04.08.2019 - 19:30 Uhr
RegenstaufOberpfalz

Pfarrer Andreas Schlagenhaufer stößt noch immer Türen auf

Am Anfang seiner Karriere in der Kirche stand der Kampf um den Schlüssel. Diesen führt Pfarrer Andreas Schlagenhaufer und seine Mitstreiter seit 50 Jahren, obwohl viele wie er in Rente sind. Sie wollen die Türen aufstoßen zur Welt.

Pfarrer Andreas Schlagenhaufer wirbt für eine Modernisierung der Kirche im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Der Weihe-Jahrgang von Andreas Schlagenhaufer hatte im Bistum Regensburg den Ruf eines Revoluzzerkurses. Spätestens seit der damalige Bischof Gerhard Ludwig Müller Jahrzehnte später den Pfarrer von Kohlberg (Kreis Neustadt/WN) maßregelte dürften auch viele Gläubige in dem Priester einen "Revoluzzer" gesehen haben. Tatsächlich aber ist der 77-Jährige ein Wahrheitssucher. Einer, der von sich sagt, dass "er weiß, dass er nichts weiß". Für viele ist Schlagenhaufer ein Vorbild, wegen seines Widerstandes gegen die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf (Kreis Schwandorf), wegen seines Engagements für mehr Verantwortung von Frauen und von Laien in der katholischen Kirche.

Im Gespräch in seiner Wohnung in Regenstauf (Kreis Regensburg) strahlt Schlagenhaufer eine tiefe christliche Gelassenheit aus. Es ist die Gelassenheit der Christen, die wissen: Wahrheit kann man suchen, man kann um sie ringen, aber man kann sie nicht besitzen. Für Gläubige gibt es Wahrheit nur jenseits des Menschen, bei Gott.

Schlagenhaufer fordert, die Kirche müsse theologisch auf die Höhe der Zeit kommen. "Glaube und Naturwissenschaft müssen zusammen gesehen werden". Die alte Vorstellung von Gott als alter Mann mit Bart sei ein gutes Bild vor 2000 Jahren gewesen, als Alter mit Weisheit verbunden gewesen sei. Doch damit könne man nicht mehr operieren. Heute müsse man anders reden, ist Schlagenhaufer überzeugt. Er verweist als Beispiel auf den Physiker Hans-Peter Dürr, der festgestellt habe, es gebe keine Materie. Was der Physiker am Ende des Teilens von Teilchen gefunden habe, sei kein festes Teilchen gewesen, sondern brodelnde Energie. Über derartige theologischen Fragen will Schlagenhaufer auch mit dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer ins Gespräch kommen. Eine Zusage gibt es, der Termin ist offen.

Ausgang nur zu zweit

Als angehender Priester hat Schlagenhaufer in der Kirche ganz andere Zeiten erlebt. "Wir haben keine Hausschlüssel gehabt", erzählt er über die Jahre von 1963 bis 1969 im Priesterseminar in Regensburg. Sie durften nur zu zweit und mit Genehmigung raus. "Erst unsere Nachfolger haben Schlüssel bekommen." Als anlässlich der Priesterweihe ein Gruppenfoto mit dem damaligen Bischof Rudolf Graber gemacht werden sollte, hätten sie sich geweigert den Colar, den weißen Stehkragen anzuziehen, erzählt Schlagenhaufer. Der Regens habe nicht gewusst, "was er mit uns anfangen soll". Damals hätten sie noch lernen sollen, dass sie durch Priesterweihe nicht nur graduell den Laien überlegen seien, sondern essenziell - also das sie andere Menschen würden. Nicht nur für Schlagenhaufer unvorstellbar. Das habe sich geändert, sagt er. Heute gebe es viele Kandidaten, "die das alte Priesterbild mitbringen". Sie würden Pfarrer und scheitern dann.

Der damalige Regensburger Bischof und heutige Kardinal Gerhard Ludwig Müller (links) mit Pfarrer Andreas Schlagenhaufer.

Frauen einbinden

Schlagenhaufer wirbt dafür, Frauen in der Kirche an Machtpositionen und verheiratetete Männer an leitende Stellen zu setzen. Das würde aus seiner Sicht auch das Klima in der Kirche verbessern, "Das ist meine Hoffnung", sagt Schlagenhaufer und erzählt vom seiner Predigt beim Gottesdienst zum 50. Priesterjubiläum von Pfarrer Hans Bayer in dessen Geburtsort Mantel (Kreis Neustadt/WN). Er habe die Gläubigen nach der Predigt gefragt, was wäre wenn die Gemeindereferentin statt seiner die Predigt gehalten hätte oder ein Familienvater vorne stünde. Den Applaus wertet er als Beleg, dass die Leute bereit wären dies zu akzeptieren.

