29.09.2020 - 22:04 Uhr
RegensburgOberpfalz

Verteidiger: Maria Baumers Tod war "nur ein blöder Unfall"

Die Spannung steigt im Baumer-Prozess: Hat Christian F. Maria Baumer ermordet und vergraben? Ermittler und Verteidiger werten am Dienstag Indizien komplett unterschiedlich.

Zwei Polizisten bringen den Angeklagte am Dienstagmorgen in den Gerichtssaal. Der Verhandlungstag zog sich bis in den Abend hin.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Das Interesse an dem mysteriösen Fall ist ungebrochen: Eine Traube von Menschen steht am Dienstagmorgen vor dem Landgericht Regensburg. Sie wollen den vollgepackten letzten Verhandlungstag vor dem Urteil hautnah miterleben. Nicht alle Besucher bekommen einen Platz im Sitzungssaal 104. Der Angeklagte Christian F. wartet im Stehen auf seinen Wahlverteidiger Michael Euler, der sich wegen eines Staus verspätet. Die knochigen Hände gräbt F. in die Stuhllehne vor sich, das helle Hemd schlackert etwas an seinem Körper.

Staatsanwaltschaft und Verteidigung liefern sich in ihren Plädoyers einen letzten Schlagabtausch der Argumente. Es kommt auf kleine Details an in diesem Indizienprozess. Es ist ein besonderer Fall, darin zumindest sind sich alle einig. Das Verschwinden der aus Muschenried (Kreis Schwandorf) stammenden Maria Baumer am 26. Mai 2012 hat von Anfang an viele Fragen aufgeworfen. Nach dem Fund ihrer sterblichen Überreste am 8. September 2013 galt ihr Verlobter als Hauptverdächtiger, doch lange reichte die Beweislage nicht für eine Anklage.

Für die Staatsanwaltschaft eine klare Sache

Für Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher ist die Sache nach akribischen Ermittlungen und einer umfangreichen Hauptverhandlung spätestens jetzt klar: Christian F. hat seine damalige Verlobte heimtückisch mit einem in einen Kakao gerührten Medikamentenmix aus Lorazepam und Tramadol ermordet und in einem Waldstück bei Bernhardswald (Kreis Regensburg) vergraben. Rauscher sieht eine besondere Schwere der Schuld. Der Angeklagte dürfe nach 15 Jahren keine Chance auf eine Bewährung haben. F. habe die Tat kaltblütig geplant. So habe er zwei Tage vor Marias Verschwinden ein Lesezeichen mit einer Zugverbindung von Hamburg nach Regensburg am Pfingstmontag an Maria Baumers Laptop gesetzt, das die Ermittler auf eine falsche Fährte locken sollte. F. hatte den Ermittlern – und auch allen anderen – erzählt, dass Maria sich eine Auszeit nehmen wolle und auf dem Weg nach Hamburg sei. In der Zeit vor Marias Verschwinden habe der Angeklagte außerdem Begriffe wie „der perfekte Mord“ und „Lorazepam letale Dosis“ gegoogelt.

Überraschend fallen lässt der Oberstaatsanwalt den Vorwurf aus der Anklageschrift, dass F. aus niederen Beweggründen gehandelt hat. Denn: Letztlich sei es schwierig zu sagen, welches Motiv überwogen habe, sagt Rauscher. Die vor Gericht erörterten Motive sind in der Tat vielfältig. „Tatauslösend“, wenn auch nicht unbedingt dominierend ist für die Ermittler, dass sich F. in eine Patientin des Bezirkskrankenhauses Regensburg verliebt habe, für die er frei sein wollte. Rauscher räumt am Dienstag selbst ein, dass dieses Motiv nicht unbedingt gleich nachvollziehbar sei. „Er hätte doch einfach die Hochzeit absagen können, könnte man meinen.“ Doch der Angeklagte sei aufgrund seiner Persönlichkeit völlig unfähig, einen Konflikt offen auszutragen. Auch liege ihm daran, „den bürgerlichen Schein zu wahren“. Als weitere Motive führt Rauscher an, dass F. als trauernder Verlobter das Scheitern im Medizin-Studium rechtfertigen wollte. Nicht zuletzt sei es gut möglich, dass F. Neid beziehungsweise Hass gegenüber der beruflich erfolgreichen und in der Beziehung dominanteren Maria Baumer verspürt habe.

Phänomen "Intimizid"

Rauscher verweist auf das Phänomen des „Intimizids“, der Tötung des Intimpartners, den die psychiatrische Sachverständige Dr. Susanne Lausch am Vormittag zur Sprache gebracht hat. Wenn sich die Rollen in einer Beziehung ändern, könne das die Partnerschaft derart destabilisieren, dass der „Unterlegene“ in einer abrupten Handlung seinen Partner tötet. Aus den Ermittlungsergebnissen im Fall Maria Baumer würden sich durchaus Analogien zu diesem Szenario ergeben, so die Sachverständige.

