22.04.2021 - 10:27 Uhr
Röthenbach bei KohlbergOberpfalz

Von Gloserern, schwerer Arbeit und gewaltigem Bier-Durst

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Das kleine Röthenbach, heute Teil der Marktgemeinde Kohlberg, ist einst ein Ort der Eisenverarbeitung, einer Glas- und Spiegelglasschleife. Die Arbeiter sind zum großen Teil Deutsch-Böhmen aus dem Sudetenland.

Die Gebäude der von Grafenstein'schen Schlossbrauerei und Schnapsbrennerei fristen heute ein trauriges Dasen im verwaisten Gutshof.
von Autor JMLProfil

Röthenbach hat schon von jeher ein Eigenleben in der Marktgemeinde Kohlberg geführt. Dort existierte seit etwa 1450 ein einzelner großer Gutsbetrieb mit 416 Hektar Grundbesitz (im Jahre 1898). Schon ab 1250 gab es Eisenverarbeitung (Bleischmelze und später Hammerwerk), und ab zirka 1759 Glasveredelung. Mit dieser Jahreszahl ist die Glas- und Spiegelglasschleife in einer Urkunde erwähnt.

Das Rohmaterial wurde damals von anderen Glashütten zugekauft. Zwischen 1860 und 1866 kam ein Glaspolierwerk dazu. Um 1867 wurde die (Glas-)Perlhütte mit dem ersten Perlofen errichtet. Man produzierte dort „Paterln“, also Rosenkranzperlen und Knöpfe aus Glas in allen Farben des Regenbogens.

Das Aus kommt 1928

Groß aufgezogen hatte der damalige Besitzer Georg Hermann von Grafenstein dann 1873 die Errichtung einer Spiegelglashütte am Bahnhof mit den Arbeiterhäusern (das sogenannte Langhaus und – 1899 – das Hochhaus). Seit dem Inflationsjahr 1923 kriselte es aber in der Glasindustrie. 1928 musste der Brennofen endgültig „kaltgeschürt“ werden. Röthenbach war gegenüber den neu entstandenen Fließglas-Werken (zum Beispiel der „Tafel-Salin- und Spiegelglasfabriken AG“ in Fürth, Werk Weiden – der späteren DETAG) nicht mehr konkurrenzfähig. Mit der Glashütte wurden auch die Schleife und die Polier stillgelegt. Damit ging in dem Hüttendorf Röthenbach eine über 150-jährige Glasära zu Ende.

Zum Glasschmelzen wurden gelernte Arbeitskräfte benötigt. Diese kamen zum großen Teil als Deutsch-Böhmen aus dem Sudetenland. Sie hatten damals noch die österreichische k.u.k.-Staatsbürgerschaft und brachten ihren eigenen Dialekt und ihre Gewohnheiten in den Ort mit. 40 bis 50 Arbeiter mit ihren Familien fanden in Röthenbach Arbeit.

Die Glasmacher waren bekannt für Frohsinn und Bierseligkeit, wobei beides auch eine Ausgleichsfunktion für die schwere 12- bis manchmal 18-stündige Arbeit hatte. Sie liebten deftige und fleischreiche Kost, welche für die damaligen Oberpfälzer Verhältnisse ungewöhnlich oft verzehrt wurde. Auch saß das Geld bei ihnen recht locker, in den Wirtshäusern ließen sie es schon mal richtig „krachen“.

Dies erzeugte bei den armen Knechten und Mägden der kleinen Bauernhöfe natürlich Neid und Missgunst. Sie knurrten, wenn die

„Böihm“ (Böhmen) auftrumpften: „Wos aa rechter Glosmacher is, der kaa so vöi (viel) Böier goua niat trinker, wöi a mechert und brauchert!“ Daraus entstanden Spottverse wie dieser: „Döi Glosmacherleit san goar lustiche Herrn und wenns halt koi Göld niat hom, klimperns mit de Scherbn!“

Sitzweil nach harter Arbeit

Lustige Leute waren sie schon auch. Nach ihrer harten Arbeit saßen sie gerne abends auf den Bänken vor den Wohnhäusern oder im Dorfwirtshaus zur Sitzweil, machten mit Zither, Gitarre und „Quetschn“ (Knopfharmonika) Musik, sangen oder „ratschten“ (plauderten) einfach. Auch eigene Festlichkeiten gab es bei den Glasmachern. Sie veranstalteten Bälle, wozu sämtliche Glasmacherfamilien aus den umliegenden Hüttenstandorten eingeladen wurden. In Röthenbach hatten sie im Langhaus dazu einen Tanzboden mit etwa 45 Quadratmetern Fläche. Als alten Brauch pflegten sie zur Faschingszeit mit einer Pferde-Attrappe den „Schimmelkauf“ vor dem Schloss. Der Hüttenherr musste „bieten“. Der „Kaufpreis“ wurde meist noch an Ort und Stelle im Wirtshaus vertrunken.

Noch einmal zurück zum Bier. Um 1843 hat die Familie von Grafenstein ihre Brauerei gegründet. Eine Schnapsbrennerei bestand vermutlich schon vorher. Nach 1945 wurden jährlich etwa 6000 bis 7000 Hektoliter gebraut. Zwei Lastwägen brachten das Getränk zu den Wirten der umliegenden Ortschaften.

Als einmal ein Abnehmer einen Extra-Rabatt für seine Schenke in einem Zehn-Häuser-Dorf aushandeln wollte, bekam er vom Herrn von Grafenstein die Antwort: „Was wollen’s denn? Was Sie an Bier brauchen, das trinkt bei mir ein Glasmacher schon alleine!“ Als ein alter Wirt einmal gefragt wurde, ob es denn von der Grafenstein’schen Schloßbrauerei auch Wirtshausschilder aus Emaille gegeben habe, lachte dieser. „Ja, wou denkst’n hi! Asser Böierfilzler houts vo dene nix gebn. Aa Mal, so wohrscheints in di zwanzger Jouer hom’s vo uns sogouer di Böierkröigler gholt, waal se’s fir aa gröißers Festl in Röihmboch braucht hom.“ Ja, man war sparsam in jenen Zeiten! Freigiebig aber zu den eigenen Leuten.

Deputatbier für Glasmacher

Im Bräustüberl, der „Wix“, gab es den Bräutrunk für die Angestellten kostenlos und das verbilligte Deputatbier für die Glasmacher war tägliches Volksnahrungsmittel. Bei ihrer heißen Tätigkeit an den Brennöfen brauchten sie es aber auch dringend.

  • In diesen Artikel sind Informationen aus der Röthenbach-Chronik von Konrad Weigl, den heimatgeschichtlichen Aufzeichnungen von Lehrer Anton Meindl, der Facharbeit über die Oberpfälzer Spiegelglasindustrie von Burkhard von Grafenstein sowie aus dem Historischen Atlas Altbayern von Heribert Sturm eingeflossen.

Dorflitaneien aus Ursensollen

Ursensollen
Mit bunten Paterln (Rosenkranzperlen) und Glasknöpfen begann um 1867 die Ära der Glasherstellung im Kohlberger Ortsteil Röthenbach.

 

 

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