Das sei auch früher so gewesen, ist Schlagenhaufer überzeugt. Um seinen Überlegungen zu untermauern, verweist er auf den ersten Paulus-Brief an Timotheus. Dort heißt es, der Bischof solle "ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet, nüchtern, besonnen, von würdiger Haltung, gastfreundlich, fähig zu lehren". Und: "Er soll ein guter Familienvater sein und seine Kinder zu Gehorsam und allem Anstand erziehen." Weiter heißt es im Brief: "Wer seinem eigenen Hauswesen nicht vorstehen kann, wie soll der für die Kirche Gottes sorgen?"

Von Schlagenhaufers Wohnung fällt der Blick auf den Schlossberg, und die Kirche. Ein Idyll. Doch häufig ist er nicht zu Hause: Er ist auch als Ruhestandpfarrer quer durch die Oberpfalz unterwegs - Taufen, Hochzeiten und Gottesdienste. Es fehlen Priester. Genauso wichtig: Viele Gläubige schätzen Schlagenhaufer und bitten ihn, zu kommen.

"Sie meinen besonders kirchentreu zu sein, dabei sind sie Opfer ihrer Engstirnigkeit geworden", zitiert Schlagenhaufer im Gespräch eine Aussage Joseph Ratzingers über jene, die das Zweite Vatikanische Konzil wieder zurückdrehen wollten. Ratzinger lehrte damals Dogmatik in Münster. Der spätere Papst Benedikt XVI. hielt Konzilsvorlesungen und trat den Konzilskritikern entgegen. Schlagenhaufer studierte zwei Semester bei Ratzinger und machte ein Examen in dessen Wohnung. Ratzinger wechselte später nach Tübingen zu Hans Küng, ehe er zum konservativen Graber nach Regensburg ging. Angesichts der Auseinandersetzungen mit den Studenten der 1968er-Bewegung sei Ratzingers Schluss gewesen, die liberale Theologie ist mitverantwortlich, dass es in der Kirche so drunter und drüber geht, erzählt Schlagenhaufer. Schon im Jahr 1969, dem Jahr seiner Weihe, engagierte sich Schlagenhaufer beim "Aktionskreis Regensburg". Er habe "gespürt, dass das Konzil nicht umgesetzt wird." Später wurde er Chefredakteur der Zeitschrift "Pipeline". Das führte im Jahr 2004 zu einer Auseinandersetzung mit Bischof Müller - auf dem Titelblatt war eine Karikatur mit einem Schafott abgebildet. Daraus leitet dieser ab, er werde als Mörder diffamiert. Am Ende des Streits gab Schlagenhaufer die Chefredaktion ab. Heute verweist er darauf, dass selbst Papst Benedikt XVI. das Bild verwendet habe. Er habe nach seiner Wahl davon gesprochen, dass ihm ganz schwindelig zumute geworden sei, als er im Konklave das Fallbeil Gottes auf herabgefallen gespürt habe.

Gemeinsam spinnen

Wenn einer allein spinne, sei es problematisch, sagt Schlagenhaufer zur Arbeit des Aktionskreises. "Wenn viele zusammen spinnen, kann was daraus werden." Heute sind beim Verein rund 100 Mitglieder aktiv - inzwischen aber mehr Laien als Priester. Fünf bis sechs Mal gibt es Treffen zum Austausch und zu Vorträgen. Zudem wird zweimal jährlich die "Pipeline" herausgegeben. Sie hat derzeit rund 500 Bezieher - ans Ordinariat geht sie aber nicht mehr.

Dank Papst Franziskus gebe es heute wieder so ein Erlebnis wie durch das Zweite Vatikanische Konzil, ist der 77-jährige Schlagenhaufer überzeugt. Unter Kardinal Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation sei rund 120 Theologen die Lehrbefugnis entzogen worden, darunter auf Betreiben von Bischof Müller auch dem Regensburger Professor August Jilek. Heute sei mehr möglich, jeder könne freier sprechen. Für Schlagenhaufer ein Gewinn. Im Laufe des Gesprächs verweist er auf die Aussage eines Pfarrgemeinderats, der sich für die tolle Zeit bei Pfarrer Bayer bedankt habe. Nur durch kritische Auseinandersetzungen, die dieser damals zugelassen habe, hätten sie einen Bezug zur Kirche gefunden. Für eine kritische Auseinandersetzung steht auch Schlagenhaufer.

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