Zwei Tage lang hatte Lausch den Angeklagten exploriert, dazu hatte sie Einsicht in alle Akten der Staatsanwaltschaft und in ärztliche Befunde. Mehrere Tage lang hatte sie auch an der Hauptverhandlung teilgenommen. Lausch attestiert dem Angeklagten, der einen Intelligenzquotienten von 113 hat, „keine klinisch relevante Persönlichkeitsstörung“. Allerdings erfülle er Merkmale einer narzisstischen Persönlichkeit, bei der ein Konflikt mit dem Selbstwert im Mittelpunkt steht. Er stelle sich einerseits als hilfsbereiten, nachgiebigen Menschen dar. Andererseits zeige er ein manipulatives, grenzüberschreitendes Verhalten.

Aufgewachsen sei F. in einem materiell abgesicherten, liebevollen Elternhaus mit vier wesentlich älteren Geschwistern, gibt Lausch einen Einblick in den Lebenslauf des Angeklagten. Als Schüler habe er sich eingeordnet, Konflikten sei er eher aus dem Weg gegangen. Tiefergehende Probleme habe er erst ab Ende 2012 gehabt. Die Sachverständige spricht von einer Anpassungsstörung mit depressiven Phasen in der Folge des Verschwindens von Maria Baumer und einem exzessiven Alkoholkonsum, wegen dem F. auch immer wieder in Behandlung war. Maria Baumer sei seine erste Freundin gewesen, später habe er eine weitere längere Beziehung zu einer Frau gehabt.

"Kurzschlussreaktion"

Am späten Nachmittag kommt die Stunde des Frankfurter Anwalts Michael Euler. Er nimmt gleich vorweg, dass sein Mandant aus seiner Sicht freizusprechen ist. Euler stützt sein Plädoyer hauptsächlich auf die Erklärung von F., die dieser im August abgegeben hatte. Darin hatte der 36-Jährige erstmals eingeräumt, dass er Maria Baumer in der Nacht von 26. auf 27. Mai tatsächlich im Wald vergraben hat. Gestorben sei sie aber an Tabletten, die sie selbst wegen Depressionen und Schmerzen eingenommen habe. Nachdem er seine damals 26-jährige Verlobte tot im Bett gefunden habe, habe er sie in einer „Kurzschlussreaktion“ in den Wald gebracht – weil er Angst vor beruflichen Konsequenzen hatte, wenn herauskäme, dass er die Medikamente aus dem Bezirkskrankenhaus gestohlen hatte.

„Das Ganze war nur ein blöder Unfall“, sagt Euler. „Dazu kam die Angst des Angeklagten, zur Rechenschaft gezogen zu werden“. Euler lässt keinen Zweifel daran, dass das Vergraben und die Verschleierungstaten im Nachgang „moralisch eine Riesensauerei“ waren. Strafrechtlich sei das aber „gar nichts“. Das letzte Wort hat am Dienstag der Angeklagte selbst – der das bisherige Verfahren über geschwiegen hat. Es ist schon nach 18 Uhr, als Christian F. mit Tränen in der Stimme sagt, dass er seine Lügen bereue und sich bei der Familie Baumer und bei seiner eigenen Familie entschuldigen wolle. Weitere Erklärungen gibt er nicht ab. Das Urteil fällt am nächsten Dienstag um 15 Uhr.

Der Fall Maria Baumer: Eine Chronologie

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Kritik von den Nebenklägern:

"Leid der Familie Baumer verstärkt"

Anwältin Ricarda Lang vertritt die Familie von Maria Baumer im Prozess als Nebenkläger. Sie schließt sich am Dienstag den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an. Ihre Mandanten seien erleichtert, dass sich mit Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher ein penibler Ermittler dem Verfahren angenommen habe. In Langs Schlusswort klingt aber auch Kritik mit. Das Ermittlungsverfahren hätte aus ihrer Sicht nicht eingestellt werden dürfen, wie 2018 zwischenzeitlich geschehen. Das habe das Leid der Familie Baumer verstärkt. Das Alternativ-Szenario der Verteidigung, dass Maria Baumer selbst die Tabletten eingenommen habe, die zu ihrem Tod führten, schließt Lang aus. Maria Baumer sei der Einnahme von Medikamenten sehr skeptisch gegenübergestanden. Der Angeklagte wiederum habe noch kurz vor Marias Verschwinden die tödliche Dosierung von verschiedenen Medikamenten gegoogelt.

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