle zur Basilika steht – die durch die aufwändigen Goldverzierungen selbst voller Licht ist und leuchtet. Gold habe bei der Kirchengestaltung eine wichtige Rolle gespielt, erklärt Huber. Als einziges Material, das damals zur Verfügung stand, roste es nicht und verliere seinen Glanz nicht – als Symbol Gottes, das dauerhaft bleibt.

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