23.08.2021 - 10:57 Uhr
RegensburgOberpfalz

Zwei Lokführer, zwei Gewerkschaften: Was die „Bahnerer“ trennt und eint

Der Tarifkonflikt zwischen der Bahn und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) schwelt weiter. Dazu kommt ein Konkurrenzkampf der GDL mit der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Was treibt die Lokführer um?

Lokführer im Streik - oder auch nicht. Das hängt von der Gewerkschaft ab, in der sie organisiert sind
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Oberpfalz-Medien hat mit zwei Lokführern aus der Region gesprochen. Einer gehört der GDL an, einer der EVG. Im Gespräch schildern beide Männer ganz ähnliche Probleme im Arbeitsalltag. Sebastian Köhler arbeitet von Schwandorf aus als Lokführer bei der Deutschen Bahn. Der 51-Jährige ist Mitglied bei der GDL.

Für Köhler sind es besonders die unregelmäßigen Arbeitszeiten, die den Lokführern körperlich zu schaffen machen. Es sei schwer, einen festen Schlafrhythmus zu finden. Der Arbeitstag könne zu jeder Tages- und Nachtzeit beginnen, die erste Schicht in Schwandorf etwa um 3.16 Uhr. Wenn auf eine Frühschicht am Tag darauf eine Spätschicht fällt, habe der Körper keine Chance sich umzugewöhnen. Die Arbeitstage seien für gewöhnlich zwischen sieben und zwölf Stunden lang. Drei bis sechs Arbeitstage pro Woche gebe es. „Nach einer Sechs-Tage-Woche ist man dann aber auch durch“, berichtet Köhler.

Auch aus diesen Gründen sei der Beruf für viele Jüngere wohl nicht mehr so attraktiv, meint der 51-Jährige. Von den jungen Leuten, die sich zum Lokführer ausbilden lassen, würden viele wieder gehen. Mit seinem Gehalt ist Köhler, der seit 1986 Eisenbahner ist, zufrieden. „Doch was die jungen Kollegen verdienen, ist nicht in Ordnung.“ Niemand wolle doch in einem Zug sitzen, dessen Fahrer sich finanzielle Sorgen macht, findet Köhler. Die Forderung der GDL nach einer 3,2-prozentigen Lohnerhöhung, aufgeteilt auf 2021 und 2022, und einer Corona-Beihilfe von 600 Euro hält er deshalb für völlig richtig. Die Tariferhöhung entspreche ohnehin nur einem Ausgleich der Teuerungsrate.

"Öffentliche Schlammschlacht"

Köhler hat den Eindruck, dass die GDL mit ihrem Chef Claus Weselsky in einer „öffentlichen Schlammschlacht schlecht dargestellt wird“. Die Konkurrenz-Gewerkschaft EVG und die Deutsche Bahn würden hingegen oft mit einer Stimme sprechen. „Das ist schon eine befremdliche Einigkeit“, sagt Köhler. Er habe erlebt, dass die EVG bei Beförderungen oder Neubesetzungen eine ziemliche Macht im Unternehmen habe. Er selbst habe sich einmal vor seiner Zeit in Schwandorf an einem anderen Arbeitsort für eine Eisenbahnwohnung beworben. Da sei ihm ein EVG-Antrag vorgelegt worden mit dem Hinweis, mit der Wohnung werde es nichts, wenn er den Antrag nicht unterschreibt.

Martin Wieland ist Lokführer bei DB Regio Oberfranken, wohnt bei Weiden und ist Mitglied bei der EVG. Er schildert seinen Arbeitsalltag ganz ähnlich wie Köhler. Der 55-Jähige empfindet vor allem die vielen Wochenenddienste als belastend. Früher habe er die Hälfte der Wochenenden frei gehabt, nun müsse er von fünf Wochenenden an drei arbeiten. Um das zu ändern, bräuchte es mehr Personal. Insgesamt müsste der „eigentlich schöne Beruf“ familienfreundlicher werden. Die Arbeitsbelastung führe dazu, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Lokführer bis zum regulären Rentenalter durchhält, gering ist.

„Mit Zähneknirschen“ habe die EVG bei den Tarifverhandlungen im vergangenen Herbst eine Nullrunde für 2021 akzeptiert, erklärt Köhler. Er selbst sei zwiegespalten. Natürlich würde er sich wünschen, dass der Lohn nach oben geht. Doch in Corona-Zeiten müsse man sich mit Forderungen zurückhalten. Die GDL agiere da deutlich offensiver, räumt Wieland ein. In seinem Arbeitsbereich seien etwa 60 Prozent der Kollegen bei der EVG. Doch die Zahl der Kollegen, die bei der GDL organisiert sind, steige. Jüngere Kollegen, die von anderen Eisenbahn-Unternehmen zur Deutschen Bahn stoßen, seien oft GDL-Mitglieder.

Stimmung aufgeheizt

Wieland betont: „Als Eisenbahner ziehen wir alle an einem Strang.“ Doch er berichtet auch, dass die Stimmung zwischen EVG- und GDL-Mitgliedern „zunehmend aufgeheizt“ sei. Es gebe „freundschaftliches Gehackl“, aber auch aggressivere Tendenzen. Dass es für die Eisenbahner zwei Gewerkschaften zur Auswahl gibt, will er dennoch nicht schlecht heißen. Manchmal setze eine Gewerkschaft etwas durch, wovon dann auch die andere profitiert.

Einen Aspekt, den Bahnfahrer in den nächsten Jahren zu spüren bekommen könnten, führt Wieland an: Derzeit gebe es noch verbeamtete Lokführer wie ihn, die nicht streiken dürfen und die bei Arbeitskämpfen einspringen können. „Damit federn wir vieles ab.“ Doch wenn die Beamten sich in den Ruhestand verabschiedet haben, sei das nicht mehr möglich. „Dann steht bei Streiks alles still.“

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Info:

Zwei Bahngewerkschaften: GDL und EVG

  • Mit 184000 Mitgliedern ist die EVG klar größer als die GDL, die etwa 37000 Mitglieder vertritt.
  • Weil die GDL aber vor allem Lokführer und Bordbeschäftigte vertritt, haben ihre Streiks eine besonders große Auswirkung auf den gesamten Betrieb. Zugleich öffnet sich die GDL für immer mehr Berufsgruppen.
  • Im aktuellen Tarifkonflikt fordert die GDL eine Lohnerhöhung von 1,4 Prozent in diesem Jahr und 1,8 Prozent Anfang 2022 sowie eine Corona-Beihilfe von 600 Euro. Die EVG hat hingegen in ihren Tarifverhandlungen akzeptiert, dass es dieses Jahr eine Nullrunde gibt.
  • Anfang 2022 erhalten die Beschäftigten in den Bahnbetrieben, die mehrheitlich von EVG-Mitgliedern vertreten werden, 1,5 Prozent mehr Geld. Die GDL kritisierte diesen Tarifvertrag als "völlig unzureichend".
  • Seit Anfang 2021 gilt das Tarifeinheitsgesetz, das besagt: Wenn in einem Betrieb mehrere Gewerkschaften für die gleichen Berufsgruppen Tarifverträge aushandeln, gilt nur noch der Tarifvertrag jener Gewerkschaft, die in dem Betrieb die meisten Mitglieder hat.
  • Die EVG wirft der GDL vor, dass es ihr beim jüngsten Tarifkonflikt im Kern darum geht, Mitglieder abzuwerben. GDL-Chef Claus Weselsky bestreitet das und spricht von „ganz normalen Tarifauseinandersetzungen“.

 

 

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